Tierversuchslabor
Landkreis bezieht Stellung zu Verstößen im LPT

Friedlicher Protest: Mitglieder der Mahnwache 24/7 Mienenbüttel und weitere Tierschützer machten mit Plakaten und Kreuzen auf das Leid der Versuchstiere aufmerksam und  wollten Antworten
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bim. Winsen. Die von der "Soko Tierschutz" aufgedeckten Missstände im Laboratory of Pharmacology and Toxicology (LPT) Neu Wulmstorf-Mienenbüttel beschäftigten jetzt den Kreisordnungsausschuss. Veterinäramtsleiter Thorsten Völker und Landrat Rainer Rempe beantworteten die Fragen von SPD, Grünen und Linken sowie die der Ausschussmitglieder und der anwesenden Tierschützer, so weit das möglich war, ohne das noch laufende Verfahren zu gefährden. Obwohl das Thema hochemotional ist, blieben alle Beteiligten sachlich. Der für mögliche Ausschreitungen ins Kreishaus einbestellte Sicherheitsdienst hatte nichts zu tun.
"Wir alle, ich und die Kreisverwaltung, waren sehr schockiert, als wir das Bildmaterial von der 'Soko Tierschutz' gesehen haben und haben zeitnah Strafanzeige gestellt. Seit Bekanntwerden der Missstände arbeiten wir mit hohem Personaleinsatz und mit Hochdruck daran, das Verfahren voran zu bringen", schickte Landrat Rainer Rempe vorweg. Jedoch sei der Landkreis Harburg darauf angewiesen, mit dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves), dem Landwirtschaftsministerium und der Staatsanwaltschaft zu kooperieren.
Thorsten Völker: "Es gibt ernstzunehmende Hinweise auf tierschutzrechtliche Verstöße, denen wir nachgehen. Teils zeigen die Aufnahmen der 'Soko Tierschutz' aber nur kurze Sequenzen, die eine juristische Bewertung erschweren." Seit Bekanntwerden der Missstände Anfang Oktober sei das LPT sieben Mal kontrolliert und Anordnungen getroffen worden. "Am 14. Oktober haben wir Strafanzeige gegen das LPT wegen der Affenhaltung gestellt, die Hundehaltung moniert und auf mögliche Unregelmäßigkeiten in Versuchen hingewiesen, die auch Gegenstand der Durchsuchung waren. Ein in einer Versuchsreihe ausgetauschter Affe und ein blutender Hund stellten den begründeten Verdacht der strafrechtlichen Relevanz dar."
Dass erst am Montag - und damit rund sechs Wochen nach Bekanntwerden der Tierschutzverstöße und Manipulationsvorwürfe bei den Tierversuchen - eine Durchsuchung der drei LPT-Standorte in Mienenbüttel, Hamburg und Schleswig-Holstein stattgefunden habe, sei der Koordinierung verschiedener Akteure über mehrere Bundesländer hinweg und dem hohen Abstimmungsbedarf der Behörden geschuldet. "Im Moment erfolgt die Auswertung des umfangreichen, sichergestellten Materials durch das Laves", so Landrat Rempe. Er machte erneut deutlich: "Wir prüfen weiter, ob die Zuverlässigkeit des Betreibers noch gegeben ist, oder ob wir die Betriebserlaubnis nach Paragraf 11 Tierschutzgesetz entziehen. Wir müssen sehr sorgfältig agieren, damit die Entscheidung gerichtsfest bleibt. Wir wollen das Verfahren zum Abschluss bringen, unabhängig davon, wer seitens des LPT was erklärt", sagte Rempe zu der Ankündigung des LPT, den Standort Mienenbüttel Ende Februar 2020 schließen zu wollen. Und er betonte erneut, dass es bezüglich der angekündigten Schließung seitens des Landkreises keine Absprachen mit dem LPT gebe.
Eine der Fragen drehte sich um die Kontrollhäufigkeit. Regulär vorgeschrieben sind bezogen auf Affen eine Kontrolle pro Jahr, bei Katzen und Hunden nur alle drei Jahre. In den vergangenen zehn Jahren habe es 31 Kontrollen, davon vier angemeldete, gegeben, berichtete Thorsten Völker. Affenkäfige mit nur einem Kubikmeter seien erst seit einer Regelung im Tierversuchsrecht seit dem 1. Januar 2017 tierschutzwidrig. "Seitdem haben die Kontrolleure keine Affen in diesen Käfigen gesehen."
Laut Landrat Rempe ist das Tierversuchslabor im Rahmen einer Schwerpunktkontrolle zu prüfen. Was angeschaut wird, entscheide der Veterinär. Seit Anfang Oktober hätten nun zusätzlich sieben risikoorientierte Kontrollen stattgefunden, das heißt, es würden nicht nur bestimmte Bereiche, sondern "der Laden von Anfang bis Ende" geprüft. Schwierig gestalte sich allerdings die Kontrolle der Versuchsaufzeichnungen. "Wenn die Versuche abgeschlossen sind, gehen die Unterlagen und die Asservate nach Hamburg", so Völker.
Derzeit befänden sich an lebenden Tieren am LPT-Standort Mienenbüttel noch 59 Affen, 201 Hunde und 49 Katzen. Zudem gebe es dort zahlreiche Kaninchen, für deren Haltung LPT eine "andauernde Genehmigung" habe, so Völker. 154 Affen waren im Rahmen zweier Transporte bereits zurück in die Niederlande gebracht worden (das WOCHENBLATT berichtete). Seit Anfang Oktober seien 25 Affen - vier aufgrund massiver Gesundheitsprobleme und drei in laufenden Versuchen - sowie zwei Katzen getötet worden. Die im LPT Mienenbüttel getöteten Tiere kämen zur Tierkörperbeseitigungsanstalt Mulmshorn.
Weiterhin von Interesse war, wie die Mitarbeiter des Veterinäramtes mit den Eindrücken einer Tierversuchsanstalt umgehen. Völker: "Mir sagten die Tierärzte: 'Es ist nicht schön, was wir da sehen, aber es ist unser Job'." Doch auch wenn sie im Rahmen ihres Studiums darauf vorbereitet würden, seien solche Einsätze für Tierärzte emotional. "Es sind keine Monster, die bei uns im Veterinäramt arbeiten. Ich zähle mich dazu", erklärte Völker.
Selbst Klaus-Dieter Feindt (SPD), sonst eher pragmatischer Zyniker, fasst das Thema an. "Wir hoffen, dass das Tierversuchslabor die Arbeit zu beenden hat." Und: "Ich sehe ein, dass die Versuche gesetzlich vorgeschrieben sind, aber dann bitteschön nicht mit diesen entsetzlichen Quälereien", sagte er und erhielt Applaus der Tierschützer.
So sieht es auch Ruth Alpers (Grüne), die als Antragstellerin an der Sitzung teilnahm. "Wir wollen, dass gar keine Kontrollen mehr nötig sind, weil das LPT keine Erlaubnis mehr hat. Irgendwo hat das System versagt - hier, in Hamburg und Schleswig-Holstein", sagte sie. Bei der Diskussion dürfe man außerdem nicht vergessen, dass es auch um Menschen gehe, die möglicherweise mit Medikamenten versorgt würden, die nicht ausreichend getestet seien.
Dem Antrag von SPD, Grünen und Linken, das Veterinäramt personell aufzustocken, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden, erteilte Rainer Rempe eine Abfuhr. "Mängel wird man mit mehr Personal nicht abstellen. Wenn jemand kriminell unterwegs ist, ist dem schwer beizukommen", meinte er.
Der AfD-Antrag, im Landkreis Harburg keine Tierversuchslabore mehr zuzulassen, wurde zurückgestellt. "Dafür sind wir nicht entscheidungsbefugt. Das Gesetz lässt Tierversuche zu, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind", erläuterte Rainer Rempe. Wenn es gewollt sei, müsse das Thema politisch auf Landes- und Bundesebene weiterverfolgt werden.

Weitere Betrugsvorwürfe gegen LPT

(bim). Das ARD-TV-Magazin "Fakt" hat am Dienstag erneut über die Tierversuchsanstalt LPT und Betrugsvorwürfe ehemaliger Mitarbeiter des LPT berichtet. Demnach war ein Mann, der anonym bleiben möchte, von 2003 bis 2005 im Tierversuchslabor tätig und u.a. für Blutentnahmen verantwortlich. Bei einer mehrmonatigen Krebsstudie an Affen sei er schockiert gewesen über die Wirkung des Arzneimittels. Zytostatika sollen die Zellteilung unterbinden und den Krebs "aushungern", ziehen aber das Gewebe in Mitleidenschaft. Bei den Versuchsaffen habe sich das durch "komplett offene Haut und rohes Fleisch" gezeigt. Außerdem sei ein verstorbenes Tier der Hochdosisgruppe durch einen anderen Affen ersetzt worden. Nach der Studie sei die Tattoonummer des ursprünglichen Tieres ausgeschnitten und den Organen des Ersatztieres zugefügt worden, berichtete der Informant.
Ein anderer ehemaliger Mitarbeiter berichtete von verfälschten Studien. Demnach seien z.B. aus festgestellten Tumoren im Test in den Studien Entzündungen geworden.
Das Pharmaunternehmen Merck, hat "nach intensiver interner Prüfung entschieden, die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen LPT zu beenden", heißt es auf der Homepage. Das LPT hatte den Zeitpunkt der Schließung des Standortes in Mienenbüttel Ende Februar in Verbindung mit einer Versuchsreihe für Merck begründet. Merck soll "Fakt" nun mitgeteilt haben, die Versuchsreihe bereits Mitte Dezember abzubrechen.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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