Neun Kinder liegen in den Elbe Kliniken wegen schwerer Atemwegserkrankungen
Schwache Immunabwehr, schwerkranke Kinder - Kinderarzt fordert: Die Maske muss weg

Die Zahl der Kinder, die unter schweren Atemwegsinfektionen leiden, hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen
  • Die Zahl der Kinder, die unter schweren Atemwegsinfektionen leiden, hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen
  • Foto: Stockfoto / Gina-Sanders
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(jd/lm). Die Kinderärzte haben in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. In vielen Praxen herrscht ein großer Andrang von kleinen Patienten, die husten und niesen. Die Infektionen sind nach den Lockerungen der Corona-Regeln wieder auf dem Vormarsch. Sorge bereitet den Medizinern aber nicht die klassische "Schniefnase", sondern der starke Anstieg einer schweren Atemwegserkrankung, die vom sogenannten RS-Virus (Respiratory Syncytial Virus) verursacht wird. Auch in der Region häufen sich die RSV-Fälle. Eine Abschaffung der Maskenpflicht könnte nach Expertenmeinung weitere schwere Krankheitsverläufe verhindern (siehe unten).

So ist, wie in den meisten Kinderkrankenhäusern im Bundesgebiet, auch in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Elbe Klinikum Stade seit mehreren Wochen ein deutlicher Anstieg an Patienten zu verzeichnen, die am RS-Virus erkrankt sind. Außerdem hat die Stader Kinderklinik vereinzelt Kinder aus dem Hamburger Raum aufgenommen, die wegen der Überfüllung der dortigen Kinderstationen verlegt werden mussten.

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"Derzeit werden neun Kinder im Alter von vier Wochen bis vier Jahren stationär in Stade versorgt", berichtet Dr. Markus Krüger, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Von diesen neun Kindern müssen zwei Kinder sogar intensivmedizinisch behandelt werden. Beide sind jünger als sechs Monate. Laut Krüger ist es ungewöhnlich, dass sich das RS-Virus in den vergangenen Wochen so rasant verbreitet hat. Normalerweise erfolgen die meisten RS-Virus-Infektionen zwischen November und März - also zeitlich identisch mit der Grippe-Saison - und dann nicht in dem jetzigen Ausmaß.

Den derzeitigen starken Anstieg bei den RSV-Infektionen führt Krüger auf folgenden Grund zurück: "Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen im Frühjahr wie Schul- und Kita-Schließungen, Kontaktsperren und Maskenpflicht konnten sich die Immunsysteme unserer kleinen Patienten nicht weiterentwickeln. Im Gegenteil: Ihre Immunabwehr wurde sogar geschwächt." Dadurch komme es nun zu einem regelrechten Infektions-Boom mit besonders vielen schweren Verläufen, so der Kinder- und Jugendmediziner. "Banale Schnupfenviren" könnten so zu schweren Atemwegserkrankungen bis hin zur Lungenentzündung führen.

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Dass aktuell besonders Neugeborene und Säuglinge im Alter bis sechs Monaten betroffen sind, führt Krüger auf den geringen Nestschutz zurück. Was es damit auf sich hat, erläutert die Hygiene-Fachärztin Claudia Rösing, Leiterin der Krankenhaushygiene bei den Elbe Kliniken: "Normalerweise genießen die Neugeborenen in der Anfangszeit den sogenannten Nestschutz. Das bedeutet, dass das Kind über die Antikörper, die die Mutter gebildet hat, in den ersten Monaten gut vor Viren und Bakterien geschützt ist."

Wegen der Hygienevorschriften in der Pandemie habe dieser Antikörper-Aufbau nicht in dem gewohnten Ausmaß stattgefunden, so Rösing. "Das macht die Neugeborenen wesentlich anfälliger gegen solche Erreger." Würden sich mehr Menschen - auch Schwangere - gegen Corona impfen lassen, könnte die Maskenpflicht in vielen Bereichen des Lebens schneller entfallen, erklärt die Fachärztin. "Dann würde auch das Risiko für die Neugeborenen, am RS-Virus zu erkranken, geringer werden."

Auch bei Kinderarzt Dr. Bernd Rodewyk aus Buchholz ist in den vergangenen Wochen das Wartezimmer gefüllt, hier treten ebenfalls vermehrt Atemwegsinfekte auf. Besonders Säuglinge werden von der Praxis häufig mit dem Verdacht auf RS-Viren in das Mariahilf-Klinikum nach Harburg oder das Altonaer Kinderkrankenhaus überwiesen, da die Krankenhäuser in Buchholz und Winsen keine eigene Kinderstation haben. Rodewyk verweist ebenfalls auf die durch den Lockdown ausgebliebene natürliche Immunisierung der Kinder. Durch die Schließung der Kindergärten habe hier keine "Tauschbörse" für Viren stattfinden können, so der Mediziner. Ein schnelles Ende sei laut seiner Einschätzung in absehbarer Zeit auch nicht zu erwarten. "Wir stellen uns darauf ein, dass das noch einige Monate so weitergeht."

Plädoyer für die Abschaffung der Maskenpflicht

Auch der Sprecher der Stader Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Dr. Stephan Brune, weiß von Kollegen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendmedizin zu berichten, in deren Praxen sich die RSV-Fälle häufen. Brune vergleicht die derzeit geschwächte Immunabwehr mit einem Muskel: "Ein Muskel erschlafft auch, wenn dieser nicht regelmäßig bewegt und trainiert wird."

Dieses "Training" des Immunsystems sei jetzt zwingend geboten, meint Chefarzt Dr. Markus Krüger: "Ich halte es für dringend erforderlich, dass insbesondere für Kinder, Jugendliche und Schwangere Maskenpflicht und Abstandsregeln abgeschafft werden. Kitas, Schulen, Spielplätze und Sportstätten müssen geöffnet bleiben." Bei den genannten Personen bestehe eine sehr geringe Gefahr, schwer an COVID-19 zu erkranken. Sie müssten daher nicht so stark vor Corona geschützt werden. Kontakte zu anderen Menschen seien wichtig, um eine gute Immunabwehr aufbauen zu können, so Krüger: "Ein gut funktionierendes Immunsystem ist die nachhaltigste Schutzmaßnahme vor Infektionskrankheiten für unsere Kinder.“

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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