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"Wir müssen den Druck aufrecht erhalten"

Auf dem Podium (v. li.): Krankenhaus-Chef Norbert Böttcher, Ministerin Dr. Carola Reimann und Pflegedienstleiterin Angelika Hutsch (Foto: kb)
"Pflegegipfel" mit Experten aus der Praxis und Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann

kb. Landkreis. "Pflege hat lange Zeit ein Mauerblümchendasein geführt. Auf Bundesebene haben wir in den vergangenen Jahrzehnten viel debattiert - um pflegepolitische Fragen ging es dabei selten", stellte Niedersachsens Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann (SPD) jetzt beim "Pflegegipfel" im Krankenhaus Buchholz fest. An der Podiumsdiskussion, zu der die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen (AsG) und die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) geladen hatten, nahmen neben der Ministerin u.a. Angelika Hutsch, Pflegedienstleiterin des Krankenhauses Buchholz, Ole Bernatzki, Inhaber vom Ambulanten Hauspflege Dienst (AHD) in Jesteburg, und Norbert Böttcher, Geschäftsführer der Krankenhäuser Buchholz und Winsen gGmbH, teil.
Zu wenig Personal, zu hohe Kosten, Patienten, die abgewiesen werden müssen: Es ist eine Tatsache, dass der Pflegenotstand längst auch in den Landkreisen Harburg und Stade angekommen ist. Wie berichtet, stehen viele ambulante Pflegedienste mit dem Rücken zur Wand. Aber auch an den Krankenhäusern sehen sich die Pflegekräfte mit steigenden Herausforderungen und einer immer größer werdenden Arbeitsbelastung konfrontiert.
Die Gründe für den Pflegenotstand sind vielfältig, einer davon ist der demografische Wandel. "Dieser Effekt schlägt in der Pflege doppelt zu", so Ministerin Reimann. "Immer mehr Leute brauchen Pflege, gleichzeitig fehlen uns die Fachkräfte." Um die Zukunft der Pflege zu sichern, sei die vergütete Ausbildung von neuen Pflegekräften ein zentraler Punkt, aber auch die Frage, wie die Fachkräfte gehalten werden können. "Wir müssen uns um bessere Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung, die Weiterbildung von Pflegehelfern und eine bessere Gesundheitsvorsorge kümmern", sagte Reimann. Sie kündigte an, dass sich auf Bundesebene fünf Arbeitsgruppen mit diesen Themen auseinandersetzen werden. "Erste Ergebnisse erwarten wir im Frühjahr", so Reimann.
Robert Kirschner, Gewerkschaftssekretär von Ver.di, forderte die Pflegenden auf, ihre Interessen stärker in die eigene Hand zu nehmen. "Wir müssen den Druck weiter aufrecht erhalten und alle Parteien an einen Tisch bekommen", so Kirschner.
Wie sich der Alltag der Pflegekräfte am Krankenhaus Buchholz verändert hat, schilderte eindrücklich Pflegedienstleiterin Angelika Hutsch. Sie ist verantwortlich für 350 Mitarbeiter und arbeitet seit 16 Jahren am Krankenhaus Buchholz. "Früher waren wir gut mit Mitarbeitern ausgestattet, doch durch den hohen Kostendruck waren wir gezwungen, Personal abzubauen", so Hutsch. "Dadurch hat sich die Altersstruktur völlig verändert. Wir haben viele junge und viele ältere Kräfte, der Mittelbau ist weggebrochen", erläuterte Hutsch. Das hat Folgen: Junge Pflegekräfte wollen noch Familie gründen, die Vereinbarkeit mit dem Beruf wird zum Problem. Und die Älteren seien häufig nicht mehr so belastbar.
Doch auch die Arbeit selbst habe sich völlig verändert. "Wir haben nur noch akute Fälle, die Patienten sind älter geworden und häufig mehrfach erkrankt, es gibt immer mehr Demenzerkrankte", so die Pflegedienstleiterin. "Es ist wahnsinnig anstrengend, dem allen gerecht zu werden." Als weitere Belastung komme die Bürokratie hinzu. "Eine Leistung, die nicht dokumentiert ist, ist nicht erbracht. Wenn Zeitdruck herrscht, muss ich mich entscheiden: Kommt der Patient zuerst oder die Dokumentation? Da entscheiden wir uns natürlich für den Patienten", so Hutsch. Viele Ausfälle durch Erkrankungen würden den Arbeitsalltag zusätzlich erschweren. "Da denkt man, man hat alles gut geplant und dann fehlen zwei Kolleginnen - dann wird es natürlich eng", schildert Angelika Hutsch.
Der Kampf um bessere Bedingungen - er führt stark über Öffentlichkeit, nur so kann auf die Bedingungen in der Pflege aufmerksam gemacht werden. Doch darunter leidet gleichzeitig das Image der Pflege, Auszubildende werden von den Anforderungen und Arbeitsbedingungen eher abgeschreckt. Dabei ist die Arbeit mit den Patienten sehr vielschichtig, abwechslungsreich und befriedigend. Für Lisa Kanna, Pflege-Azubi am Krankenkaus Buchholz, ein Traumjob. "Ich will auch nach meinem Examen am Krankenhaus arbeiten", sagt sie.
Die Vergütung durch die Pflegekassen ist ein Punkt, der Ole Bernatzki, Inhaber des ambulanten Pflegedienstes AHD, umtreibt. Hier müsse dringend etwas passieren. "Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Gehälter nicht mehr refinanzierbar sind", sagt er. Auch den Umgang der Kassen mit Patienten und Angehörige, die keinen ambulanten Pflegedienst mit freien Kapazitäten finden, kritisiert er. "Die bekommen bloß einen Info-Zettel, auf dem noch einmal alle Pflegedienste aufgeführt sind, die sie ohnehin schon abtelefoniert haben." Die Folge sind Enttäuschung und Ratlosigkeit "Im schlimmsten Fall bleiben die Patienten dann unversorgt", so Bernatzki.


Moment mal

Es ist Zeit, aufzuwachen


Alle sind sich einig: An der Situation in der ambulanten und stationären Pflege muss sich etwas ändern und das schnell. Doch die Probleme sind ebenso vielfältig wie die Akteure und glaubt man Ministerin Reimann wurde die Entwicklung lange Zeit verschlafen.
Nun ist es Zeit, aufzuwachen.
Um etwas zu verändern, wird man eine Menge Geld in die Hand nehmen müssen. Denn mehr Personal, höhere Gehälter, flexiblere Arbeitsbedingungen, mehr Zeit für den Patienten - das kostet. Ebenso dringend ist ein Abbau von Bürokratie. Wenn man als Pflegekraft erst drei Zettel ausfüllen muss, bevor man einen Handschlag verrichten darf und diesen dann auch vergütet bekommt, kann etwas nicht stimmen. Die Verantwortlichen in der Politik können nun zeigen, wie wichtig ihnen eine gute Gesundheitsversorgung ihrer Bürger ist.

Katja Bendig