"Die Zahl sinkt und ist dennoch erschreckend", sagt der Experte Ralf Häder
Noch immer zu viele Analphabeten in Deutschland

tk. Landkreis. In Deutschland können 6,2 Millionen Menschen nicht richtig Deutsch lesen und schreiben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Bundesbildungsministeriums über Analphabetismus. Im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 2011 ist das ein Rückgang um 1,3 Millionen. Kann die Bildungspolitik also Erfolge verbuchen oder sollte die neue Zahl alarmieren?, wollte das WOCHENBLATT von Ralf Häder wissen. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung. Diese Institution schickt auch die sogenannten "Alfa-Mobile" durchs Land, die Betroffenen Mut machen sollen und die auch schon in den Landkreisen Stade und Harburg Station gemacht haben.

"Dass es 1,3 Millionen Analphabeten weniger gibt, hat mich überrascht", sagt Häder. Das zeige, dass Bund und Länder das Problem anpacken. Der Experte sagt aber auch: "Die Zahl von 6,2 Millionen ist noch immer erschreckend hoch." Das Problem Analphabetismus müsse noch sehr viel konsequenter und mit langfristigen Zielsetzungen angegangen werden.

Ralf Häder nennt drei wichtige Themenfelder, auf denen sich etwas tun müsse: Es muss flächendeckende und kostenfreie Angebote für alle Betroffenen geben. Sehr häufig würden Menschen, die nur wenig oder schlecht lesen und schreiben können, nicht in den Großstädten leben und - eine Konsequenz des Analphabetismus - keinen Führerschein haben und damit auch nicht mobil sein.

Außerdem müsse das Problem des Analphabetismus konsequent in der gesamten Bildungslandschaft erkannt werden. "Von der Grund- bis zur Berufsschule", sagt Häder. In der Lehrerausbildung spiele das noch immer keine Rolle, kritisiert er. Angesichts der Tatsache, dass Jugendliche ihre Schulzeit beenden, ohne wirklich lesen und schreiben zu können, gebe es Handlungsbedarf. "Sonst können diese ein bis zwei Kinder in einer Klasse einfach durchrutschen", so Häder. Denn häufig würden diese Kinder auch nicht zu Hause die Unterstützung erfahren, die sie benötigen.
Die dritte Veränderung mahnt Ralf Häder bei der Öffentlichkeitsarbeit über Analphabetismus an. "Dadurch muss die Stigmatisierung geringer werden", fordert er.

Ob die Klagen vieler Lehrerinnen und Lehrer über mangelnde Fähigkeiten im Fach Deutsch, auch bei der Rechtschreibung, auf ein sich verschärfendes Analphabetismus-Problem hindeuten, will Häder weder bejahen noch leugnen. "Es könnte schon sein, dass wir es mit einem wachsenden Problem zu tun bekommen." Diese besondere Schulproblematik sieht er aber in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext: "Die Schere geht immer weiter auseinander." Die Unterteilung in gut und schlecht ausgebildet und daher auch in arm und reich nehme spürbar zu.

Autor:

Tom Kreib

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