Mysteriöse Beobachtung am Himmel über einer kleine elbinsel
Das klingt fast nach Hitchcock-Film: Vögel sollen Attacken geflogen sein

Nonnengänse sind oft in großen Schwärmen unterwegs. Die Zugvögel brechen jetzt  im Mai wieder nach Sibirien auf
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  • Nonnengänse sind oft in großen Schwärmen unterwegs. Die Zugvögel brechen jetzt im Mai wieder nach Sibirien auf
  • Foto: Hajo Schaffhäuser (www.hajo-naturfoto.de)
  • hochgeladen von Jörg Dammann

(jd). Das Geschehen erinnert an Alfred Hitchcocks Film "Die Vögel". Wie beim Horrorstreifen des Kino-Altmeisters rotten sich scharenweise Vögel zusammen, um Attacken zu fliegen. Anders als in dem Kultfilm sind aber nicht Menschen das Ziel, sondern offenbar Artgenossen. Das Ganze spielte sich kürzlich an der Elbe unweit der Lühemündung ab. Schauplatz war die Pionierinsel.

Warum die kleine Insel zwischen dem Elbufer bei Mojenhörn und Lühesand diesen Namen trägt, ist schnell erklärt: Dort übten früher die Bundeswehr-Pioniere das Verlegen von Pontonbrücken. Nach dem Abzug der Soldaten übernahmen die Möwen das Kommando. Auf dem schmalen Eiland ließen sich zwei besondere Populationen der kreischenden Vögel nieder: die Schwarzkopf- und die Sturmmöwen. Wobei die Schwarzkopfmöwe deutlich seltener ist: Mit aktuell rund 90 Exemplaren gibt es auf der Pionierinsel so viele Vögel dieser Spezies wie sonst kaum anderswo in Europa.

Doch sind deren Brutplätze dort womöglich bedroht? Der Hinweis eines WOCHENBLATT-Lesers ließ zunächst Schlimmes befürchten. Der Anruf in der Redaktion klang in der Tat besorgniserregend: Ein größerer Vogelschwarm fliege regelrecht Angriffe auf die Pionierinsel. Der Schwarm sei so groß, dass sich der Himmel fast verdunkelt habe.

Während Hitchcock jetzt die Spannung ins Unermessliche steigern würde, soll bereits an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden: Niemand muss sich um die Möwen von der Pionierinsel sorgen. Bei den vermeintlichen Angreifern handelt sich nach Auskunft des Leiters des Kreis-Naturschutzamtes, Dr. Uwe Andreas, um Nonnengänse. Die sind harmlos und trachten auch nicht danach, den Möwen ihren Lebensraum streitig zu machen.

Ein "Feel-Good-Manager" für Vögel

"Die Nonnengänse werden im Laufe des Mai zurück zu ihren Brutplätzen in Sibirien fliegen", erläutert Guido Seemann von der ornithologisch-naturkundlichen Arbeitsgemeinschaft (ONAG) Stade. Um sich für den rund 6.000 Kilometer langen Rückflug zu stärken, begeben sich die Gänse jetzt in großen Schwärmen auf Futtersuche. Die Gänse, die über der Pionierinsel kreisen, haben ihr zeitweises Quartier am jenseitigen Elbufer in der Wedeler Marsch aufgeschlagen. Rund 10.000 Nonnengänse sollen derzeit dort rasten.

Auch wenn so mancher Formationsflug bedrohlich aussieht: Die Möwen haben keine Angst davor. Eher im Gegenteil: Sie dürfte es freuen, dass die Gänse das Gras auf der Pionierinsel abfressen. "Wenn die Vegetation kurz gehalten wird, ist das gut für die Möwen. So können sie nämlich besser sehen, ob sich ein Feind nähert", erläutert Seemann. Denn Feinde der Möwen sind nicht die Gänse, sondern vor allem Füchse. Bei extremem Niedrigwasser kann Meister Reinecke sich fast trockenen Fußes auf die Insel pirschen, um Nester zu plündern und Möwenküken zu vertilgen.

Kehdingen: Landwirte setzen weiter auf Dialog mit Ministerium

Auf dem Speiseplan der Nonnengänse steht hingegen neben reichlich Gras auch so manche Ackerfrucht. Gegen leckere Rapssaat oder Wintergetreide hat das gefräßige Federvieh nichts einzuwenden. Damit wiederum machen sich die Gänse so manche Zweibeiner zum Feind: Über den gesegneten Appetit der Nonnengänse freuen sich die Landwirte gerade in Kehdingen ganz und gar nicht.

Wenn Abertausende Gänse über die Felder in den Elbmarschen herfallen, ist das für Naturliebhaber ein beeindruckendes Schauspiel und für Touristen eine Attraktion. Doch bei den Landwirten stehe diese Gänseart leider "aktuell schwer ‘unter Beschuss’", wie die Naturschutzorganisation "Verein Jordsand" schreibt. Der Verein hat die Nonnengans 2021 zum "Seevogel des Jahres" gekürt.

Fazit: Ein vermeintlicher Räuber erweist sich als harmloser, wenn auch äußerst gefräßiger Zeitgenosse. Und wenn die Nonnengänse ganz offensichtlich die Möwen in Ruhe lassen, dann sollte auch der Mensch die Gänse einfach Gans sein lassen.

Nonnengänse sind oft in großen Schwärmen unterwegs. Die Zugvögel brechen jetzt  im Mai wieder nach Sibirien auf
Eine Schwarzkopfmöwe auf ihrem Brutplatz auf der Pionier-insel. Die Möwen mögen am liebsten kurzes Gras
Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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