Stress beim "Spritzenverband": Karin Hansen übersetzt historische Rats-Protokolle

Karin Hansen mit dem Kochbuch ihrer Ur-Großmutter, dem ersten Buch, das sie aus dem Altdeutschen übersetzte Fotos: lt
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  • hochgeladen von Lena Stehr

lt. Steinkirchen. Worüber diskutierten die Lokalpolitiker aus dem Alten Land um das Jahr 1900 herum? Das weiß wohl keiner besser als Karin Hansen (65). Die gebürtige Altländerin engagiert sich seit knapp drei Jahren ehrenamtlich im Archiv der Samtgemeinde Lühe und übersetzt u.a. historische Gemeindeprotokolle von der altdeutschen Schrift in unsere lateinische Schrift - und stößt dabei immer wieder auf Interessantes.
So stimmten die Gemeindepolitiker damals z.B. jedes Jahr vor der großen Kirschenernte darüber ab, wie viel Geld Bürger für abgeschossene "Staare" bekommen sollten. In Guderhandviertel bekam man 1906 fünf Pfennig pro Vogel, maximal 200 Mark pro Person wurden ausbezahlt, um der Plage Herr zu werden.
"Ich lese auch viel von Reibereien bei der Feuerwehr", berichtet Karin Hansen. Die Kameraden waren gar nicht von der Idee begeistert, die "Spritzenverbände" zu einem Verband "Obere Lühe" und "Untere Lühe" zusammenzulegen. Es wurde viel diskutiert und am Ende scheiterte das Vorhaben. "Schon damals wollte eben jeder am liebsten sein eigenes Häuschen haben", sagt Karin Hansen.
Dass die gelernte Sozialversicherungsfachangestellte zu einer Expertin für das Altdeutsche wurde, passierte mehr zufällig. Als sie vor einigen Jahren in Rente ging, fühlte sie sich unterfordert und suchte eine neue Aufgabe. Da fiel ihr das Kochbuch ihrer Ur-Großmutter in die Hände. Jedes Rezept war um 1890 feinsäuberlich notiert worden - in altdeutscher Schrift.
"Ich wollte unbedingt wissen, was meine Ur-Oma aufgeschrieben hatte", sagt Karin Hansen - und paukte ab dem Moment fleißig in der Volkshochschule. Inzwischen hat sie schon häufig eins der alten Rezepte nachgekocht. Zum Beispiel das "erötende Mädchen", einen Pudding aus Buttermilch, Saft und Eischnee. Oder die traditionelle Altländer Hochzeitssuppe für 20 Personen - für die man "8 Kumpen Suppe" benötigt, also acht große Kellen Brühe.
Übrigens: Das kleine Archiv-Gebäude neben dem Rathaus in Steinkirchen gehörte früher einmal Karin Hansen und ihrem Mann und war Teil einer Hofstelle, die Karin Hansens Vorfahren gebaut hatten. In der "Kulturscheune" feierte das Paar viele Partys mit Nachbarn und Freunden.
Wenn das Archiv voraussichtlich im Sommer in das neue Rathaus umzieht, wird der Hauch von Nostalgie zwar fehlen. Dafür bekommt Karin Hansen dann einen eigenen Arbeitsplatz, um die alten Texte direkt digitalisieren zu können.
• Wer sich für die historischen Protokolle interessiert oder selbst Texte in altdeutscher Schrift besitzt, die übersetzt werden sollen, kann sich im Archiv unter Tel.: 04142 - 899146 melden. Geöffnet ist das Archiv immer montags bis donnerstags von 8 bis 11 Uhr sowie nach Vereinbarung.

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