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Streit um Kunst eskaliert mal wieder

Die Bahnbrücke soll wieder zu einem vorzeigbaren Portal nach Jesteburg werden Fotos: mum / archiv
 
Hans-Heinrich Aldag (CDU) ist Chef der Waldklinik und Vorsitzender des Samtgemeinderates
 
Sieht in dem Vorgehen den "typischen Jesteburger Kultur-Klüngel": UWG-Chef Hansjörg Siede

Droht da etwa der nächste Kunst-Ärger in Jesteburg? Nachdem sich zuletzt Kunsthaus-Kuratorin Isa Maschewski ("Kunstpfad") austoben durfte, bevor sie - wohl auch aufgrund der immer lauterer werdenden Kritik an Spiegelhaus und Straßenkunst - das Handtuch geworfen hat, fürchtet die UWG Jes! nun den nächsten Kunst-Fehltritt. Diesmal geht es um die Bahnbrücke am Ortsausgang Richtung Bendestorf.
"Statt Jesteburger Künstler und Kunstinteressierte bei der Neugestaltung einzubeziehen und vielleicht sogar gemeinsam mit Vereinen und Schülern ein identitätsstiftendes Stück Jesteburg zu schaffen, wird nun eine Jury, bestehend aus Hans-Jürgen Börner, Karin Klesper und Charlotte Spelten, über die Neugestaltung der Bahnbrücke entscheiden", so UWG-Chef Hansjörg Siede. Das solle ohne Beteiligung der politischen Gremien und vor allem der Jesteburger geschehen.
Hintergrund der UWG-Kritik ist, dass Waldklinik-Chef und CDU-Mann Hans-Heinrich Aldag anlässlich seines 60. Geburtstags Spenden gesammelt hat, mit denen er nun die Bahnbrücke von einem Künstler bemalen lassen möchte.

mum. Jesteburg. Es ist noch nicht ein Pinselstrich gemacht und dennoch werden in Jesteburg schon die Messer gewetzt! Diesmal geht es um die Bahnbrücke am Ortsausgang Richtung Bendestorf. "Statt Jesteburger Künstler einzubeziehen, wird nun eine Jury über die Neugestaltung der Bahnbrücke entscheiden", so UWG-Chef Hansjörg Siede. "Ohne Beteiligung der politischen Gremien und vor allem ohne Beteiligung der Jesteburger Bürger." Dr. Hans-Heinrich Aldag (Vorsitzender des Samtgemeinderats, CDU-Kreistagsabgeordneter und Chef der Jesteburger Waldklinik) kann die Kritik nicht nachvollziehen. "Ich wurde von vielen Patienten angesprochen, wie schäbig doch die Einfahrt nach Jesteburg ist", so Aldag. Also habe er die Gäste anlässlich seines 60. Geburtstags um Spenden gebeten. Mit dem Geld möchte er dafür sorgen, dass die Brücke wieder ansehnlich wird. "Natürlich wünsche ich mir, dass meine Idee von vielen Bürgern mitgetragen wird und nicht auf Ablehnung stößt", so Aldag.
Aldag stellte eine Jury zusammen und schaltete eine entsprechende Anzeige in dem Künstler-Fachzeitschrift "Atelier". Laut Aldag sei es das Magazin für Kunst im öffentlichen Raum. Die Kritik an der Zusammenstellung der Jury teilt er ebenfalls nicht. Hans-Jürgen Börner sei Vorsitzender des zuständigen Ausschusses für Wirtschaft, Tourismus und Kultur. Außerdem schätzen sich die beiden Männer seit vielen Jahren. Aldag war 16 Jahre Vorsitzender des Vereins "Kunstwoche Jesteburg" - Börner gut acht Jahre sein Stellvertreter. Karin Klesper lenkte in dieser Zeit als Kuratorin die Geschicke des Kunsthauses und war für die sehr erfolgreiche Kunstwoche verantwortlich. Charlotte Spelten unterstützte damals Klesper und arbeitet als Kunst-Therapeutin in der Waldklinik.
"Ich verspreche mir von der Ausschreibung interessante Ideen", so Aldag, der nicht nur die Kosten der Ausschreibung, sondern auch das Honorar des Künstlers trägt. "Mein Ziel ist, dass die Gemeinde keinen Euro dazuzahlen muss", so der Waldklinik-Chef. Materialien und freie Kost und Logis werden ebenfalls von ihm übernommen.
"Wir schätzen das großzügige Engagement von Hans-Heinrich Aldag außerordentlich", so Siede. "Leider erfolgt die Spende jedoch mit erheblichen Auflagen, die die Wählergemeinschaft nicht mittragen kann. Aldag bestimmte allein über die Zusammensetzung der Jury, die nun ohne jedwede Einflussmöglichkeit der Jesteburger Bürger entscheidet." Dem widerspricht Aldag in Teilen: "Natürlich werden wir der Gemeinde den finalen Entwurf vorlegen."
Grünes Licht gab es für Aldags Plan in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Verwaltungsausschusses. "SPD, CDU und die Grünen haben das Vorgehen durchgewunken", so Siede. "Sie halten damit an ihrem elitären Kunst- und Demokratieverständnis fest." Die UWG Jes! habe stattdessen für einen Ideen-Wettbewerb geworben "Die beschlossene Vorgehensweise ist eine vergebene Chance der politisch Verantwortlichen verloren gegangenes Vertrauen durch das Kunstpfad-Desaster" zurückzugewinnen", so Siede.
• Laut Hans-Heinrich Aldag haben Interessenten noch bis Mittwoch, 10. Oktober, die Möglichkeit, sich für die Ausführung zu bewerben.


Börner wollte 15.000 Euro ausgeben

(mum). Mit der Neugestaltung der Bahnbrücke beschäftigte sich bereits der Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur im Herbst vergangenen Jahres. Politik-Veteran Hans-Jürgen Börner (SPD) hatte sich dort für ein neues Kunstwerk an der Bahnunterführung eingesetzt. Kunsthaus-Kuratorin Isa Maschewski sollte die künstlerische Aufsicht für das Projekt übernehmen. Börners Idee: Der Berliner Künstler Michael Conrads sollte für 14.935 Euro das Kunstwerk "Under the bridge" zeichnen.
Typisch für Maschewski und Börner war, dass Conrads in Jesteburg bereits tätig war - natürlich gegen Honorar. 3.000 Euro bekam er für das Straßenkunstprojekt an der Buskehre. Und auch im Kunsthaus stellte Conrads bereits aus. Nicht im Preis eingeschlossen war die Vorbereitung des Untergrunds. 2008 zahlte Jesteburg dafür 5.500 Euro. Börner zog seinen Antrag damals zurück.

Auf ein Wort

Eine vergebene Chance

Die Absichten von Hans-Heinrich Aldag sind ehrenwert. Er ist bereit, einen kleinen fünfstelligen Betrag in die optische Sanierung der Bahnbrücke zu investieren. Man kann verstehen, dass er dabei auf eine Jury mit ihm vertrauten Personen setzt. Wahrscheinlich dürfte die Umsetzung so auch deutlich schneller gehen, als wenn das Thema in typisch Jesteburger Manier zerredet wird.
Allerdings vergisst Aldag die Vorgeschichte: Viele Jesteburger haben einfach keine Lust mehr, sich von einigen wenigen vorschreiben zu lassen, wie sich Jesteburg nach außen präsentiert. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass immer weniger Jesteburger ihr Dorf als die Kunst-Metropole sehen, zu der es unter anderem Hans-Jürgen Börner machen will. Die in allen Belangen gescheiterte Straßenkunst von Isa Maschewski sowie die Diskussion um das Spiegelhaus hätten Aldag warnende Beispiele sein sollen. Vielleicht hätte Aldag zumindest die im Ort Kunstschaffenden einbinden sollen? So bleibt leider bei aller Wertschätzung für Aldag und dessen großes Engagement in vielen Bereichen der Beigeschmack, dass der Klinik-Chef nach dem Motto verfährt: "Wer zahlt, bestimmt die Musik!"
Sascha Mummenhoff

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