Professor Dr. Henning Austmann referiert zum Thema "Global denken, lokal handeln"
Kultur der kollektiven Potentialentfaltung

Prof. Dr. Henning Austmann lehrt an der Hochschule Hannover. In Ahlerstedt referiert er über kollektive Potentialentfaltung für einen zukunftsfähigeren Lebensstil
  • Prof. Dr. Henning Austmann lehrt an der Hochschule Hannover. In Ahlerstedt referiert er über kollektive Potentialentfaltung für einen zukunftsfähigeren Lebensstil
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(ab). Die Vortragsreihe "Geht's noch anderes? - Zeit für Alternativen" geht ins zweite Halbjahr. Wie berichtet, ist Professor Dr. Henning Austmann (42) erster Referent. Er hält seinen Vortrag mit dem Titel "Global denken, lokal handeln: Kollektive Potentialentfaltung für einen zukunftsfähigen Lebensstil" am Mittwoch, 11. September, um 19 Uhr in Ahlerstedt (Zevener Straße 30, Schule am Auetal). Der Eintritt ist frei. Dem WOCHENBLATT hat Austmann, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Nachhaltigkeit an der Hochschule Hannover, ein Interview gegeben.

WOCHENBLATT: Professor Austmann, Sie wohnen selbst in einem Dorf, machen sich "stark für mehr Lebensfreude auf dem Land", sind Mitbegründer der Ideenwerkstatt Dorfzukunft. Was hat Sie dazu motiviert? 
Henning Austmann: Ich beschäftige mich seit ca. 15 Jahren mit der Frage, wie wir Gesellschaft und Wirtschaft umzubauen hätten, um natürliche Lebensgrundlagen unserer eigenen Spezies nicht weiter zu vernichten. 2012 traf dieses Streben nach globaler Zukunftsfähigkeit auf klassische ländliche Zukunftssorgen in unseren Dörfern, wie die Rettung unserer Grundschule, die Sehnsucht nach einer hochwertigen Lebensmittelversorgung vor Ort, zunehmende Leerstände. Dabei haben wir schnell festgestellt, dass sich diese beiden Perspektiven - die Suche nach Lösungen für globale und für lokale Herausforderungen - wunderbar gegenseitig befruchten können.

WOCHENBLATT: Ist es leichter, Dorfleben zukunftsfähiger zu gestalten als Stadtleben? 
Henning Austmann: Ausreichendes Gestaltungspotential sehe ich zwar hier wir dort, aber unterschiedliche Ausgangssituationen. Ich glaube, dass die Wandel-Notwendigkeit in Städten durch den hohen Fremdversorgungsgrad einer Stadt, also die Abhängigkeit von dauerhaft funktionierenden Versorgungsketten in Städte hinein und Entsorgungsketten aus der Stadt hinaus, deutlich höher ist. Dörfer bieten einen klaren, überschaubaren Bezugsrahmen, in dem sich Menschen z.B. durch reges Vereinsleben und jahrzehntelange Nachbarschaft gut kennen. Mir persönlich gefällt es, wie unternehmerisch Menschen in Dörfern loslegen, statt alles in endlosen Diskussionsschleifen zu zerreden. Von entscheidender Bedeutung war und ist es für uns, eine Kultur der kollektiven Potentialentfaltung zu etablieren, in der sich Menschen herzlich-offen begegnen und sich ständig gegenseitig zur Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes einladen.

WOCHENBLATT: Der Titel Ihres Vortrags spricht wahrscheinlich in erster Linie Menschen an, die sich bereits für Themen wie Nachhaltigkeit, solidarisches Miteinander und Transition interessieren. Welche Möglichkeiten sehen Sie, auch andere Menschen dafür zu begeistern?
Henning Austmann: Ich glaube, dass es uns nicht gelingen wird, alle Menschen gleichermaßen zum Nachdenken und Handeln zu bewegen. Daher sind wir für die Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen auf einen Umbau der Rahmenbedingungen durch Politik angewiesen. Insbesondere muss Politik die Marktwirtschaft reparieren, ökologisch und sozial schädliches Handeln eindämmen. Und wir müssen unser Finanzsystem grundlegend reformieren. Nur: Damit große Politik sich dieser Reformen annimmt, müssen wir als informierter, empathischer und engagierter Teil der Zivilgesellschaft mit dem Wandel anfangen und notwendige politische Reformen wählbar machen. Eine Abkehr von unserem Dauerwachstum-Dauerkonsum-Überfluss-Wahnsinn würde viele wunderbare Wirkungen mit sich bringen: Weniger Stress, weniger Reizüberflutung, geringere finanzielle Bedürfnisse, mehr Resonanz, höhere Unabhängigkeit, gestärkte Krisenfestigkeit und ein gesteigertes Gemeinschaftsgefühl. Insgesamt würden wir auf einem niedrigeren Konsum- und Produktionsniveau also nicht nur unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, sondern auch noch - so paradox das zunächst klingt - eine Zunahme an Lebensqualität erreichen, und dabei eine ökologisch-, sozial- und ökonomisch verträgliche Entwicklungsperspektive für alle Nationen der Welt bieten.

WOCHENBLATT: Nachhaltigkeit ist zu einem beinahe schon trendigem Schlagwort geworden. Was beinhaltet Ihrer Meinung nach ein nachhaltiger Lebensstil?
Henning Austmann: Für die Entwicklung eines echt-nachhaltigen Lebensstils empfehlen wir eine Rückbesinnung auf Gestaltungsprinzipien der Natur, darunter u. a. Kreislaufwirtschaft, Entschleunigung, Entrümpelung, Entkommerzialisierung, Dezentralisierung und Re-Regionalisierung. Praktisch und konkret ausgedrückt würde das bedeuten: Eine gesündere, fleischarme Ernährung mit regional und regenerativ produzierten Lebensmitteln, eine aufwandsreduzierende Zurückführung möglichst vieler Arbeitsplätze in das Wohnumfeld, eine kostensenkende Nutzung geteilter oder öffentlicher Mobilität (weg vom Individualverkehr und Flügen), ein gesundheitswahrendes ökologisches und flächenschonendes Bauen (ohne Neubaugebiete), ein zeitstiftendes und kostensenkendes Multigenerationen- bzw. Mehrparteien-Wohnen, eine stress- und kostenreduzierende Abkehr vom Dauerkonsum durch die längere und geteilte Nutzung von Gütern des täglichen Bedarfes, und ein aus all dem resultierender deutlich geringerer Energiebedarf, der ausschließlich durch dezentralisierte, demokratisierte, regenerative Produktion gedeckt wird. 

WOCHENBLATT: Laut Experten nähert sich der ökologische Kollaps rasant, was ist ratsamer: langsames Umdenken oder schnelle radikaler Schritte?
Henning Austmann: Meine Wahrnehmung ist, dass wir keine Zeit mehr für weiteres langsames Umdenken haben. Politik, Wirtschaft und Medien wissen seit ca. 40 bis 50 Jahren von der Endlichkeit unseres aktuellen Lebensstils in Industrienationen. Statt konsequent den notwendigen tiefgreifenden Wandel anzuschieben, haben es sich große Politik und Wirtschaft – getrieben durch den unreflektierten Glauben an immer mehr Wachstum, Industrialisierung und Globalisierung – zur Aufgabe gemacht, einen nicht-zukunftsfähigen Dauerkonsum-Lebensstil auch in die letzten Winkel der Erde zu exportieren. Die daraus resultierende globale Entwicklungskurve von materiellem Wohlstand, Energie- und Ressourcenverbrauch folgt der exponentiellen Logik von Krebs. Finanziell profitiert schon seit längerer Zeit nur noch eine sehr kleine Gruppe mächtige und vermögende Menschen von diesem Raubbau. Wer sich in unserer Lage weiter gegen deutlich konsequenteres, signifikant anderes Handeln stellt, unterschätzt die Dringlichkeit einer kollektiven 180-Grad-Wende und ignoriert die Tatsache, dass der unmittelbar bevorstehende letzte Schritt in den Abgrund unumkehrbar wäre.

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