Wie stehen die Jugendverbände der Parteien zu Fridays for Future?
"Schüler gehen auf die Straße, um etwas zu verändern"

Immer mehr junge Menschen gehen für den Klimaschutz auf die Straße <Infotxt>Foto: jab</Infotxt>
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  • hochgeladen von Jörg Dammann

(jd). Als Anfang des Jahres die ersten Schüler gegen den Klimawandel auf die Straße gingen, wurde "Fridays for Future" (FfF) noch als findige Idee von Schulschwänzern verunglimpft. Davon ist längst nicht mehr die Rede: Aus den sporadischen freitäglichen Demos ist eine breite Protestbewegung geworden. Viele junge Menschen sind durch die vor allem von FfF getragenen Klimaproteste überhaupt erst politisiert worden. Doch wie stehen die klassischen Jugendorganisationen der Parteien zu dieser Protestform und ihren Zielen? Fühlen sich Junge Union (JU), Jungsozialisten (Jusos) oder Junge Liberale (JuLis) von dieser neuen politischen Jugendbewegung überrollt? Das WOCHENBLATT befragte Vertreter der jeweiligen Kreisverbände zu dem Thema. Für die Junge Union äußerten sich Sebastian Klinge, Katharina Hilck, Niels Kohlhaase und Frederik Witt, für die Jusos und die Julis gaben die Kreisvorsitzenden Gerrit Steffens bzw. Mate Sieber ein Statement ab.

WOCHENBLATT: Wie stehen Sie zu den bisherigen Aktionen von "Fridays for Future" im Landkreis Stade?
Jusos: Die bisherigen Aktionen von FfF im LK Stade stechen vor allem durch die Kontinuität hervor, die klar zeigen, dass der Einsatz für Klimaschutz keine bloße Modeerscheinung ist. Die regelmäßigen Klima-Streiks und wie zuletzt die Aktionswoche in Buxtehude zum Beispiel tragen dazu bei, dass sich viele engagierte, junge Menschen Gehör verschaffen können. Anfangs belächelt haben die Aktivisten*innen von FfF so nachhaltig auf sich aufmerksam machen können – und auch lokal auf das aktuell global wohl meisten diskutierte Thema. Entsprechend können wir die bisherigen Aktionen der Bewegung voll unterstützen.
JuLis: Es ist schön zu sehen, dass viele junge Menschen politisierter denn je sind und somit ihre Bereitschaft zur Teilhabe an Ihrer Zukunft zeigen. Durch die Aktion kommen die Menschen zwar zusammen, jedoch muss man auch betrachten, dass jetzt noch mehr kommen muss, als nur eine Aktion im Sinne des „Streiks“. Ich empfehle einen offenen Abend der Meinungen zum Thema Zukunft 2050. Würde man uns zu so einem Event einladen würde ich sofort zusagen. Wenn keine in vernünftigen Bahnen laufende Diskussion mit abschließendem Ergebnis beginnt, dann war es „nett“ hat aber leider keinen Mehrwert.
Junge Union: Wir als Junge Union finden es toll, dass sich auch die Schülerinnen und Schüler im Landkreis Stade für ein so wichtiges Thema wie den Klimaschutz begeistern, engagieren und Flagge zeigen. Dieses Engagement macht deutlich, dass die Jugend sehr wohl politisch interessiert ist. Nicht vertreten können wir jedoch Aktionen wie in Buxtehude, bei denen mutwillig vandaliert wird. Ein Beispiel für solchen Vandalismus ist der Trauerzug von FfF Buxtehude, der einen Sarg voller Asche vor den Haupteingang der Sparkasse Harburg-Buxtehude geschüttet hat.

WOCHENBLATT: Halten Sie die Protestformen von FfF für den richtigen Weg, Kritik an der zunehmenden Zerstörung unserer Umwelt zu artikulieren?
Jusos: Wenn Schüler*innen Woche für Woche auf die Straße gehen und nicht in die Schule, um der Welt klar zu machen, dass all das Lernen für das spätere Leben nichts nützt, wenn der Planet, auf dem wir leben, stirbt, dann gibt es kaum eine geeignetere Protestform, um auf die globale Klimakatastrophe und die weltweite Vernichtung der Umwelt aufmerksam zu machen.
JuLis: Es gibt zu Recht, verschiedene Möglichkeiten, um mit einem Anliegen auf sich aufmerksam zu machen. Wir machen im Moment auch eine online Petition. Also warum kein Protest? Dagegen habe ich nichts! Die Zeit, ist das Thema. In der Schulzeit? Das muss nicht sein, denn am 20.9 kamen auch um 16 Uhr nachmittags knapp 1000 Menschen, daran sieht man doch, dass sich die Schüler auch nach der Schule aktiv dafür einsetzen. Das bedeutet Engagement in der Freizeit (fürs Gute kämpfen) und gleichzeitig die Schulpflicht erfüllen geht, machen wir in unseren Parteien ebenfalls freiwillig neben dem Studium oder der Schule. Es ist okay, so lange es friedlich ist, die gesellschaftliche Vielfalt an anderen Meinungen geachtet wird und neben dem Ziel, auch Vorstellungen von dem Weg dorthin definiert sind. Sonst macht der „Streik“ keinen Sinn.
Junge Union: Was der geeignete Weg ist, ist immer schwierig zu sagen. Natürlich wäre es schön, wenn durch die Proteste keine wichtige Unterrichtszeit verloren ginge, allerdings muss auch gesagt werden, dass ja gerade erst der Regelbruch des „Schuleschwänzens“ diese Aufmerksamkeit die das Thema heute hat, verursacht hat und mit dafür verantwortlich ist, dass die Politik sich mehr diesem Thema angenommen hat. Wenn man also das Ziel der Aufmerksamkeit betrachtet, so muss gesagt werden, dass es der geeignete Weg war. Es muss aber deutlich gemacht werden, dass man es bei dem Regelbruch des „Schuleschwänzens“ belässt und anstatt des zivilen Ungehorsams, der in einigen Städten bereits stattfand, nun den Weg zum Gespräch sowie der Ideen- und Kompromissfindung einschlägt.

WOCHENBLATT: Sind solche Demos aus Sicht Ihrer Verbände überhaupt geeignet, politische Ziele umzusetzen?
Jusos: Auf jeden Fall – vergleicht man Proteste der vergangenen Jahre und die Aufmerksamkeit, die diesen zuteilwurde, mit der aktuellen medialen Präsenz der Protestierenden und der Thematik, dann scheint es auch gar nicht anders zu gehen. Schüler*innen gehen auf die Straße um etwas zu erreichen, um etwas zu verändern, ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die größten und fortschrittlichsten gesellschaftlichen Veränderungen nur darüber erreicht wurden, dass Menschen auf die Straße gegangen sind, sich Gehör verschafft haben und unnachgiebig für das einstanden, was sie erreichen wollten.
JuLis: Bedingt, es ist aber der erste Schritt, das Thema „Klimaschutz“ wieder auf die Agenda zu setzen. Das Ziel ist auch erreicht worden, das Thema ist bei der breiten Masse präsent. Diesen Aufschwung gilt es jetzt in Ideen und innovative Lösungen umzumünzen. Nur dann wird man auch eine positive Trendwende erreichen. Es ist aber ein Dialog, an dem jede Personengruppe unserer Gesellschaft mitentscheiden muss, wie es weitergeht. Von dem Arbeiter, dessen Job auf dem Spiel steht bis hin zum Konsumenten. Der Protest waren so gesehen erst 1%, der Rest kommt mit der Lösung.
Junge Union: Die Proteste sind auf jeden Fall dazu geeignet auf die Wichtigkeit des Themas Klimaschutz und der Akutheit des Themas hinzuweisen. Die Umsetzung des politischen Ziels, nämlich ein erfolgreicher Klimaschutz, kann nur erfolgen, wenn sich alle Seiten in der Klimaschutzdiskussion dazu bereit erklären sich an einen Tisch zu setzen, Kompromisse zu finden, alle Betroffenen mitzunehmen und sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen zu verrennen. So sieht es das Demokratische System vor und die Umsetzung dieser großen Herausforderung kann nur gemeinsam erfolgen.

WOCHENBLATT: Unter welchen Bedingungen können Sie sich vorstellen, sich einer FfF-Demo anzuschließen?
Jusos: Bundesweit und auch im Landkreis Stade beteiligen sich bereits Juso-Genossen*innen aktiv an der Arbeit von FfF.
JuLis: Gar nicht. Aus einem einfachen Grund. Der Anfang ist gemacht ich möchte aber gemeinsame Lösungen finden. Daher habe ich 2 Vertreten von FFF aus unserer Region ein Gespräch angeboten. Es wurde zwar immer bejaht, kam jedoch bisher noch nicht zustande. Gerade wenn man unterschiedliche Ideen zur Umsetzung hat, bzw. überhaupt welche, dann bringt der Dialog einen besonderen Mehrwert, und zwar für alle Beteiligten geleichermaßen. Mein Angebot steht immer noch, ich freue mich auf ein Gespräch!
Junge Union: Wenn Aktionen ohne z.B. Vandalismus stattfinden und nach der Demo ein Zusammensetzen erfolgt, bei dem allen Seiten die Chance gegeben wird, ihre Sorgen und Nöte bzgl. des Themas konstruktiv vorstellen zu können und man gemeinsam versucht, Lösungen und Ideen für den Klimaschutz zu sammeln. Unsere Mitglieder sind herzlich dazu eingeladen erneut auf die Wichtigkeit des Themas aufmerksam zu machen. Sei es durch Proteste oder das Handeln im eigenen Leben. Das Bewusstsein der Nachhaltigkeit ist gestärkt, was wir in jeglicher Hinsicht nur unterstützen. Wichtig ist uns, dass es den konstruktiven Charakter beibehält und uns gesamtgesellschaftlich nach vorne bringt.

WOCHENBLATT: Eine ähnliche mediale Präsenz wie FfF haben Ihre Jugendorganisationen nie erlangt. Welche Chance sehen Sie für Ihre Verbände, junge Menschen künftig zu erreichen und sich im gesellschaftlichen Diskurs Gehör zu verschaffen?
Jusos: FfF demonstriert eindrucksvoll, wie politische Jugendorganisationen agieren müssen, um junge Menschen zu erreichen. Sie müssen die Themen, die junge Menschen bewegen, anpacken. Seitdem FfF die aktuelle Präsenz in der Öffentlichkeit eingenommen hat, sind auch bei den Jusos viele junge Menschen binnen kürzester Zeit eingetreten. Man muss zueinander finden, die Organisationen müssen erkennen welche Themen aktuell junge Menschen beschäftigen und sich dieser annehmen. Andererseits müssen sie es schaffen, dass junge Menschen auch mitbekommen, dass eine Organisation wie die Jusos sich auch stark dem Thema, z.B. Umwelt, widmet. Wir laden deswegen auch FfF ein, sich bei uns im Verband mit ihren Ideen einzubringen. Das Thema Klima- und Umweltschutz ist seit langem auch in der Juso-Programmatik verankert und eigentlich aus keiner unserer Diskussionsrunden wegzudenken. Für uns verknüpft sich dieses Thema jedoch stark mit weiteren gesellschaftlichen und sozialen Themen, wie dem Arbeitsmarkt, der Mietsituation, Fachkräfte, Bildung, usw. Für uns ist klar, dass wir eine sozial-ökologische Transformation brauchen. Dabei dürfen wir uns nicht scheuen zu hinterfrage, ob die Art, wie wir wirtschaften mit diesen Zielen vereinbar ist. Wir haben nun die Möglichkeit verstärkt durch den aktuellen Diskurs genau diese Thematiken in der Öffentlichkeit zu verknüpfen. So bietet sich auch für uns Jusos die Chance über ein breites Mitgliederspektrum genau diese Tragweite auf der Suche nach Lösungen widerzuspiegeln, je vielfältiger die Köpfe sind, desto vielfältiger und zielgerichteter sind unsere Lösungsansätze.
JuLis: Also, wenn wir schon nicht an unsere Zukunft glauben, wer sollte das denn sonst tun? Geschweige denn, warum sollten wir dann weitermachen? Ich kann natürlich nur für die JuLis sprechen, aber kann selbstbewusst sagen, dass wir das Potenzial haben junge Menschen zu erreichen. Gerade Zahlen bei den jüngsten Wählern beweisen dies. Außerdem kann ich Ihnen sagen, dass wir auch gerade regional ein Konzept mit den FDPlern in Horneburg entwickelt haben, um eine neue Form des Bürgerdialogs zu schaffen. Sie dürfen gespannt sein, es dauert nicht mehr lange, bis wir es veröffentlichen. Wenn uns eine Sache wichtig ist, dann ist es zurück zur Sachebene zu kommen. Das bedeutet, sich in Zeiten von rechten und linke Populisten, nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Wir dürfen die Menschen in diesen turbulenten Zeiten nicht allein lassen, d.h. auch nicht reflexartig am linken oder rechten Rand auf Stimmenfang zu gehen. Daher denke ich, dass wir nur dann eine Chance haben, wenn wir unseren Prinzipien treu bleiben. Die Bedürfnisse aller Personengruppen zu akzeptieren und für alle eine Lösung zu finden. Dabei darf niemand aus dem Raster fallen oder allein gelassen werden. Innovationen, Anreize und Mitgestaltung, statt pauschale Verbotskultur!
Junge Union: Durch ein aktiveres, konsequenteres Auftreten. Ein, wenn notwendiges, Abheben von der Mutterpartei in den gesellschaftlich relevanten Themen und immer offenes Suchen nach der politischen Diskussion und der Bereitschaft Kompromisse zu finden. Wir sprechen die richtigen Probleme an, stellen die richtigen Fragen und Forderungen an die Parteien. So haben wir jederzeit eine Zukunft.

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