Wenn der Mensch nicht mehr zählt

Hassan M. hatte einen Job und lag niemandem auf der Tasche - jetzt soll er abgeschoben werden
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  • hochgeladen von Anke Settekorn

Erst ist der Job weg, dann die Selbstständigkeit: Flüchtling im Teufelskreis

as. Tötensen. Wenn man sich nur bemüht, fleißig ist, höflich und pünktlich, dann kann man es schaffen in Deutschland. Daran hat der 25-jährige Hassan M. (Name von der Redaktion geändert) lange Zeit geglaubt. Jetzt gleicht sein Leben einem Scherbenhaufen. Hassan M. ist einer von vielen Flüchtlingen im Landkreis.
Noch vor wenigen Monaten sah es so aus, als ob Hassan M. das Paradebeispiel für eine gelungene Integration ist: Seit vier Jahren lebt der Pakistaner in Tötensen. Hat in dieser Zeit Deutsch gelernt und einen Job gefunden. Er hat Steuern gezahlt und im Sportverein Tischtennis gespielt. Hassan M. war angekommen - bis die Bürokratie sich einschaltete.
Weil er nicht vor rassistischer oder religiöser Verfolgung geflohen ist, sondern wegen einer Familienfehde seine Heimat verlassen musste, hat Hassan M. in Deutschland kein Asyl erhalten. Er ist lediglich geduldet. Weil er zudem keinen gültigen Pass besitzt, wurde ihm jetzt die Arbeitserlaubnis entzogen. Er sitzt in der Zwickmühle: Ohne Pass darf er nicht arbeiten, mit Pass droht die Abschiebung. Dass er auf eigenen Beinen stand, sich um seine Integration bemüht und sich ein Leben aufgebaut hat - all das spielt keine Rolle bei der Entscheidung.
Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, die ihm seit seiner Ankunft zur Seite stehen, sind frustriert. "Es ist enttäuschend, wenn einer der Engagiertesten nun in seine Heimat geschickt werden soll, während andere sich auf ihrem Status des unsicheren Herkunftsortes ausruhen." 

Gefangen in der Zwickmühle

"Das ganze Leben ist ein Problem." Traurig schaut Hassan M. aus dem Fenster. Wie ein Häufchen Elend sitzt der 25-Jährige im Wohnzimmer des "Haus Nr. 1" in Tötensen. "Besser wäre es, tot zu sein. Dann gäbe es auch keine Probleme mehr."
Vor neun Jahren, damals war er 16 Jahre alt, ist Hassan M. aus Pakistan geflohen, hat seine Brüder und seine Eltern zurückgelassen und sich allein auf den Weg gemacht. Grund für die Flucht ist eine Familienfehde: Sein Onkel habe sich in die falsche Frau verliebt, ihre Familie sei gegen die Beziehung. Der junge Schüler habe zu seinem Onkel gehalten. Deshalb sei er, so berichtet er, mehrfach zusammengeschlagen worden. Die Familie der Frau habe die Polizei bestochen, dort sei er auch verprügelt worden. Er fürchtet, dass er bei seiner Rückkehr im Gefängnis landet.
Hassan wurde nicht aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen verfolgt. Dennoch sitzt die Angst tief. Sein Name muss geändert werden, sein Gesicht darf nicht im Artikel gezeigt werden, damit seine Verfolger in Pakistan nicht erfahren, wo er lebt. Den Kontakt zu seiner Familie hat er abgebrochen.
Im November 2017 wurde sein Antrag auf Asyl abgelehnt. Er ist in Deutschland geduldet, lebt seither mit der drohenden Abschiebung. Dennoch sah es einige Zeit so aus, als ob doch noch alles gut werden würde: Hassan M. hatte einen Job bei Amazon in Winsen und verdiente dort gutes Geld. Bis er Ende 2018 einen Brief von der Ausländerbehörde erhielt: Seine Arbeitserlaubnis wurde ihm entzogen. "Das ist eine gängige Praxis der Ausländerbehörde", sagt eine Flüchtlingshelferin. Es gebe viele Flüchtlinge wie Hassan. Wer sich nicht um seinen Pass bemühe, werde bestraft. Eine Sanktion ist der Verlust der Arbeitserlaubnis. Danach werden die Asylbewerberleistungen gekürzt. Doch einige der Flüchtlinge haben schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht, fürchten, dass sie beim Betreten der Botschaft sofort festgesetzt und in ein Flugzeug gesetzt werden oder dass ihren Angehörigen Repressalien drohen, wenn bekannt wird, dass sie in Deutschland sind.
Hassan M. hätte sich bei der Einreise um seinen Pass kümmern müssen, bevor ihm die Abschiebung angedroht wurde. Doch für ihn stand damals das Ankommen in Deutschland im Vordergrund, Sprache und Kultur kennenlernen, Freundschaften knüpfen.
Seine Situation bedrückt Hassan sehr. Er sitzt in der Zwickmühle: Beantragt er nicht seinen Pass bei der Botschaft, kann er zwar nicht abgeschoben werden - doch Aussichten, hier ein Leben aufzubauen, hat er so auch nicht.
Immer noch steht er jeden Tag um 4.30 Uhr auf. Doch während er früher beschäftigt war und auf der Arbeit Anerkennung erfahren hat, haben seine Tage heute keine Struktur, keinen sinnvollen Inhalt. Er findet kaum Ablenkung, grübelt über seine Situation. Hinzu kommen Zweifel. Wieso darf er nicht mehr arbeiten? Er war doch immer pünktlich, hat gute Arbeit geleistet. Schwer für ihn, das nachzuvollziehen.
Er geht häufig spazieren, versucht, sich abzulenken. Gern würde er die unfreiwillige Freizeit nutzen, um einen B2-Deutschkursus zu machen "Aber ich kriege meinen Kopf nicht frei. Ich denke ständig an die Abschiebung."
Während er zuvor seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten konnte, muss jetzt der Staat zahlen. Keine einfache Situation für den jungen Mann, der stolz war, eigenes Geld zu verdienen. Früher konnte er selbst entscheiden, wofür er sein Geld ausgibt, was er spart. Jetzt muss er schauen, wie sein Geld reicht.
Nicht nur Hassan ist angesichts seiner ausweglosen Situation deprimiert. Auch die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer, die ihn seit 2015 begleiten, sind frustriert. "Hassan ist einer, der es wirklich versucht hat. Er hat sich selbst Deutsch beigebracht, hat sich um einen Job bemüht und ist nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Er hat für sich selbst gesorgt und niemandem auf der Tasche gelegen", so ein Ehrenamtlicher. "Man muss doch die belohnen, die sich Mühe geben und alles daran setzen, hier ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen!" Hätte Hassan eine Ausbildung gemacht, statt regulär zu arbeiten, dann hätte er zumindest für die nächsten drei Jahre sicher in Deutschland bleiben dürfen. "Da fehlt einem dann auch selbst die Motivation, die Flüchtlinge bei ihrer Jobsuche zu unterstützen, wenn man sieht, dass alles für nichts ist."
Seine Sozialarbeiterin hat jetzt für Hassan einen Antrag bei der niedersächsischen Härtefallkommission gestellt, die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer unterstützen den Antrag mit einem Begleitschreiben. Die Kommission entscheidet, ob Hassan abgeschoben wird oder ob er die Chance erhält, aus humanitären oder persönlichen Gründen zu bleiben. Allerdings ist Hassan erst seit einer verhältnismäßig kurzen Zeit hier. Und es gibt viele wie ihn.

Im falschen Land geboren

Noch immer herrscht der Glaube vor, dass man in Deutschland mit Fleiß und Pünktlichkeit weit kommen kann. Das stimmt auch - wenn man aus dem richtigen Land kommt.
Wer seine Heimat verlassen musste, weil er zum Beispiel aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt wird, erhält Asyl. Das ist wichtig und richtig.
Hassan M. kommt jedoch aus Pakistan, das als sicher gilt. Sein Aufenthalt in Deutschland wird derzeit lediglich geduldet.
Dass man nicht allen Flüchtlingen Asyl gewähren kann, ist nachvollziehbar. Aber sollte bei der Entscheidung über das Bleiberecht statt des Herkunftslandes nicht auch der Mensch eine Rolle spielen? Hassan M. hat sich voll integriert, kostet den Staat nichts und fällt niemandem zur Last. Gegen ein Bleiberecht spricht lediglich, dass er aus einem sicheren Land kommt. Hassan M. hat bewiesen, dass er ein vollwertiger Teil unserer Gesellschaft sein möchte. Wir sollten ihm die Chance dazu geben.

Autor:

Anke Settekorn aus Jesteburg

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