Der Irrsinn mit dem Erd-Tourismus
"Ein Sinn ist dabei nicht zu erkennen"

Wo gebaut wird, fällt Erdaushub an. An der gesetzlich vorgeschriebenen Entsorgung verdienen viele, sagt ein Insider
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  • hochgeladen von Tom Kreib

Probleme mit Erdaushub von Baustellen: Viele verdienen gut an strengen Vorschriften tk. Landkreis. "Das große und fast unlösbare Problem: Die Vorschriften sind Irrsinn und daran verdienen viele auch noch richtig gut." Mit dieser Aussage reagiert ein Insider auf den WOCHENBLATT-Artikel über die wachsenden Probleme mit Bodenaushub bei Bauarbeiten. Normale Erde gilt, wenn sie ausgebuddelt wird, als mineralisch schwach belasteter Abfall. Der WOCHENBLATT-Gesprächspartner* arbeitet in der Baubranche und muss daher anonym bleiben. Schon mit einem Beispiel aus der Praxis macht er deutlich, dass Vorschriften und Gesetze mit Logik nicht unbedingt zu begreifen sind. Wenn er Torf aus einem Abbaugebiet abholt, ist das ein wertvoller Rohstoff, der zu Gartenerde weiterverarbeitet wird. Wenn 500 Meter nebenan eine Baugrube ausgehoben wird, ist derselbe Torf ein Abfallproddukt. "Einmal ist es guter Torf und dann ist derselbe Rohstoff böser Torf." Zu verstehen sei das nicht.

Die Beispiele aus dem Wahnsinn des Erd-Tourismus quer durch Nordwestdeutschland hat die Redaktion so verallgemeinert, dass Orte und Firmen nicht wiederzuerkennen sind. Der Grund: Der Insider fürchtet um seine berufliche Existenz, wenn er als Nestbeschmutzer geoutet würde.

Der Praktiker berichtet von einem typischen Fall: Gering belasteter Boden (Schadstoffklasse eins) aus einer größeren Sanierungsmaßnahme in der Region wurde zur endgültigen Deponierung mehr als 70 Kilometer kutschiert. Die dann leeren Lkw sind weiter zu einer anderen Baustelle in rund 50 Kilometer Entfernung gefahren und haben dort Erdaushub (derselben Schadstoffklasse eins) von einem größeren Wohnquartierprojekt zur Zwischenlagerung gebracht. Entfernung: mehr als 100 Kilometer. Nach einem Monat wurde diese Erde dann von den Lastern wieder abgeholt und als Boden für eine Renaturierungsmaßnahme in der Nähe des Sanierungsprojektes gefahren. "Ein Sinn ist dabei nicht zu erkennen", sagt der Insider.
Das Torf-Beispiel gelte im Übrigen auch für Klei, ein wichtiger Baustoff für Deiche. Wird er offiziell gefördert, ist er ein wichtiger und relativ knapper Rohstoff. Lässt ein Bauherr einen Keller ausheben und befindet sich Klei im Erdreich, ist er ein Abfallprodukt der Schadstoffklasse eins.

Beim Erd-Tourismus verdienen viele, erklärt der Fachmann. Der Unternehmer, der die Baugrube buddelt, verdient durch die Erdarbeiten und den anschließenden Transport des Erdaushubs. Wenn beprobt und zwischengelagert werden muss, entstehe ein weiterer Kostenfaktor. Das endgültige Deponieren ist ebenfalls kostenpflichtig. Wenn zwischengelagerter Erdaushub wiederverwendet werden soll, etwa beim Verfüllen von Kiesgruben, muss das natürlich auch noch mal bezahlt werden - der Transport dorthin ist natürlich auch kostenpflichtig. Allein für die Tonne Erdaushub auf einem Lkw, der insgesamt 25 bis 26 Tonnen fasst, werden  meist zwischen 6,70 Euro und 8,70 Euro für Fahrten in der Elbe-Weser-Region fällig.

Der Experte sieht als Grund für die Misere das EU-Abfallrecht. Dort gelte der Grundsatz: Alles, was ohne Schadstoffbelastung in der Erde ist, ist in Ordnung. Alles, was ausgebuddelt wird, ist dagegen Abfall und muss dementsprechend kostenpflichtig deponiert oder recycelt werden. "Dabei ist das in der Regel Erde, wie sie jeder Gartenbesitzer aus den Tiefen holt, wenn er ein Loch gräbt." Der Mann hat kaum Hoffnung, dass die strengen Vorschriften mit Augenmaß auf ein vertretbares Niveau abgesenkt werden. Für die Unternehmen sei der Transport von Erdaushub, der in vielen Fällen schlichtweg als Gartenerde durchgehen würde, zudem mit extrem hohem Dokumen-tationsaufwand verbunden. "Das frisst Zeit", sagt der Experte.

Was für Bauherren, egal ob Private oder die öffentliche Hand, zusätzlich zu Verzögerungen bei ihren Projekten führen wird: Es fehlen Lkw-Fahrer. Weil das Abfallrecht dermaßen viele Touren mit Erdaushub erzwinge, müssten deutlich mehr Fahrer unterwegs sein. "Doch es gibt kein Personal." Folge: Es sind Subunternehmer und Sub-Sub-unternehmer unterwegs. Und wenn es selbst die nicht mehr gibt, werden Fuhrunternehmen aus Osteuropa angeheuert. "Da verliert irgendwann jeder den Überblick."
* Name der Redaktion bekannt

Autor:

Tom Kreib

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