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Das Trauma der Flucht verarbeiten

Flüchtlinge benötigen nicht selten psychische Hilfe Symbolfoto: Archiv

Wie kommen Flüchtlinge im Landkreis Stade mit dem Erlebten zurecht?

jd. Landkreis. Ein Abend im August in einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis: Bei einer Feier rastet ein junger Flüchtling plötzlich aus, geht mit einem Küchenmesser auf Mitbewohner los. Die Umstehenden können Schlimmeres verhindern. Die Polizei wird gerufen, nimmt den Mann über Nacht in Gewahrsam. Am nächsten Tag wird der Mittzwanziger wieder nach Hause entlassen. Eine weitere Handhabe, ihn festzuhalten, gibt es nicht. Dabei wird der Sudanese von anderen Flüchtlingen bereits wegen seiner unvermittelten Gewaltausbrüche gefürchtet. Der junge Mann ist offenbar psychisch krank. Ein Einzelfall? Wohl kaum. Aber nur selten werden solche Vorkommnisse publik. Dass Flüchtlinge später mit Aggression auf das reagieren, was sie in ihrer Heimat und auf der Flucht an Gewalt und Brutalität erlebt haben, ist nicht ungewöhnlich. Der Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen war kürzlich Thema im Sozialausschuss des Landkreises.

Auf der Sitzung berichtete AWO-Kreisverbands-Geschäftsführerin Anna Vaccaro-Jäger über die Erfahrungen zum Thema Flüchtlinge und psychische Erkrankungen. Dass das Erlebte häufig erst ein, zwei Jahre nach der Ankunft der Flüchtlinge im sicheren Gastgeberland "aufploppe", sei typisch. "Folter, Kriegshandlungen, Verlust von Angehörigen - das kommt oft erst jetzt hoch." Bei psychischen Erkrankungen von Flüchtlingen stehe man aber vor dem gleichen Problem wie bei Deutschen: Die Therapeuten seien rar gesät, Termine gebe es fast keine. Hinzu kämen die Sprachbarriere und kulturelle Hemmnisse.

Anders als bei einheimischen Patienten seien Traumata bei Flüchtlingen meist viel schwerer: "Die Menschen haben häufig so viel Schlimmes erlebt." Es sei daher nicht verwunderlich, wenn einige sich in eine "tickende Zeitbombe" verwandeln würden und sie womöglich "ausrasten".

Allerdings machte Dr. Gerhard Pallasch, Leiter des Kreis-Gesundheitsamtes, deutlich, dass nur bei einem Teil der Flüchtlinge solche psychischen Probeme auftauchen: "Die Mehrheit der Betroffenen entwickelt keine derartigen posttraumatischen Belastungsstörungen." Viele würden es von sich aus schaffen, schreckliche Erlebnisse zu verarbeiten. Sinnvoll sei hier ein niedrigschwelliges Angebot, so Pallasch, etwa durch angeleitete Selbsthilfe.

Im oben geschilderten Fall des jungen Sudanesen sieht das wohl anders aus: Hier wäre eine professionelle Therapie - und das möglichst schnell - erforderlich. Doch Pallasch räumt ein. "Solche Experten sind rar gesät." Wer besonders schwere Krankheitsbilder entwickele, finde nur selten sofort angemessene Hilfe. Aus der Politik kam die Anregung, zumindest ein Kriseninterventionsteam einzurichten.