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"Beinahe täglich im Einsatz"

2017 haben im Landkreis Harburg 52 Frauen vor ihrem gewalttätigen Partner oder Familienmitgliedern im Frauenhaus Schutz gesucht Foto: Dan Race / fotolia
Häusliche Gewalt ist auch im Landkreis Harburg ein gesellschaftliches Problem / BISS zählt 335 Einsätze

(as). Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland von einem Partner oder Ex-Partner getötet. Im vergangenen Jahr waren das 147 Tötungsdelikte, darunter neun Frauen aus Niedersachsen. Diese Zahl steht in der aktuellen Statistik des BKA (Bundeskriminalamt) zur häuslichen Gewalt, die am Dienstag vorgestellt wurde. Etwa 114.000 Fälle von partnerschaftlicher Gewalt gegen Frauen sind 2017 angezeigt geworden.
Familienministerin Franziska Giffey (SPD) kündigt angesichts dieser Zahlen jetzt an, die Hilfsstrukturen für Opfer von Partnerschaftsgewalt zu verbessern und dafür ein Förderprogramm in Höhe von sechs Millionen Euro bereitstellen zu wollen.

Für Andrea Schrag, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Harburg, ein richtiger Schritt. Mit der Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BISS) des Diakonischen Werks und dem Frauenhaus gibt es bereits ein Hilfesystem im Landkreis. "Aber wir müssen den flächendeckenden Ausbau verstärken", so Schrag. Das Ziel: Eine Einrichtung, deren Beraterinnen in die Gemeinden gehen und wöchentliche Sprechstunden anbieten. Es fehle zudem eine weiterführende Beratungsstelle. Denn die BISS dürfe lediglich die Erstberatung durchführen, und die nachgehende Hilfe des Frauenhauses ist nur bis drei Monate nach Auszug aus dem Haus möglich.
Im Landkreis Harburg sind 2017 etwa 335 Fälle häuslicher Gewalt bei BISS aufgelaufen. „Die Dunkelziffer ist aber um einiges höher, da viele Betroffene aus Angst oder vor Scham lieber schweigen, anstatt sich gegen ihre Peiniger zu wehren, die meistens im direkten Umfeld zu finden sind“, sagt Andrea Schrag. Partnerschaftliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten vor. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. "Aber wir wissen, dass die Trennung die risikoreichste und gefährlichste Zeit für Frauen ist", so Schrag.
2017 haben im Landkreis Harburg 52 Frauen im Alter zwischen 18 und 51 Jahren und 56 Kinder im Frauenhaus der AWO Schutz gesucht. Es sind Frauen in akuten Krisen, die z.B. von ihrem Partner oder von Familienangehörigen geschlagen, zum Sex gezwungen, eingesperrt oder gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. Viele von ihnen sind durch die häufig jahrelange Gewalt, Demütigungen, Beleidigungen oder soziale Isolation stark traumatisiert. "Den Frauen wird jahrelang von ihrem Partner vermittelt: 'Du bist nichts wert, ohne mich kannst du nichts, du bist selbst Schuld, wenn ich dich schlage' - das schädigt ihr Selbstwertgefühl nachhaltig", erklärt die Gleichstellungsbeauftragte.
Auch wenn sie nicht selbst betroffen sind, leiden die Kinder erheblich unter den Folgen häuslicher Gewalt. "Die Kinder erleben, wie ihr Vater oder der Partner ihre Mutter beschimpft, bedroht. Sehen, wie die er die Frau stößt, tritt oder vergewaltigt", so Schrag. Das habe Auswirkungen auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die sozial-kognitive Entwicklung der Kinder.
Viele Frauen schaffen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben nur mit professioneller Unterstützung. Erst nach der Flucht ins Frauenhaus könnten sie beginnen, wieder eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln. Doch vielen Frauen, die Schutz vor ihrem gewalttätigen Partner suchen, fällt es schwer, die Beziehung auf Anhieb zu beenden - sie kehren wieder in die Partnerschaft zurück. Einige Frauen hoffen, dass sich der Partner ändert. Ein anderer Faktor: "Die Frauen müssen nach dem Frauenhaus wieder zu ihrem Partner zurück, weil sie schlichtweg keine bezahlbare Wohnung finden. Dadurch bestätigt sich für die Betroffenen, was der Partner ihnen vermittelt: Sie seien auf ihn angewiesen und kämen alleine nicht zurecht", so Schrag.
Ob sie die Beziehung beenden oder zu ihrem Partner zurückkehren möchten, ob sie Anzeige erstatten wollen oder nicht - die Mitarbeiter des Frauenhauses helfen den Opfern häuslicher Gewalt bei der Wohnungssuche, Anträgen beim Jobcenter oder unterstützen die Frauen, wenn es gilt, Besuchs- oder Sorgerechtsregelungen zu treffen. "Wenn die Frau im Frauenhaus Schutz sucht, ist die Situation bereits eskaliert", so Schrag. Um das zu verhindern, möchte der Landkreis jetzt eine Beratungsstelle schaffen, die Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, frühzeitig unterstützt und begleitet.


An diese Anlaufstellen können sich Opfer häuslicher Gewalt wenden:

Die Polizei über das Notruf-Telefon 110
Die Rechtsantragsstellen der Gerichte (für Anträge nach dem Gewaltschutzgesetz) Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BISS) des Diakonischen Werks, Tel. 04181-217152 (offene Sprechstunde dienstags 10 bis 12 Uhr)
Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Harburg, Tel. 04171 693-117, sowie die Gleichstellungsbeauftragten der Kommunen
das AWO-Frauenhaus bietet einen Zufluchtsort für Frauen und deren Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt sind, Tel. 04181-217151 Wer hilft bei häuslicher Gewalt?