Einschätzungen zur Corona-Lage
Landrat hält Einschränkungen bis weit in den Mai hinein für möglich

Landrat Michael Roesberg
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jd. Stade. "Wir müssen uns alle darauf einstellen, dass die behördlichen Beschränkungen wegen Corona deutlich länger andauern werden und sich weit bis in den Mai hineinziehen." Mit diesen Worten macht Stades Landrat Michael Roesberg den Ernst der Lage deutlich. Wie er die weitere Entwicklung einschätzt und wie sich der Landkreis gegen die Corona-Gefahr wappnet, dazu äußert sich der Landrat im Interview mit dem Stader WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann:

WOCHENBLATT: In der ersten Märzwoche gab es den ersten Corona-Fall im Landkreis Stade. Hätten Sie damals geahnt, welche Entwicklung die ganze Sache nimmt?
Roesberg: Im Januar habe ich bei einer zu Jahresbeginn üblichen Dienstversammlung vor allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreisverwaltung über die wichtigen Themen des Landkreises für das ganze Jahr gesprochen. Da wussten wir zwar schon von den Ereignissen in China, aber niemand hat die Gefahr als so nah empfunden. Ende Januar kamen die ersten Fälle in Bayern auf und mir war klar, was wir zu tun haben, wenn dieser Fall bei uns eintritt. Dass die Krise uns mit einer solchen Rasanz treffen würde – innerhalb von drei Wochen vom ersten Covid-19-Fall bis hin zum allgemeinen Kontaktverbot für alle Menschen im Landkreis –, das habe ich so auch nicht erwartet.

WOCHENBLATT: Wenn Sie im Nachhinein die anfängliche Situation im Landkreis zu Corona betrachten: Hätten Sie im Rückblick andere Empfehlungen ausgesprochen – insbesondere in Hinblick auf die Durchführung von Veranstaltungen?
Roesberg: Nein, andere Empfehlungen nicht, weil wir uns von Beginn der Krise strikt an die Einschätzungen des Robert-Koch-Instituts halten. Einige haben uns für bestimmte Entscheidungen, zum Beispiel rund um die erste betroffene Schule, kritisiert. Den einen war unsere Reaktion zu scharf, den anderen zu lasch. Heute wissen wir, dass die Entscheidungen und Maßnahmen genau angemessen und richtig waren. Niemand in der Schule hatte sich angesteckt.

WOCHENBLATT: Wie bewerten Sie die aktuelle Corona-Lage? Handelt es sich um eine außergewöhnliche Situation, eine Krise oder eine Notlage?
Roesberg: Wir werden über Monate eine massive Krise für das gesamte Gesundheitssystem bekommen, wenn es nicht gelingt, die Pandemie einzudämmern oder zumindest zu verlangsamen. Bis jetzt haben die Ärztinnen und Ärzte in ihrer Praxis vor Ort, die Elbe Kliniken Stade-Buxtehude, unser Gesundheitsdienst, der Rettungsdienst und der Infektionsschutz-Stab unter größter Kraftanstrengung die Situation ganz gut im Griff.
Andererseits: Auch wenn die verschiedenen Anordnungen der vergangenen zwei Wochen und die damit einhergehenden Folgen für die Menschen und für die Wirtschaft gravierend sind, so werden doch grundlegende Bedürfnisse erfüllt: Es gibt Strom, Wärme, Wasser, Lebensmittel und Wohnraum, Fernsehen, Internet ... Die Bevölkerung ist also zunächst sicher versorgt.

WOCHENBLATT: Das Wort Katastrophe ist bisher vermieden worden. Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass in absehbarer Zeit der Katastrophenfall eintritt?
Roesberg: Wir werden sehen - die nächsten Wochen werden es zeigen. Wir bereiten uns auf alle Fälle vor. Bevor wir Zustände wie in anderen Ländern, wie etwa Italien, bekommen, wird man sicher über eine zentrale Koordinierung aller behördlichen Aufgaben nachdenken. Das wäre dann die Feststellung des Katastrophenfalles Coronavirus.

WOCHENBLATT: Welche Vorkehrungen hat der Landkreis getroffen bzw. wird er in den kommenden Tagen treffen, falls sich die Situation weiter zuspitzen sollte?
Roesberg: In enger Abstimmung mit den beteiligten Institutionen, insbesondere den Elbe Kliniken, versuchen wir, die stationäre Versorgung breiter aufzustellen. Da geht es unter anderem darum, die räumlichen und technischen Kapazitäten vom Normalbetrieb an die Bedingungen einer Epidemie anzupassen.

WOCHENBLATT: Welche Möglichkeiten gibt es, die medizinischen Kapazitäten auszuweiten?
Roesberg: Wir prüfen, ob Hotels oder andere Einrichtungen für die Raumfrage geeignet sind, die entsprechend hergerichtet werden müssten. Es muss selbstverständlich auch mehr Schutzmaterial als normalerweise beschafft sowie Personal aus anderen Bereichen für die besondere Situation geschult werden.

WOCHENBLATT: Nach und nach sind immer weitergehende Maßnahmen ergriffen worden, um die Verbreitung des Coronavirus zu stoppen - bis hin zur weitreichenden Kontaktsperre. Wie sind hier Ihre Erwartungen? Gehen Sie davon aus, dass diese Maßnahmen erfolgreich sind?
Roesberg: Wenn sich alle daran halten, dann bringt das viel Schutz für die anderen! Jeder sollte sich so verhalten, als ob er selbst mit Corona infiziert wäre und andere vor einer Ansteckung bewahren will ...

WOCHENBLATT: Wann werden diese Maßnahmen nach Ihrer Einschätzung eine Wirkung erzielen?
Roesberg: Die strenge Kontaktverbot gilt jetzt erst seit einer Woche. Wir werden im Laufe der kommenden Woche aber schon erkennen können, wie wirksam es ist. Fachleute sprechen von zehn bis 14 Tagen.

WOCHENBLATT: Viele Menschen hoffen, dass nach Ostern der “Corona-Spuk” vorbei sein wird. Wie denken Sie darüber? Werden die Einschränkungen ab April wieder gelockert werden können?
Roesberg: Nach meiner Überzeugung werden wir bis weit in den Mai hinein mit Einschränkungen leben müssen. Es kommt jeden Tag eine neue Lage und jeden Tag müssen die getroffenen Entscheidungen erneuert oder geändert werden. Was heute an Maßnahmen angeordnet wird, kann morgen schon wieder anders sein. Das müssen alle Menschen akzeptieren. Kontinuität gibt es derzeit nur bei den Hinweisen zur Hygiene.

WOCHENBLATT: Auch die Behörden befinden sich im “Corona-Modus”. Wie ist die Verwaltungsspitze des Landkreises hier organisiert?
Roesberg: Wir nehmen unsere Aufgaben mit aller gesundheitshygienischer Vorsicht wahr. Unsere Kontakte sind wirklich sehr auf Distanz getrimmt. Das gilt auch für die gesamte Kreisverwaltung, deren Betrieb inzwischen in Schichten erfolgt, die möglichst wenig miteinander in Kontakt kommen.

WOCHENBLATT: Von den Einschränkungen zur Eindämmung von Corona sind viele Geschäftsleute, Selbstständige und auch Arbeitnehmer betroffen. Was sagen Sie diesen Menschen?
Roesberg: Besonnenheit ist nach wie vor ein guter Ratgeber in Krisensituationen, und das bisherige Verhalten der Menschen zeigt eine immer größere Akzeptanz unseres Tuns. Neben den zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern, die auch jetzt an vielen Stellen pflichtbewusst ihren Dienst tun, ob an der Lebensmittelkasse oder in den Kliniken und wo auch immer, so bedauere ich alle, die jetzt existenzielle Sorgen haben, weil das freie Wirtschaften nicht mehr funktioniert, oder weil sie Sorgen um Angehörige haben. Ich hoffe sehr, dass die in den vergangenen Tagen von Bund und Ländern beschlossenen Hilfs- und Förderprogramme gegen wirtschaftliche Existenznöte unbürokratisch bei den Betroffenen ankommen. Bei seelischen Nöten können wir uns alle nur einander helfen, auch mit Gottvertrauen. Bleibt zu Hause, aber schaut auch mal nach dem Nachbarn, ob es dem gut geht!

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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