Niedersachsen
Corona und häusliche Gewalt: Polizei erfasst weniger Fälle

Häusliche Gewalt: Ausgehbeschränkungen sind ein Risikofaktor für Frauen
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(ts). Diese Erkenntnis der niedersächsischen Landesregierung überrascht: Während in der Corona-Krise Kontakt- und Ausgehbeschränkungen galten, hat die Polizei in Niedersachsen weniger Fälle von häuslicher Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer als zuvor registriert. Die Zahl der Fälle, die der Polizei bekannt geworden ist, sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11,7 Prozent. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der FDP im Niedersächsischen Landtag hervor.
In der Zeit von 1. März bis 12. Mai 2020 hat die Polizei in Niedersachsen insgesamt 3.480 Fälle häuslicher Gewalt erfasst. Im Vorjahreszeitraum waren es 3.940. In den Landkreisen Harburg und Stade wurden der Polizei jeweils 76 Straftaten bekannt, die im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt stehen. Im Vorjahreszeitraum waren es im Landkreis Harburg 90, im Landkreis Stade 89.
Opferschutzorganisationen und die Landesregierung gehen dennoch davon aus, dass Quarantänen und Kontaktbeschränkungen familiäre Konflikte zuspitzen. Das belegt eine gemeinsame Studie der Technischen Universität München und des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, über die das ZDF im Juni berichtete. Demnach nutze nur ein sehr kleiner Teil der Betroffenen, überwiegend Frauen und Kinder, Hilfsangebote. Laut der Studie auf Grundlage von 3.800 Befragten wurden rund drei Prozent der Frauen in Deutschland in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt. Weitere 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft.
Anonyme Befragungen des Landeskriminalamts vor drei Jahren belegen: Neun von zehn Fällen häuslicher Gewalt in Niedersachsen blieben unentdeckt, weil sie nicht zur Anzeige gebracht wurden. Das erklärt die verdächtig wenigen Fälle in der Polizeistatistik. 

Der Leiter des Weißen Rings im Landkreis Harburg, Karl-Heinz-Langner, erklärt im Interview die überraschend geringe Zahl von Fällen häuslicher Gewalt in der Polizeistatistik währen der Corona-Krise.
WOCHENBLATT: Die Polizei in Niedersachsen hat im Zeitraum 1. März bis 12. Mai 2020 3.480 Fälle von häuslicher Gewalt registriert. In 2019 waren es in dem Zeitraum 3.940 Straftaten. Wie schätzen Sie diese Zahlen ein?
Karl-Heinz-Langner: Mir liegen leider keine Vergleichszahlen vor, so dass ich Ihnen hier wirklich nur meine persönliche Einschätzung wiedergeben kann. Grundsätzlich unterliegen statistische Zahlen immer gewissen, teils nicht erklärbaren Schwankungen.
Wenn man, was auch wir beobachten, davon ausgeht, dass während der Corona-Zeit in vielen Deliktsbereichen ein rückläufiges Anzeigeverhalten zu verzeichnen ist, könnte es für diesen Zeitraum einen Erklärungsansatz für den Bereich häusliche Gewalt geben. Die Opfer unterliegen zum Beispiel einer permanenten Kontrolle, weil beide Lebenspartner zuhause sind. Die Möglichkeiten, sich "abzusetzen", sind nicht vorhanden. Anderseits ist häusliche Gewalt immer etwas, was nicht plötzlich auftritt, sondern sich meistens über einen längeren Zeitraum entwickelt. Somit ist also schwierig einzuschätzen, ob es da Pandemie-bedingt einen Anstieg gibt. In der Außenstelle des Weißen Ring e.V. im Landkreis Harburg ist das Aufkommen in diesem Bereich eher als rückläufig bis maximal konstant zu bezeichnen.
WOCHENBLATT: Laut Landesregierung bleiben nach Erkenntnis einer Dunkelfeldstudie rund neun von zehn Fällen häuslicher Gewalt unentdeckt. Halten Sie diese Dunkelzifferberechnung für realistisch?
Karl-Heinz Langner: Diese Zahlen halte ich für durchaus realistisch. Die Erfahrungen auch aus den letzten Jahren gehen ebenfalls in diese Richtung. Daher sind alle Institutionen und Einrichtungen, die sich mit dem Thema häusliche Gewalt beschäftigen, aufgerufen, noch intensiver präventiv tätig zu werden und das Thema immer wieder öffentlich zu machen. Im Landkreis sind dazu verschiedene Konzepte mit unterschiedlichen Kooperationspartnern in der Entwicklung. So gehören zu diesem Kreis unter anderem die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Andrea Schrag, die Interventionsstelle BISS und der Präventionsbeazftragte der Polizeiinspektion Harburg, Carsten Bünger.
WOCHENBLATT: Die Landesregierung beruft sich auf die Polizei und geht im Landkreis Harburg von insgesamt 76 registrierten Fällen häuslicher Gewalt, Rohheitsdelikten und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in dem Zeitraum 1. März bis 12. Mai 2020 aus. Wie schätzen Sie diese Zahl ein?
Karl-Heinz Langner: Ich vermute, dass diese Zahlen in etwa denen des Vorjahres entsprechen. Das würde bestätigen, dass häusliche Gewalt kein Delikt ist, das durch die Pandemie zur einen oder anderen Seite beeinflusst wurde und wird.
Eine eingeschränkte Aussagekraft der statistischen Fallzahlen ergibt sich möglicherweise auch dadurch, dass ein Sachverhalt nicht als häusliche Gewalt erfasst wird, wenn sich aus der Tatabfolge ein anderes schwereres Delikt ergeben hat. Zum Beispiel: Häusliche Gewalt endet in einem Tötungsdelikt. Hier würde sicherlich Mord, versuchter Mord oder Totschlag erfasst werden. Nur ein Beispiel dafür, wie sich Fallzahlen unterschiedlich ergeben können.
Derzeit verteilen alle Mitarbeiter des Weißen Rings im Landkreis Harburg in Arztpraxen, Apotheken und anderen Orten einen Flyer zum Thema häusliche Gewalt, um die Menschen zu sensibilisieren und um klarzumachen, dass das Thema uns alle angeht.

Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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