Geköpft und verscharrt
Kreisarchäologen untersuchten Grab der "Roten Lena" bei Ohrensen

Steine inmitten des Sandbodens wiesen Kreisarchäologe Daniel Nösler den Weg zum Sarg der "Roten Lena"
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jab. Ohrensen. Die Erde auf dem Acker zwischen Harsefeld und Ohrensen lässt inzwischen nicht mehr erahnen, dass noch vor Kurzem hier archäologische Grabungen stattgefunden haben. Gesucht wurde nach den Überresten einer Giftmörderin aus dem Jahr 1842. Ihre Knochen befinden sich derzeit in einem Labor bei Göttingen zur anthropologischen Untersuchung, weiß Kreisarchäologe Daniel Nösler.

"Normalerweise führen wir an den Skeletten aus dieser Zeit nicht allzu viele Untersuchungen durch", sagt Nösler. Denn hier wisse man schon sehr viel über die Lebensumstände der Menschen. Doch bei diesem Fund handelt es sich um eine besondere Person. Die "Rote Lena", wie sie aufgrund ihrer roten Haare genannt wurde, ist eine der letzten Gefangenen, die vor Publikum in dieser Region hingerichtet wurde.

Neue Methode überführt die Giftmörderin

Anna Marlena Princk aus Buxtehude wurde zum Tode verurteilt, weil sie ihren Mann umgebracht hatte. Die Haushälterin hatte einen Liebhaber und wollte daher ihren Ehemann loswerden. Mit sogenannter Mäusebutter, Butter mit Arsen gemischt, die es in Apotheken zu kaufen gab, vergiftete sie ihn. Was die Frau aber nicht wusste: Damals kam es zu vielen Todesfällen durch Arsenvergiftungen, weswegen gerade erst ein Verfahren entwickelt worden war, mit dem das Gift nachgewiesen werden konnte. Auch der Tod des Ehemannes wirkte verdächtig, da er relativ jung und gesund war, weswegen eine Obduktion durchgeführt und anschließend die "Rote Lena" und ihr Liebhaber überführt wurden. Beide wurden in eine Gefängniszelle des Harsefelder Klosters gesperrt, wo sie drei Jahre lang unter miserablen Umständen leben mussten. Der Liebhaber verstarb sogar noch in der Zelle. Nach einem, wie Nösler sagt, "fairen Verfahren" wurde sie schließlich zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Richtschwert und -stuhl sind bis heute erhalten geblieben
  • Richtschwert und -stuhl sind bis heute erhalten geblieben
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"Über die Hinrichtung wissen wir nahezu minutiös Bescheid", sagt Nösler. Denn das Makabere: Die Hinrichtung wurde regelrecht inszeniert mit Regieanweisungen in den Akten. Singende Schulkinder holten die Verurteilte aus ihrer Zelle ab und begleiteten sie bis zum Richthügel, wo sie bis zur Vollstreckung des Urteils weitersangen. Vor rund 3.000 Zuschauern wurde sie auf den Richtstuhl geschnallt und durch den Scharfrichter mit dem Schwert enthauptet. "Der Körper samt Kopf wurden in einen Sarg geworfen und in nicht geweihter Erde direkt neben dem Richthügel vergraben", erzählt Nösler.

Grabfund war Zufall

Dass das Grab der verurteilten Mörderin nun überhaupt gefunden wurde, ist dem Zufall geschuldet, erklärt der Archäologe. Nöslers Kollege Dietrich Alsdorf erfuhr bereits in den 60er Jahren von dieser Geschichte, doch Genaueres wurde nicht erzählt. Später bekam ein Mitarbeiter des Katasteramtes, der ebenfalls von der "Roten Lena" wusste, ein kleines Vermessungsbüchlein mit alten Koordinaten in die Hände. Er rechnete sie um und stieß dabei auf den Richthügel nahe Ohrensen. Über Jahre hinweg wurde immer wieder Stück für Stück das Feld abgelaufen und sondiert, bis die Archäologen tatsächlich auf einen Bereich stießen, in dem sich das Grab befinden sollte. Die Ausgrabung fand laut Nösler gerade noch rechtzeitig statt. Da sich das Grab nur wenige Zentimeter unterhalb der Ackerfurche befand, wäre es bald wohl zerstört worden.

Zunächst stießen die Archäologen auf Steine, in einem Bereich, wo sonst nur Sand vorhanden war. "Ein Zeichen, dass die Menschen den Sarg beschwert haben, um sich vor Wiedergängern zu schützen", erklärt Nösler. Denn trotz Aufklärung war der Aberglaube noch weit verbreitet. Im Sarg lag das Skelett der "Roten Lena" mit abgetrenntem Kopf an ihren Füßen.

Der Kopf der Enthaupteten lag zu ihren Füßen im Sarg
  • Der Kopf der Enthaupteten lag zu ihren Füßen im Sarg
  • Foto: Kreisarchäologie
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Während der Ausgrabung seien sogar Nachfahren der Frau dabei gewesen, sagt der Kreisarchäologe. "Das war sehr bewegend." Nach den derzeitigen Untersuchungen sollen ihre sterblichen Überreste auf einem Friedhof in der Umgebung ihre letzte Ruhestätte finden. "Aus Gründen der Pietät", erklärt Nösler.

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Autor:

Jaana Bollmann aus Stade

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