"Hinz und Kunzt"-Verkäuferin musste Stader Stammplatz räumen
Ihr bloßer Anblick soll Kunden belästigt haben

Melanie D. hat einen neuen Platz gefunden, mit dem sie zufrieden ist
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jd. Stade. Sie stehen meist im Eingangsbereich von Geschäften, grüßen nett und halten ein Heft in den Händen, das sie zum Kauf anbieten: Die Verkäufer des Hamburger Straßenmagazins "Hinz und Kunzt" gehören in vielen Orten in der Region zum gewohnten Bild. Doch es gibt Zeitgenossen, die sich allein an der Präsenz der Straßenverkäufer stören. Werden sie doch ungewollt mit Not und Elend anderer Menschen konfrontiert. In Stade musste jetzt eine "Hinz und Kunzt"-Verkäuferin den Stammplatz vor einem Supermarkt räumen, weil einige Kunden ihren Anblick auf dem Weg in den Laden offenbar nicht ertragen konnten.
Seit knapp anderthalb Jahren verkauft Melanie D.* das Hamburger Straßenmagazin in Stade. Die 42-Jährige bezieht nach schweren Krankheiten Frührente, ebenso wie ihr Mann. Mit ihrer 16-jährigen Tochter strandeten beide - und das im wahrsten Sine des Wortes - in Wischhafen. Ein von ihnen erworbenes Hausboot, mit dem die kleine Familie in Hamburg leben wollte, setzte die Crew bei der Überführung auf Grund.

Das Boot war ein Totalschaden, ein weiterer Tiefschlag für Melanie D., die vom Schicksal immer wieder gebeutelt wurde. Seitdem leben die drei in einer Obdachlosenunterkunft, die karge Rente geht für die Miete drauf. "Unseren Lebensunterhalt bestreiten wir von dem Verkauf des Magazins", sagt die Frührentnerin. Außerdem möchte sie ihrer Tochter hin und wieder einen kleinen Wunsch erfüllen.

In Stade hatte ihr "Hinz und Kunzt"-Vertriebsleiter Christian Hagen einen Lebensmittelmarkt vermittelt, wo sie stehen konnte. "Wir arbeiten nach dem Stammplatz-Prinzip", sagt Hagen. Jeder der mehr als 500 Verkäufer in Hamburg und im Umland erhalte einen festen Standort. So entstehe keine Konkurrenz um vermeintlich bessere Plätze - und was noch viel wichtiger sei: Jeder Verkäufer habe so die Chance, sich ein vertrautes Umfeld zu schaffen und für eine bessere Akzeptanz zu sorgen.

Das ist im Fall von Melanie D. wohl nicht gelungen. Es gab laut Hagen Unstimmigkeiten mit der Eigentümerin der Immobilie. Kunden sollen sich über D. beschwert haben. "Einige fühlten sich wohl durch meine bloße Anwesenheit belästigt", sagt die Verkäuferin. Sie habe jedenfalls nie jemanden bedrängt, das Magazin zu kaufen. "Das kann ich mir auch nicht vorstellen", sagt Hagen. Er kenne D. als zurückhaltende, angenehme Person.

Diesen Eindruck bestätigt auch Wolfgang Schröter. Der pensionierte Schulleiter kauft häufig in dem Markt ein. "Frau D. stand dort völlig unauffällig und hat niemanden belästigt. Ich kann es nicht verstehen, dass Kunden Druck ausgeübt haben sollen, dass sie von dort verschwindet. Das ist doch traurig, auf diese Weise Menschen gesellschaftlich auszugrenzen - und so etwas kurz vor Weihnachten. Hier wird einem Menschen der letzte Rest an Würde genommen." Vertriebsleiter Hagen hält sich mit Kritik zurück. "Wir sind auf die Kooperationsbereitschaft der Einzelhändler angewiesen und wenn es mal nicht klappt, dann haken wir die Sache dort ab."

Der Ladeninhaber selbst sitzt bei diesem Thema zwischen zwei Stühlen. "Ich brauche die Kunden, die sich an Frau D. stören, genauso wie die Kunden, die sich darüber ärgern, dass sie den Standort wechseln musste." Seiner Meinung nach wäre die Sache gar nicht eskaliert, wenn die Melanie D. nur zweimal die Woche vor seinem Markt gestanden hätte. "Dann kann sich auch niemand belästigt oder gar gar unter Druck gesetzt fühlen, ein Exemplar zu erwerben." Dennoch würden wohl manche die bloße Anwesenheit eines Verkäufers als unangenehme Situation empfinden.

Inzwischen hat Hagen einen Standort für Melanie D. gefunden. Sie steht seit zwei Wochen an einem Stader Biomarkt. Nach anfänglicher Skepsis ist sie mit ihrer neuen Verkaufsstelle zufrieden: Die Kundenfrequenz sei nicht so hoch, aber die Bereitschaft, das Magazin zu kaufen, sei höher. Mit jedem verkauften Exemplar kommt Melanie D. ihrem Ziel ein wenig näher: "Weg vom Leben am Rande der Gesellschaft."
* Name v.d. Red. geändert

Auf den Ausweis achten

"Hinz und Kunzt" gibt es bereits seit 27 Jahren. Verkauft wird das Hamburger Straßenmagazin von Obdachlosen und Personen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Das von einem professionellen Redaktionsteam erstellte Magazin ist Teil eines Projektes, mit dem Menschen geholfen werden soll, die sich in prekären Lebensverhältnissen befinden.
"Hinz und Kunzt" erhält keine Zuschüsse. Das Projekt finanziert sich zu einem Drittel aus dem Verkauf der Magazine und zu zwei Dritteln aus Spenden. Mit dem Geld werden Sozialarbeiter und Hilfsangebote wie die Vermittlung von Wohnraum für Obdachlose finanziert.

In Stade gibt es derzeit neun Verkaufsstellen, von denen sieben besetzt sind. Das Magazin kostet 2,20 Euro. Davon geht die eine Hälfte an das Projekt und die andere Hälfte erhält der Verkäufer. "Hinzt und Kunzt"-Vetriebsleiter Christian Hagen weist darauf hin, dass alle registrierten Verkäufer deutlich sichtbar einen Vertriebs-Ausweis tragen müssen. "Derzeit haben wir viel Probleme mit Personen, die sich als unsere Verkäufe ausgeben, unser Magazin aber nur als Vorwand nehmen, um sich Geld zu erbetteln."

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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