Promillefahrten in den Landkreisen Harburg und Stade
Jeder weiß, dass man betrunken nicht Auto fahren darf - warum es viele trotzdem tun

Betrunken Auto zu fahren (Symbolfoto), ist für viele erschreckend normal
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(ts/jd). Der traurige Spitzenwert in diesem Monat liegt bisher bei 3,49 Promille: Regelmäßig zieht die Polizei im Landkreis Harburg betrunkene Autofahrer aus dem Verkehr. Im Dorf und in der Stadt, auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt und auf der Hauptstraße, Männer und Frauen - ein Muster ist in den von der Polizei veröffentlichten Alkoholfahrten nicht zu erkennen. Offensichtlich geht es überall im Straßenverkehr berauscht zu. 35.658 Alkoholunfälle in Deutschland hat die Polizei im Jahr 2018 registriert.
Jeder weiß, dass man sich betrunken nicht hinters Steuer setzen darf - viele tun es dennoch. Die Gründe erklärt der Psychotherapeut Josef Nikolaus. Er leitete über Jahre die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Diakonischen Werkes in Buchholz. "Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Menschen ihr Handeln ausschließlich an rationalen Überlegungen orientieren", sagt er. So wisse heute jeder, dass Rauchen der Gesundheit schade - trotzdem raucht rund ein Drittel der Menschen in Deutschland.
7,8 Millionen Bundesbürger zwischen 18 und 64 Jahren sind laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sogenannte Risikotrinker. Wenn jemand mit viel Alkohol im Blut Auto fahre, könne ein körperliche Alkoholabhängigkeit ein Grund sein. "Für diese Menschen ist eine bestimmte Promillezahl der Normalzustand. Unterhalb dieses Pegels treten Entzugserscheinungen auf. Die Folgen sind Unruhe und Unwohlsein", sagt Josef Nikolaus.
Ein anderer Grund könne eine psychische Abhängigkeit von Alkohol sein. "Wenn Menschen besonders ängstlich sind, beruhigen sich einige mit Alkohol", sagt der Experte. Josef Nikolaus betont: "Das sind Erklärungen. Keine entschuldigt aber das Verhalten, andere Menschen im Straßenverkehr in Gefahr zu bringen."
Autofahren im Alkoholrausch - wie verbreitet das Problem im Landkreis Harburg ist, machen die bisher in diesem Monat von der Polizei veröffentlichten Promillefahrten deutlich:
Ein 77 Jahre alter Autofahrer beschädigte am Freitag, 2. August, gegen 17.10 Uhr auf dem Parkplatz des Edeka-Marktes in Bendestorf beim Ausparken einen BMW. Der Mann hatte 2,57 Promille. An demselben Tag fiel einem Zeugen die auffällige Fahrweise eines 43 Jahre alten Autofahrers in Marschacht auf: offensichtlich Alkoholeinfluss! Bei der Blutentnahme wehrte sich der Mann mit Schlägen und Tritten gegen mehrere Polizeibeamte.
In der Nacht zu Sonntag, 4. August, zogen Polizeibeamte bei einer Kontrolle in Jesteburg einen 53 Jahre alten Audi-Fahrer aus dem Verkehr: 1,58 Promille! Sie fuhren ihn zur Blutentnahme ins Krankenhaus Buchholz. Auf dem Rückweg fiel ihnen ein 51 Jahre alter Autofahrer aus Hamburg auf, der in Schlangenlinien fuhr. Der Grund: 1,19 Promille.
In Winsen-Scharmbeck erwischte die Polizei am Samstagabend, 10. August, einen 33 Jahre alten Autofahrer, der mit mehr als zwei Promille am Steuer seines VW Transporters unterwegs war. Eine Nacht zuvor beendeten Polizeibeamte die auffällige Fahrt einer 58 Jahre alten Autofahrerin. Zwischen Tostedt und Welle war sie mit ihrem Nissan mehrmals auf die Gegenspur geraten. Der Grund: 2,23 Promille.
Mit 3,49 Promille verursachte eine 52 Jahre alte Autofahrerin am Dienstag, 13. August, gegen 12.30 Uhr in Hittfeld einen Unfall mit einem Lkw. Ab drei Promille droht Bewusstlosigkeit. Vor der Blutentnahme versuchte die Frau noch zu flüchten.
Für eine 52 Jahre alte Autofahrerin aus dem Landkreis Stade endete die Fahrt am Freitagabend, 16. August, in Rade, kurz bevor sie auf die Autobahn fahren wollte. Ein Atemalkoholtest ergab einen Wert von 2,07 Promille. Zwei Stunden später stießen Polizeibeamte in Drestedt auf einen Pkw, der mit laufendem Motor mitten auf der Fahrbahn stand. Der 28 Jahre alte Autofahrer saß schlafend darin. Er hatte 1,59 Promille. Bei Kontrollen am Samstag, 17. August, erwischte die Polizei in Marschacht einen 54 Jahre alten Autofahrer mit 1,35 Promille, in Sprötze einen 33-Jährigen mit 1,52 Promille.
In Bendestorf fuhr ein 36 Jahre alter Autofahrer am Sonntagmorgen, 18. August, einen Tesla in starken Schlangenlinien. Laut Polizei war er stark alkoholisiert.
Auch im Landkreis Stade führt die Polizei regelmäßig Kontrollen durch, um Alkoholsünder aus dem Verkehr zu ziehen. "Wer sich berauscht hinters Lenkrad setzt, muss Tag und Nacht damit rechnen, von uns gestoppt zu werden", sagt Polizeisprecher Rainer Bohmbach. Er hat in die Statistik für den Juli geschaut. Demnach wurden 29 Alkoholfahrten registriert. Davon waren sechs betrunkene Fahrzeuglenker in Unfälle verwickelt. Diese Werte liegen im monatlichen Durchschnitt, so Bohmbach. "Dennoch sind das genau 29 Fälle zu viel." Was er besonders erschreckend findet: Mehr als die Hälfte der ertappten Suff-Fahrer hatte so viel Alkohol intus, dass die Blutproben Werte von zwei Promille und mehr ergaben.

So viel trinken die Deutschen
Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen tranken die Bundesbürger im Jahr 2017 pro Kopf rund 131 Liter Alkoholika, Das entspreche rund einer Badewanne voller alkoholischer Getränke. Besonders beliebt waren Bier (rund 101 Liter pro Jahr), Wein (20,9 Liter pro Jahr) und Spirituosen (5,4 Liter). 

Promillegrenzen im Straßenverkehrsrecht
Fahruntüchtigkeit kann ab 0,3 Promille eintreten.
Ab einem Alkoholwert von 0,5 Promille muss man das Auto stehen lassen. Fahranfänger und Autofahrer unter 21 Jahren dürfen gar keinen Alkohol getrunken haben, wenn sie sich hinter das Steuer setzen. Sonst drohen Bußgelder und Fahrverbote.
Ab einem Promillewert von 1,1 droht Autofahrern eine Geld- und Freiheitsstrafe. Promillegrenzen im Verkehrsrecht

Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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