Notaufnahmen in Not!

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Immer mehr Patienten ohne akute Symptome verstopfen die Ambulanzen der Krankenhäuser / Strukturwandel gefordert

mi. Landkreis.  Mit Halsschmerzen in die Notaufnahme? Für manchen Zeitgenossen gängige Praxis: Die Krankenhäuser in Niedersachsen, auch in den Landkreisen Harburg und Stade, kämpfen mit immer volleren Notaufnahmen. Viele der Patienten in den Ambulanzen sind dabei keine echten Notfälle, sondern lassen sich dort behandeln, weil sie zeitnah keinen Arzttermin bekommen konnten. Auch die Zahl der Fälle, die nicht mehr in der Lage sind, die Schwere ihrer Verletzung realistisch einzuschätzen und "auf Nummer sicher" in die Notaufnahme fahren, nimmt deutlich zu.
Tobias Krick, Vertreter des Landkreises Harburg in der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Gesundheitswesen (ASG), hat sich mit dem Thema ausführlich beschäftigt. Er spricht von einer dramatischen Situation: In einigen Krankenhäusern läge die Spitzenwartezeit bei acht bis zwölf Stunden. Andreas Krick: "Statistiken zeigen, dass ein Großteil der Fälle dort auch durch den ärztlichen Bereitschaftsdienst hätte versorgt werden können." Das Problem: Die Bereitschaftsdienste werden immer seltener angeboten ebenso wie offene Sprechstunden bei Hausärzten. Spontan einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen, ist so gut wie unmöglich. Die Ambulanzen werden so immer mehr zu einem Notnagel in einem dringend reformbedürtigen Gesundheitssystem.
Die Wartezeiten im Krankenhaus in Buchholz liegen laut dem Ärztlichen Direktor Dr. Christian Pott zwar unter den von Krick genannten Spitzenwerten, doch auch hier werden deutlich mehr Patienten behandelt als früher. In der Inneren-Ambulanz dauere es demnach im Durchschnitt 53 Minuten bis zum Kontakt mit dem Arzt. In der Chirurgie 73 Minuten. In Einzelfällen auch länger. Bei lebensbedrohlichen Fällen finde der Kontakt aber quasi sofort statt.
Das Problem sei laut Dr. Pott ein sehr komplexes. Christian Pott: "Wir stehen vor einem massiven Umbruch im Gesundheitswesen." Schon jetzt verlagere sich die Behandlung plötzlich auftretender Beschwerden zu einem großen Teil ins Krankenhaus. Dr. Pott: "Ich denke, dass der Trend, die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu nutzen, unumkehrbar ist und sich noch verstärken könnte."
Wurden in Buchholz im Jahr 2010 noch 8.500 Patienten in der Notaufnahme für Innere Medizin registriert, ist die Zahl bis zum vergangenen Jahr auf 12.000 gestiegen. Auch der Prozentsatz derjenigen, die gleich wieder aus der Notaufnahme entlassen wurden, ist um fünf Prozent auf 35 Prozent gestiegen. Von den 12.000 Patienten im Jahr 2017 kamen fast ein Viertel (2.700) selbst, also nicht mit dem Krankenwagen, zur Notaufnahme. Hier kann im Gros von weniger akuten Fällen ausgegangen werden, die eigentlich einen Arzt hätten aufsuchen müssen.
Niedergelassene Ärzte mit festen Terminen entsprechen allerdings offenbar immer weniger der Lebenswirklichkeit einer "just-in-time"-Gesellschaft. Außerdem seien die Wartezeiten auf einen Termin oft viel zu lang. Die kassenärztlichen Notfallpraxen sind laut Dr. Pott wegen zu kurzer Öffnungszeiten derzeit nicht in der Lage, die Notaufnahmen spürbar zu entlasten. Dr. Pott stellt deswegen eine andere Lösung zur Diskussion: "Die Notaufnahmen der Krankenhäuser müssten langfristig in enger Kooperation mit den Kassenärzten zu Behandlungszentren umstrukturiert werden, die personell und vor allem finanziell so ausgestattet sind, dass sie als Anlaufstelle für alle Patienten mit plötzlich auftretenden Beschwerden fungieren können." Von diesem Ziel sei man aber weit entfernt. Dr. Christian Pott: "Jede Notfallambulanz ist unterfinanziert." Ein Beispiel: Erhält ein Patient in der Notaufnahme keine Behandlung, zahle die Krankenkasse dafür 4,50 Euro. Das sei in keiner Weise auskömmlich. Schließlich muss der Patient vor einer solchen Entscheidung von einem Arzt untersucht werden.
Michael Lilienkamp, der seit 30 Jahren die Notaufnahme in den Elbekliniken leitet, kritisiert, dass die Kassenärzte ihre Verantwortlichkeit für die ambulante Notfallbetreuung quasi komplett an die Krankenhäuser abgegeben hätten. Die Zahl der Patienten in der Notaufnahme steigere sich jedes Jahr um ca. fünf Prozent. In 2017 habe sie bei 50.000 Patienten gelegen, 17.000 davon seien stationär aufgenommen worden. Dass immer mehr Patienten mit Bagatellen in die Ambulanzen strömten, belaste nicht nur die Notaufnahmen über Gebühr, sondern verursache auch extreme Kosten im Gesundheitswesen. Die Behandlungsintensität sei im Krankenhaus höher. Lilienkamp: "Wenn ein Patient in der Notaufnahme über Kopfschmerzen klagt, kriegt er das volle Programm inklusive CT." Nur so seien die Kliniken nämlich juristisch auf der sicheren Seite. "Stellen wir uns mal vor, der Kopfschmerz-Patient stirbt an einer Hirnblutung, die man beim CT hätte erkennen können. Einem Hausarzt kann man daraus keinen Strick drehen. Einem Krankenhaus, das über modernste Diagnosetechnik verfügt und sie nicht eingesetzt hat, aber schon", so Lilienkamp. Insider berichten, wie weit diese Behandlungs- und Diagnoseakribie reicht: "Da wird der ganze Arm chirurgisch steril abgedeckt, um eine Zecke zu entfernen, und bei leichtem Fieber gleich ein komplettes Blutbild im Labor angefordert." So sinnvoll eine umfassende Diagnose im Einzelfall sein mag, Lilienkamp beklagt, dass sich bei den Patienten immer mehr eine "all-inclusive-Mentalität" einstelle. Mal in die Notaufnahme gehen, um sich gründlich durchchecken zu lassen, das käme immer häufiger vor.
Uwe Kanzler, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Elbekliniken Buxtehude, erklärt, dieses Anspruchsdenken führe auch zu einer sehr hohen psychischen Belastung des Personals. "Manche Patienten, die nicht sofort das bekommen, was ihnen ihrer Ansicht nach zusteht, lassen ihren Frust nicht selten an Ärzten und Pflegekräften aus“, berichtet Kanzler. Verstärkt werde diese Entwicklung noch durch die Versprechen der Politik, wer keinen zeitnahen Facharzttermin bekomme, dürfe sich im Krankenhaus ambulant versorgen lassen.
Eine Lösung für das Problem der überfüllten Notaufnahme wird derzeit viel diskutiert. Es geht darum, in Zusammenarbeit mit dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst sogenannte Portalpraxen in den Krankenhäusern einzurichten. Deren einzige Aufgabe es ist, die Patienten an die richtigen Stellen zu vermitteln. In Berlin und einigen anderen Großstädten werden solche Modelle mittlerweile erfolgreich betrieben.

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