Rita Lüchau bestreitet Alltag ohne das Verdauungsorgan
Ein Leben ohne Magen

Rita Lüchau lässt sich von der Operation nicht unterkriegen
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jab. Stade. Tagtäglich beweisen Tausende Betroffene in Deutschland, dass ein Leben ohne Magen möglich ist. Der Alltag nach so einem operativen Eingriff, der aufgrund einer Krebserkrankung oder bei Menschen mit Adipositas zur Gewichtsreduktion durchgeführt wird, ist dabei alles andere als leicht. Aus diesem Grund hat Rita Lüchau aus Deinste gemeinsam mit der Diätassistentin Claudia Brandt und mit Unterstützung von Ulrich Brachthäuser von der KIBIS des Paritätischen Stade die Selbsthilfegruppe "Leben ohne Magen" gegründet.

Vor zweieinhalb Jahren wurden bei Lüchau bei einer Untersuchung zwischen der Speiseröhre und dem Magen bösartige Krebszellen gefunden, die schnellstmöglich entfernt werden mussten. Aufgrund der schwierigen Lage der Krebszellen wurde gleichzeitig auch ihr Magen komplett abgenommen.
So eine OP zieht unweigerlich auch eine Ernährungsumstellung nach sich. Denn viele Nährstoffe können nun nicht mehr über den Magen aufgenommen werden und müssen medikamentös zugeführt werden. Ansonsten spiele auf Dauer der Körper nicht mit, so Brandt. Vor allem das für die Muskeln wichtige Eiweiß, das in Fleisch, Fisch, Eiern und Milch enthalten ist, könne nicht immer ausreichend zu sich genommen werden. Zum einen aufgrund der Menge und zum anderen entwickeln viele Patienten eine Milchzuckerunverträglichkeit. Jeder Patient reagiere aber anders auf Lebensmittel. Was vertragen wird, müsse langsam nach der Operation herausgefunden werden, erklärt Brandt.

"Mir wurde gesagt, ich darf alles essen", so Lüchau. Das habe sie gemacht, aber sie war ständig müde und erschöpft. "30 Kilogramm habe ich abgenommen. Ich war kurz davor, einen Port zu bekommen." Über solch ein Kathetersystem hätte sie dann über Nacht über einen Tropf die Nährstoffe erhalten müssen. Sie schaffte es aber, sich durch gezielte und abwechslungsreiche Ernährung, vor allem aber Gemüse, und die regelmäßige Einnahme bzw. die Injektion von Nährstoffen, wieder aufzurappeln. "Das war eine harte Nummer - und ist es manchmal noch heute." Oft ist sie abends ausgepowert, aber das gehöre dazu.
Zwar habe sich ihr Geschmack verändert, da die Enzyme aus dem Magen fehlen, dennoch verspüre sie weiterhin Hunger. "Ich muss aber mit Bedacht essen, sonst muss ich leiden." Sechs bis acht Mahlzeiten stehen täglich auf dem Programm, die nicht größer als 150 Milliliter sein dürfen und gut gekaut werden müssen. Auch Getränke müssen in kleinen Schlucken und getrennt von der Nahrung aufgenommen werden. Ansonsten bekommt sie Schmerzen oder muss sich übergeben. "Man muss auf seinen Körper hören", so Lüchau.

Mit der Zeit habe sich ihr Freundeskreis verändert. Denn die soziale Komponente des gemeinsamen Essens fällt für sie weg. "Man ist einfach eingeschränkt", so Lüchau. Viele können so etwas dann schwer nachvollziehen. Daher spiele die Familie eine große Rolle, auch wenn hier oftmals der Austausch fehle, da die Personen nicht selbst betroffen sind, meint Brandt. Sie können die Situation ohne Magen nicht nachempfinden. Zudem kann es zu Problemen kommen, wenn beispielsweise Hilfe bei der Ernährung angeboten wird oder Erinnerungen ans regelmäßige Essen oder Trinken gemacht werden, die gar nicht vom Betroffenen erwünscht sind. "Das kann schon nerven, auch wenn es gut gemeint ist", ergänzt Lüchau.

Daher kam ihr die Idee einer Selbsthilfegruppe. "Wenn ich etwas will, dann mache ich das auch", sagt Lüchau. Denn sie möchte sich nicht verschließen und zurückziehen, sondern über ihre Situation reden und sich mit anderen austauschen. Ihr Leben lang hatte sie immer mit Menschen zu tun und möchte sich nun nicht mit der sozialen Isolation zufrieden geben. "Reden hilft", meint sie. "In der Gruppe erhalten Betroffene Hilfestellungen von Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind. Tipps und Hilfen kommen also aus der Praxis und sind erprobt", ergänzt Brandt. Eine weitere Idee der Treffen sei es, sich selbst zu zwingen, in die Öffentlichkeit zu gehen und sich von der Isolation zu lösen, so Lüchau. "Man muss doch irgendwo zugehören. Das ist ganz wichtig."

Austausch in der Selbsthilfegruppe
Die Selbsthilfegruppe steht sowohl onkologischen Patienten, denen aufgrund einer Krebserkrankung der Magen oder Teile davon entfernt wurden, als auch Menschen mit Adipositas, die nach einer Magen-OP mit einem Roux-Y-Magenbypass (LRYGB) oder mit einem stark verkleinerten Magen (Sleeve-Magen) leben, offen. Ziel ist es, sich untereinander auszutauschen, soziale Kontakte zu knüpfen und Lebensqualität zu gewinnen. Die Teilnehmer können zudem lernen, sich selbst zu reflektieren und ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich zum zweiten Mal am Mittwoch, 16. Oktober, von 15 bis 17 Uhr in der Klinik Dr. Hancken, Harsefelder Straße 8, Hauptgebäude, 2. Stock, im Niedersachsenraum. Danach finden die Treffen an jedem dritten Mittwoch im Monat statt.

Rita Lüchau lässt sich von der Operation nicht unterkriegen
Ulrich Brachthäuser (v.li.), Rita Lüchau und Claudia Brandt bieten mit der Selbsthilfegruppe Unterstützung an

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