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Landkreis: Sterben Volksläufe langsam aus?

Der "Challenge Run" in Kutenholz mit Party-Atmosphäre: Tanzen vor dem Start
 
"Nur noch fünf Schubkarren": Läufer Udo Feindt (re.) mit Team-Kollege Marcel Schlag (Foto: privat)

Viele Sportveranstaltungen im Landkreis Stade gestrichen / Immer weniger ehrenamtliche Helfer / Events mit Unterhaltungs-Charakter boomen

ab. Landkreis.
Kein Straßenlauf in Himmelpforten, kein Buschteichlauf in Dollern und auch kein Volkslauf in Bliedersdorf: Dass immer mehr Volksläufe im Landkreis Stade gestrichen werden, scheint sich zu einem Negativ-Trend zu entwickeln. Gefragt sind Event-Läufe wie der "Challenge Run" oder "Tough Mudder". Woran liegt das? Das WOCHENBLATT hat sich bei Vereinen, Organisatoren und Läufern umgehört.

Nach 38 Jahren ist Schluss mit dem Volkslauf in Bliedersdorf, zumindest vorerst. "Das Organisationsteam bestand aus einer Crew älterer Ehrenamtlicher, die den Lauf seit Jahrzehnten auf die Beine gestellt haben", sagt Björn Protze, 1. Vorsitzender des Sportvereins BSV Bliedersdorf 66. Er habe noch versucht, rechtzeitig ein neues Team zu finden, das habe aber nicht geklappt: "Niemand wollte die Aufgabe übernehmen." Und es gibt noch einen zweiten Grund, vermutet Protze: "Meiner Meinung nach müsste der Volkslauf ganz neu durchdacht werden, mit Musik und Rahmenprogramm. Ein Volkslauf im eigentlichen Sinne funktioniert nicht mehr." Für das kommende Jahr hofft der 1. Vorsitzende, wieder Menschen für die Organisation begeistern zu können.

Dass immer weniger Volksläufe stattfinden, flankiert von abnehmender Zuschauerzahl, hat auch Udo Feindt festgestellt. Sein Laufteam Fischer-Mohr geht seit gut einem Jahr mit 18 Läufern erfolgreich an den Start, er selbst nimmt seit Jahren an Volksläufen teil. "Die großen Läufe sind nicht das Problem", stellt er klar. "Es sind die kleineren, wie beispielsweise das Schubkarrenrennen in Estebrügge." Eine Traditionsveranstaltung, die er bereits als Kind besucht habe, erzählt er und erinnert sich an zahlreiche Teilnehmer und ebenso viele Zuschauer. "Inzwischen ist es ein Mini-Spaßlauf mit fünf Schubkarren-Teams."

Auch Udo Feindt sieht bei den Orga-Teams die Helfer schwinden, bringt aber noch andere Aspekte ein. "Für kleinere Veranstaltungen muss ausreichend geworben werden, das heißt, im Team muss sich jemand um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern. Außerdem finden häufig mehrere Veranstaltungen parallel statt, da fällt die eine oder andere hinten runter." Läufe, bei denen vor fünf Jahren noch 100 Teilnehmer an den Start gingen, hätte heute gerade mal 30. "Eine handvoll Ehrenamtlicher steckt viel Kraft in die Organisation und nachher kommen nur wenige, das ist frustrierend."

"Ehrenamtliche fehlen, neue Kräfte gibt es nicht", bestätigt auch Johann Schlichtmann, Chef des Kreisleichtathletikverbandes Stade. Seit mehr als 40 Jahren ist er ehrenamtlich engagiert. Er sieht eine gesellschaftliche Wende. "Wie weit unterstützen Familien sich noch gegenseitig, wenn der Partner ehrenamtlich tätig ist?", fragt er. Einen Läufermangel kann er nicht feststellen, aber die Bereitschaft, außerhalb des Sports mitzumachen. "Das ist auch enttäuschend für diejenigen, die seit Jahrzehnten helfen."

Schlichtmann sieht nur eine Lösung: "Wenn wir etwas retten wollen, müssen wir die Organisation von einer GmbH wie der Eventproduktion aus Hemmoor übernehmen lassen." Als Folge müssten dann die Startgelder angezogen werden, um die Finanzierung abzufedern.  

Über einen Mangel an Helfern kann sich Lauf-Organisator und WOCHENBLATT-Mitarbeiter Dirk Ludewig nicht beklagen, im Gegenteil: Für seine zwei Events, den Silvesterlauf in Drochtersen und den Osterlauf in Krautsand, gebe es sehr viele Freiwillige, die mit anpackten. "Die Läuferzahlen sind ebenfalls stabil", sagt der 1. Vorsitzende des TV Germania Drochtersen, bestätigt aber, dass Läufe ohne Unterhaltungsprogramm kaum noch funktionieren. "Ein Lauf als reiner Lauf - das reicht nicht mehr."