Für ein Mitspracherecht und ein besseres Image
Landwirte wollen von der Politik gehört werden

Ralf Schacht (li.) und Hauke Fitschen verteilten Äpfel und klärten über ihr Anliegen auf
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jab. Stade. Rollender Protest gegen das Agrarpaket der Bundesregierung: Die Landwirte gingen deutschlandweit auf die Straße, um ihrem Ärger über immer strengere Vorschriften wie die Verschärfung der Düngeverordnung Luft zu machen. Die Bauern setzten sich in ihre Trecker und blockierten zeitweise den Verkehr. Ihr Ziel, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen, haben sie damit erreicht. Auch in unserer Region tuckerten die Schlepper in langen Kolonnen und laut hupend über die Straßen. In und rund um Stade waren etwa 500 Trecker unterwegs.

Ein Konvoi von 222 Fahrzeugen fuhr durch die Hansestadt Stade in Richtung Cuxhaven. Weitere 125 Traktoren machten sich in einem Rundkurs um die Altstadt auf den Weg zum Platz am Sande, wo sich die Junglandwirte zu einer Kundgebung versammelten. Um mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen und sie über ihre Forderungen aufzuklären, verteilten die Junglandwirte Äpfel und Handzettel in der Innenstadt. Später erreichte ein weiterer Konvoi von 135 Fahrzeugen aus Osterholz die Hansestadt.
Sven Oellrich (27), Landwirt, und Torsten Schliecker (31), Obstbauer, aus Drochtersen-Hüll sind nach Stade gekommen, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Sie wollen nicht meckern, sondern von den Politikern gehört und verstanden werden. "Wir sind von den Gesetzen letzten Endes betroffen, doch auf unsere Sorgen und Nöte wird nicht eingegangen", meint Schliecker. Er befürchtet wie viele seiner Berufskollegen, dass die Äcker künftig nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden, wenn weniger gedüngt werden darf. Das werde zu gravierenden Ernteeinbußen führen.

Gleichzeitig kämpfen die Landwirte gegen ihr schlechtes Image, das nicht zuletzt durch die immer strikteren Vorgaben wie bei der Düngeverordnung (Stichwort: Nitratbelastung) und dem strengeren Tierschutz angefeuert wird. Denn dadurch werde das Bild der Landwirte durch Unterstellungen in der Öffentlichkeit negativ beeinflusst. Hauke Fitschen (23) aus Hollern-Twielenfleth, der als Landwirt im Ackerbau und in der Schweinemast arbeitet, und Obstbauer Ralf Schacht (32) kritisieren die immer weiter verschärften Vorgaben. "Es kann doch nicht sein, dass wir an allem schuld sind", so Fitschen. Sie gehen sorgsam mit der Landschaft um, schließlich sei diese ihre Existenzgrundlage. "Die Landwirte wollen sich weiterentwickeln und zum Klima- sowie Umweltschutz beitragen, aber die Mehrkosten müssen auch finanziell tragbar sein - vor allem für die kleineren Betriebe", meint Schacht.

Die derzeitige Preispolitik mache ihnen zudem große Sorgen, meint Schacht. "Wir produzieren die bestkontrollierten Lebensmittel, die dann zu Schleuderpreisen angeboten werden müssen." Wenn es so weitergehe, müssen immer mehr Betriebe aufgeben und dann werden Waren aus dem Ausland importiert. "Dann haben wir keine Kontrolle mehr darüber, wie die Lebensmittel hergestellt werden. Das kann doch auch keiner wollen", sagt Schacht. Sie fordern auch die Konsumenten auf, bei der Wahl ihrer Produkte bewusster zu handeln, damit die Landwirte auch weiterhin gute Qualität liefern können.

• Im Landkreis Harburg beteiligten sich ebenfalls zahlreiche Landwirte an den Protesten. Zwar veranstalteten sie keinen eigenen Demonstrationszug, nahmen aber an den Konvois im Landkreis Lüneburg teil. Nach Auskunft der Lüneburger Polizei waren dort mehr als Tausend Traktoren unterwegs.

Schwarze Schafe gibt es überall
(jab). Die Proteste der Landwirte auf ihren Treckern liefen friedlich ab. Darauf hatten sie von Anfang an großen Wert gelegt. Was mehrmals beobachtet werden konnte, war die Rücksichtslosigkeit anderer Verkehrsteilnehmer, die beispielsweise den Konvoi durchbrachen, hupten oder sogar Mittelfinger zeigten. Doch auch auf der anderen Seite gab es den ein oder anderen Treckerfahrer, der sich nicht an die Verkehrsregeln hielt und wissentlich einen Unfall provozierte. Denn wer bei Rot über die Ampel an einer Kreuzung fährt, an der Fußgänger die Straße queren und Autos abbiegen möchten, der gefährdet bewusst nicht nur sich, sondern auch andere. Auch langes Laufenlassen des Motors im Stand, bis ein Konvoi überhaupt einmal losfuhr, wirkt nicht besonders umweltbewusst. Doch wie in jedem Bereich des Lebens gilt wohl auch bei diesem Protest: Schwarze Schafe gibt es überall. 

Die Politik trägt die Verantwortung
nw/jab. Hannover. Vor dem Hintergrund der deutschlandweiten Proteste der Landwirte mahnt der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende des Niedersächsischen Landtags, Helmut Dammann-Tamke, einen fairen und selbstkritischen Umgang mit den in der Landwirtschaft tätigen Menschen an.

Die Politik und nicht die Bauern trügen die Verantwortung für die fehlenden, aber notwendigen Veränderungsprozesse in der Landwirtschaft, so Dammann-Tamke. „Gerade die jungen Landwirte wollen Veränderung, und sie wissen als hochqualifizierte Agrarier am besten, wie sie Tiere, Böden und Klima effektiv schützen können. Sie verdienen Respekt und Anerkennung dafür, dass sie sich offen und unvoreingenommen auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und gesellschaftlicher Wünsche mit der Politik und anderen gesellschaftlichen Gruppen an einen Tisch setzen wollen", sagt der CDU-Agrarexperte. Dammann-Tamke warnte zudem vor der Überforderung eines ganzes Berufsstandes durch die zahlreichen gesellschaftlich gewünschten Veränderungen bei Umwelt- und Klimaschutz. „Unsere Landwirte halten sich an Recht und Gesetz, wollen aber fair behandelt werden", so Dammann-Tamke.

Abschließend sprach der Politiker die Bundesregierung an. „Wir sollten Berlin davon überzeugen, dass bei allen diesen Themen die Landwirtschaft nicht das Problem, sondern ein unverzichtbarer Teil der Lösung ist. Wir sollten auf Anreizsysteme setzen und nicht auf Ordnungsrecht." Er stimmte außerdem Ministerin Barbara Otte-Kinast zu, dass die Bundeskanzlerin diese Themen über das Kanzleramt zur Chefsache machen müsse.

Autor:

Jaana Bollmann aus Stade

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