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AUF EIN WORT: Wo ist bloß die Protestkultur geblieben?

Hat am friedlichen Protest gegen den G 20-Gipfel teilgenommen: Jörg Dammann Foto: privat
Kürzlich landete ein Aufruf im Mail-Eingang vom WOCHENBLATT: "Nein zum niedersächsischen Polizeigesetz", steht im Betreff. Absender ist die Grüne Jugend Niedersachsen. Die politische Jugendorganisation will am 8. September eine Großdemo in Hannover organisieren. Dem Polit-Nachwuchs der Grünen missfällt u.a. die geplante Verschärfung des Versammlungsrechts. Die Kritik der Grünen Jugend mag man teilen - oder auch nicht: Wenigstens befassen sich junge Leute mit politischen Themen und bilden sich eine eigene Meinung. Das ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr - weder bei den Jugendlichen noch bei der jetzigen Elterngeneration.

In diesem Jahrzehnt war immer wieder von den sogenannten "Wutbürgern" die Rede. Der Begriff wurde sogar zum Wort des Jahres gekürt. Doch wogegen haben diese wütenden Bürger ihren Zorn gerichtet? Ging es um große gesellschaftliche Themen? Nein, der Zorn der Wutbürger entstand meist aus ganz privater Betroffenheit. Vor allem, wenn es ihm ans Portmonee gehen sollte, wurde der deutsche Michel, dessen Duckmäusertum schon die Revolutionäre von 1848 beklagten, in den vergangenen Jahren zum kleinen Rebellen.

Doch selbst damit ist es jetzt fast vorbei. Zu den Ausnahmen zählen die "unbeugsamen Gallier" in Schölisch, die sich gegen den Straßenausbaubeitrag wehren und die in Stade sogar eine kleine Demo auf die Beine gestellt haben. Dabei gibt es auch im Landkreis sicher genügend Anlässe, dass die Bürger ihren Protest in irgendeiner Form artikulieren. So könnten beispielsweise die Gegner des umstrittenen Brückenbaus in Harsefeld mal zur nachmittäglichen Rush Hour durch die Ortsmitte ziehen statt nur auf Facebook und Co. zu zetern. Oder die Anlieger der Rübker Straße in Buxtehude - die beschauliche Straße soll ein Autobahnzubringer werden - mal einen Sit-in auf einer der großen Kreuzungen in der Stadt organisieren, statt nur auf der Homepage ihrer Bürgerinitiative herumzumeckern.

Doch diese Form des Protestes ist natürlich bequemer. Man sitzt gemütlich daheim und macht seinem Unmut per Mausklick Luft. Wie anders war doch die Protestkultur der siebziger und achtziger Jahre, in die ich als Jugendlicher ganz selbstverständlich hineingewachsen bin. Wir haben als Schüler jegliche Autorität in Frage gestellt und gingen gegen Atomkraft und nukleare Nachrüstung auf die Straße.

Demos waren damals eine selbstverständliche Form des Widerstands. Nach dem Motto "wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt" demonstrierten wir in Brockdorf oder in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Was heute die Kommentare auf Facebook sind, waren früher unsere Transparente.

In dieser Hinsicht bin ich geradezu "konservativ": Online-Resolutionen sind mir zuwider. Ich zeige meinen Protest lieber öffentlich - sei es vor ein paar Jahren auf den letzten beiden großen Gorleben-Demos, sei es auf Kundgebungen gegen eine restriktive Flüchtlingspolitik oder - wie vor einem Jahr - auf der großen G 20-Demo im Hamburg, die übrigens friedlich verlief und am Ende fast Festival-Charakter hatte.

Den jungen Leuten sei gesagt: Zusammen mit Zehntausenden von Gleichgesinnten für die gemeinsame Überzeugung einzutreten, ist ein tolles Gefühl.

Jörg Dammann