Früher gestottert, heute im Rampenlicht

Joachim Augustin, ein fröhlicher Mensch, der sein Stottern in den Griff bekommen hat
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Joachim Augustin hat sein einstiges Leiden erfolgreich bekämpft

ab. Neu Wulmstorf. Wie alle Eltern suchte auch die Mutter von Joachim Augustin die Schuld für den Sprechfehler ihres Kindes bei sich: Ihr Sohn war als Baby vom Waschtisch gefallen. Doch Joachim Augustin ist davon überzeugt, dass es an etwas anderem lag. Von Kindesbeinen an stotterte er: "Ich war immer ein sehr unsicherer Mensch und habe meistens negativ gedacht." Kein Selbstbewusstsein habe er gehabt, auch kein Selbstvertrauen. Die Zahl der Spielkameraden hielt sich in Grenzen. Zur Schule ging der kleine Junge immer mit Bauchschmerzen. "Hab ich die Schulaufgaben gemacht? Hab ich gelernt? Schreiben wir eine Arbeit? Solche Gedanken hatte ich auf dem Weg im Kopf."

Die Hänseleien in der Schule waren nicht schön, aber erträglich, so Augustin. Wie es stotternden Kindern heute in der Schule geht, mag er sich nicht ausmalen. Weder Logopäde noch Arzt brachten den schüchternen Jungen nach vorn. "Selbstbewusstsein und eine Alles-egal-Einstellung, das hätte mir damals geholfen." Seine Angst ging sogar so weit, dass er sich in der Schule manchmal einnässte. Er versuchte sich unsichtbar zu machen, den Kopf zwischen die Schultern geklemmt, die Schultern hochgezogen.

Die Hochzeit mit Hannelore 1967 sorgte für eine Besserung, weg ging die Stotterei aber noch immer nicht. Geschuftet hat er bis zum Umfallen. "Es war schwer, sich mit ihm zu verabreden, ihn zu fassen zu kriegen", so seine Frau. "Er hat von früh morgens bis spät in die Nacht gearbeitet." Und das machte er gut - für sich selbst aber nie gut genug. Immer blieb er kritisch.

Als Augustin die Zimmerei seines Vaters übernahm, war Kundenkontakt gefragt. "Beim Telefonieren habe ich es oft nicht mal geschafft, meinen Namen zu sagen, und hab noch vor Gesprächsbeginn aufgelegt." Auch Richtsprüche waren ein Problem, vor allem, wenn z.B. die Bürgermeister anwesend waren. Dann griff Augustin zu Finten: "Mein Kopf war wie leer. Der Richtspruch klebte in meinem Hut und ich konnte ihn ablesen. Aber sogar das fiel mir schwer."

Einmal stand er vor dem Buxtehuder Amtsgericht, als Zeuge. Vor Aufregung blieb ihm sogar das "Guten Tag" im Halse stecken. Als der Richter ihn fragte, ob sich alles so zugetragen habe, brachte Augustin kein Wort heraus und konnte nur nicken.
Einen großen Schritt in Richtung Selbstbewusstsein machte er mit seiner Meisterprüfung. Und als er selbst einen Meister einstellte, war das ebenfalls Balsam, doch das Stottern blieb.

2006 meldete er sich bei den "Estetaler Harmonikas" und stieg als Harmonika-Spieler und jüngstes Mitglied ein, war auch bei Auftritten mit dabei. Als der Sprecher der Musiker verstarb, übernahm Joachim Augustin bei Veranstaltungen dessen Part. "Plötzlich ging das. Ich traute es mir selbst zu, stand auf der Bühne und kündigte nächste Stücke an. Lachte jemand, weil ich stotterte, war mir das inzwischen egal. Nach Auftritten war ich oft bis zum nächsten Tag voller Adrenalin." Joachim Augustin ist jetzt sogar erster Vorsitzender der "Estetaler Harmonikas", zu telefonieren ist für ihn kein Problem mehr. Menschen, die stottern, möchte er Folgendes mit auf den Weg geben: "Ruhe reinbringen in Körper und Kopf, sich gerade machen, eine Alles-egal-Haltung einnehmen und selbstbewusst draufloslegen."

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