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"Kultur soll allen zugänglich sein"

Pastor Jürgen Stahlhut vor der St.-Johannis-Kirche Fotos: kb / archiv
 
Das Konzert der Prinzen - die inzwischen schon drei Mal in Buchholz zu Gast waren - war ein großer Erfolg. Seitdem ist die Kulturkirche nicht nur Buchholzern ein Begriff (Foto: archiv)

St. Johannis in Buchholz ist "signifikante Kulturkirche" / Rund 40 Konzerte, Lesungen und Ausstellungen pro Jahr sowie größere Kunstprojekte

kb. Buchholz. Angelika Milster, Pater Anselm Grün, "Die Prinzen" oder "Wise Guys": Sie alle standen schon in der Kulturkirche St. Johannis in Buchholz für Konzerte und Lesungen auf der Bühne. St. Johannis ist "signifikante Kulturkirche". Hinter diesem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich eine weltoffene Kirchengemeinde, ein Kirchenvorstand, der bereit ist, auch mal ein Risiko einzugehen, und ein Pastor mit Tatkraft und guten Ideen: Jürgen Stahlhut (53).
Als Jürgen Stahlhut 2009 nach Buchholz kam, war auch der Kirchenvorstand gerade neu gewählt. Gemeinsam überlegte man, wie das Motto der Kirchengemeinde St. Johannis - "Glauben leben" - mit Inhalten gefüllt werden kann. "Wir haben uns hingesetzt und darüber diskutiert, warum es uns eigentlich in 2020 oder 2030 noch geben soll", erinnert sich Jürgen Stahlhut. Für Eltern und Kinder sowie Senioren gab es bereits spezifische Angebote. "Doch z.B. für Singles oder Paare ohne Kinder sah das anders aus", erzählt Stahlhut. Die großartige Akustik der Kirche gab schließlich den Ausschlag. "Es hatten schon vorher regelmäßig Konzerte in der Kirche stattgefunden, da lag die Idee nah, das Programm zu erweitern", so Stahlhut.
Die Mutter eines Konfirmanden machte Pastor Stahlhut auf die Prinzen aufmerksam. Die erfolgreiche Musikgruppe war 2010 mit Kirchenkonzerten auf Tournee, Stahlhut griff zum Telefon und erwischte prompt den Bassisten der Prinzen. "Ich dachte, fragen kostet nichts", sagt Stahlhut. Und schaffte es, zumindest nicht gleich ein Nein zu kassieren. Doch bei einem Vor-Ort-Termin mit den Musikern wurde schnell klar, dass die Sitzplätze für ein bestuhltes Konzert nicht ausreichen. "Was ist denn, wenn wir die Stühle raus räumen?", schlug Stahlhut damals vor, nicht wissend, über wie viele Stehplätze die Kirche eigentlich verfügt. "Wir hatten das ja noch nie gemacht", so Stahlhut. Er schnappte sich also eine Gruppe Konfirmanden, stellte sie in eine Ecke der Kirche und peilte über den Daumen, wie oft die 56-köpfige Gruppe in den Raum passt. 525 Plätze - das reichte dann auch den Prinzen. Obwohl die Karten damals nicht günstig waren, waren alle Tickets innerhalb einer Woche ausverkauft. "Viele Leute erkundigten sich zur Sicherheit noch mal, ob es denn wirklich auch die echten Prinzen sind", lacht Stahlhut.
Das Konzert war ein echter Türöffner, die Veranstaltungen in der Kirche seitdem immer ausverkauft. 2014 bewarb St. Johannis sich zum ersten Mal um eine Förderung und den Titel Kulturkirche. Mit Erfolg: Vier Jahre lang erhielt die Gemeinde jeweils 10.000 Euro von Hanns-Lilje-Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und startete eine Kooperation mit dem Kunstverein Buchholz und der Kunststätte Bossard. 2017 gelang dann der große Coup: Als signifikante Kulturkirche wird St. Johannis vier Jahre lang mit 50.000 Euro pro Jahr gefördert. In der dieser Zeit finden nicht nur weiterhin jährlich etwa 40 Konzerte, Lesungen und Ausstellungen statt, sondern es werden auch größere Kunstprojekte durchgeführt. In diesem Jahr mit dem Künstler Roland Stratmann und Schülern der Realschule Am Kattenberge. Um alles zu organisieren, wurde ein Kulturmanager eingestellt. "Vorher habe ich vieles gemacht, aber ich bin ja nebenbei auch immer noch Pastor", sagt Stahlhut augenzwinkernd.
Neben großen Künstlern und namhaften Gruppen stehen auf der Bühne der Kulturkirche weiterhin auch Laien und weniger bekannte Chöre und Gruppen. Die Veranstaltungen werden etwa zu 80 Prozent über Spenden finanziert, bei etwa einem Fünftel der Konzerte gibt es feste Eintrittspreise. Ein Konzept, das gut funktioniert. "Kultur soll allen zugänglich sein", sagt Jürgen Stahlhut. In Konkurrenz zu Veranstaltungszentren wie der Empore sieht er sich nicht. "Wir sind in engem Kontakt und sprechen uns ab. Sich gegenseitig Künstler abspenstig zu machen, das passiert nicht."
Hat der Pastor der Kulturkirche vielleicht auch selbst ein verborgenes musikalisches Talent? Diese Frage verneint Stahlhut lachend: "Ich kann weder singen noch ein Instrument spielen, bei der liturgischen Gesangsausbildung bekam ich zu hören, ich sei ein hoffnungsloser Fall", erzählt er. Dafür hat er ein anderes Talent, das die Veranstaltungsbesucher begeistert: Stahlhut mixt in den Konzertpausen ausgezeichnete Cocktails. "Während meines Studiums habe ich in Bars gejobbt - meine Zeit als 'Theken-Seelsorger", erzählt der Pastor, der ursprünglich mal Mathematik studieren wollte.
Inzwischen ist die Kulturkirche St. Johannis weit über Buchholz hinaus bekannt, Gäste kommen aus dem ganzen Landkreis und Hamburg, aber durchaus auch von weiter her. Die Kulturbegeisterten am Sonntag alle beim Gottesdienst wieder zu sehen - diese Illusion hat Stahlhut sich allerdings nie gemacht. "Ich will weder missionieren, noch die Menschen von etwas überzeugen, das ihnen vielleicht gar nicht entspricht. Wir wollen einfach eine offene Kirche sein und im Dialog bleiben. Und uns durch die andere Perspektive - die der Künstler - auch immer wieder hinterfragen."
• Infos zur Kulturkirche und zum Programm:www.johannis-buchholz.de.