Politischer Vorstoß zum Gratis-Nahverkehr
Machen wir's wie Luxemburg: Kostenlos den Bus benutzen

Kostenloser Busverkehr: Würde das mehr Menschen vom Auto in öffentliche Verkehrsmittel locken?
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tk. Stade. Die Linke im Stader Kreistag und im Buxtehuder Rat fordert, dass Busfahren im gesamten Kreis Stade kostenlos wird. Stadt- und Kreisverwaltung sollen prüfen, wie viel das kostet und woher Zuschüsse dafür kommen könnten. Auch wenn dieser Antrag in den beiden Gremien mit großer Wahrscheinlichkeit keine Aussicht auf Erfolg hat, lohnt sich in Zeiten des Klimawandels und damit der Notwendigkeit einer anderen Mobilität das Nachdenken darüber: Wo gibt es bereits kostenlosen ÖPNV, wie sind die Erfahrungen damit und was sagen Nahverkehrsexperten, etwa von der KVG oder der Landesnahverkehrsgesellschaft, dazu? Die Spurensuche zum kostenlosen ÖPNV führt von Luxemburg bis in den Kreis Dithmarschen.

Was gibt es wo? Kostenloses Busfahren ist noch eine absolute Ausnahme. Am weitesten ist dabei Luxemburg. Dort sind Fahrten mit Bus und Bahn ab April 2020 kostenlos. Bislang zahlt das Fürstentum bereits 90 Prozent der Nahverkehrskosten und legt jetzt noch einmal nach.
In Augsburg ist der Nahverkehr mit dem Jahreswechsel in der Innenstadt kostenlos geworden. Aber: Der Radius der Umsonstfahrten ist sehr klein. Nicht ganz so weit entfernt, im Kreis Dithmarschen, können alle Bürgerinnen und Bürger noch bis zum 12. Januar kostenlos den Bus im gesamten Kreisgebiet nutzen. Dithmarschens Kreissprecher Björn Jörgensen erklärt auf WOCHENBLATT-Nachfrage, dass diese Aktion rund 15.000 Euro durch den Wegfall der Ticketeinnahmen koste. Die Maßnahme solle vor allem Werbung für den Bus machen. "Wir haben rund 400.000 Euro jedes Jahr in die Verbesserung der Angebote investiert", so der Sprecher. Darauf wollen die Verkehrsplaner hinweisen. Eine vorläufige Auswertung liegt zwar noch nicht vor, in sozialen Netzwerken gibt es aber schon Lob.

Mit dem Gratis-Busverkehr hat es die Stadt Templin in der Uckermark 1998 versucht - mit durchschlagendem Erfolg: Die Zahl der Fahrgäste stieg von rund 42.000 drei Jahre nach Projektstart auf mehr als 600.000 in einem Jahr. Der Versuch war so erfolgreich, dass er beendet werden musste, weil die Folgekosten (etwa mehr Busse) zu teuer geworden wären. Aber: Templin ist dennoch Vorreiter bei kostengünstiger Mobilität. Für 44 Euro können Bürgerinnen und Bürger eine Jahreskurkarte erwerben und damit die Busse kostenfrei nutzen.

Ein Blick auf die Kosten: Der Landkreis Harburg hat im Jahr 2018 für den ÖPNV insgesamt 14,1 Millionen Euro aufgewendet. Darin enthalten sind alle Kosten - nicht nur für den Busverkehr. Die Einnahmen aus Ticketverkäufen betrugen 5,5 Millionen Euro. Bei den Ausgaben zeichnet sich ein Anstieg ab, die Einnahmen stagnieren dagegen, so Kreissprecherin Katja Bendig. Für den Landkreis Stade liegen diese Zahlen nicht vor.

Was sagen  ÖPNV-Experten zur Idee des kostenlosen Busverkehrs?
Für Oliver Blau, Pressesprecher der KVG, die in Buxtehude und vielen Teilen der Landkreise Harburg und Stade das Busnetz betreibt, ist nicht der Preis für das Busticket, sondern der gute Service entscheidend. "Viele Untersuchungen zeigen, dass Fahrgäste bereit sind, fürs Ticket zu zahlen, wenn sie mit dem Angebot zufrieden sind." Das heißt: enge Taktung und eine gute Anbindung etwa an Zug und S-Bahn. Wenn man über kostenloses Busfahren nachdenke, "muss man das Gesamte im Auge behalten", fügt Blau hinzu. Wer mit dem Zug im HVV-Tarif weiterfahre, müsse trotzdem für die Fahrkarte bezahlen. Und: Würde ein kostenloses Angebot ein Riesenerfolg, hätte das massive Folgen. "Engere Taktung, mehr Busse und dafür mehr Fahrpersonal", erklärt der KVG-Sprecher.

Dirk Altwig, Pressesprecher der LNVG (Landesnahverkehrsgesellschaft) argumentiert ähnlich wie Oliver Blau, wenn es um eine grundsätzliche Einschätzung zum kostenfreien Busverkehr geht: "Für ein besseres Angebot sind die Menschen auch bereit zu bezahlen", sagt er. Auch nur dann sei es möglich, Autofahrer von den Vorteilen des ÖPNV zu überzeugen. Sonst würden vor allem Fußgänger und Radfahrer einen kostenlosen Bus nutzen.

Eine interessante Summe nennt Altwig in diesem Zusammenhang: Der Landkreis Stade bekommt pro Jahr 393.000 Euro von der LNVG für den ÖPNV. Wie das Geld für den Nahverkehr verwendet ist, wird vor Ort entscheiden. Theoretisch möglich: Der Landkreis Stade würde damit das Defizit für einen kostenlosen oder zumindest deutlichen günstigeren Busverkehr zwischen Buxtehude und Balje abmildern.

Dr. Christian Kuhse, Geschäftsführer der Stadtwerke Buchholz, bringt einen anderen Punkt ins Spiel: "Da die Nutzung des ÖPNV schon heute günstiger ist als eine Fahrt mit dem eigenen Pkw, stellt sich die Frage, ob Bürger durch kostenlose Busfahrten tatsächlich animiert würden, vom Pkw auf den Bus umzusteigen." Schon 2018 nahm Kuhse nach einem Antrag der Buchholzer Grünen Stellung zu einem kostenfreien Busangebot. Fazit: Das würde die finanziellen Kapazitäten der Stadt sprengen. Bei einem Ausstieg aus dem HVV würde der Verlust des Buchholz Bus um 1,3 Millionen Euro pro Jahr steigen. Sogar noch deutlich höher seien die Kosten, wenn man im HVV bleibe, aber kostenlose Abofahrten sponsere. "Diese Zahlen gelten auch heute noch", sagt Kuhse. Er betont: "Unser lokales Bussystem ist bereits weitgehend optimiert und bietet für Städte unserer Größe hohe Standards."

Für den Linken-Fraktionschef im Kreistag und Buxtehuder Stadtrat, Benjamin Koch-Böhnke, geht es vor allem darum, jetzt das Thema anzugehen. "Was am Ende herauskommt ist offen", sagt er. Für ihn ist es außerdem wichtig, dass nicht nur die Kosten, sondern auch der volkswirtschaftliche Gewinn durch weniger Autoverkehr, weniger Schadstoffbelastung und lebenswerte Innenstädte ohne Staus gegengerechnet wird.

Autor:

Tom Kreib

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