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Stader Johannis-Kindergarten: Lüften soll ausreichen

Im Johannis-Kindergarten hatten Mitarbeiterinnen über gesundheitliche Probleme geklagt Foto: tp

Schadstoff-Grenzwerte nicht überschritten / Diverse Fragen ungeklärt

jd. Stade. Schweigen, Probleme herunterspielen und den Betroffenen einen Maulkorb verpassen: Das ist oft die Strategie von Verwaltungen, wenn es um Schadstoffe in kommunalen Einrichtungen geht. An die Öffentlichkeit soll möglichst nichts dringen - schon gar nicht bei "sensiblen" Gebäuden wie Kitas oder Schulen. Auch in Stade gibt es einen Fall, bei dem alle Verantwortlichen sehr zurückhaltend reagieren: In dem vor einem Jahr eröffneten Johannis-Kindergarten hatten Mitarbeiter nach WOCHENBLATT-Informationen über gesundheitliche Beeinträchtigungen geklagt, die in Zusammenhang mit den Ausdünstungen von verbauten Materialien gebracht werden. Nachdem rund ein Jahr nichts passierte, gaben die Kirche als Träger und die Stadt als Bauherr zwei Raumluft-Untersuchungen in Auftrag (das WOCHENBLATT berichtete). Die Ergebnisse liegen vor, doch die Verwaltungsspitze um Bürgermeisterin Silvia Nieber (SPD) will keine konkreten Werte nennen.

Auf die Bitte des WOCHENBLATT, Einsicht in das Gutachten der DEKRA nehmen zu dürfen, gab es bis Redaktionsschluss keine Antwort aus dem Stader Rathaus. Von dort heißt es lediglich, "dass keine Grenz- und Richtwerte überschritten" werden. Folglich gebe es keine "von der DEKRA festgestellte Schadstoffbelastung." Die Frage ist aber, auf welche möglichen Schadstoffe überhaupt untersucht wurde. Explizit genannt werden nur Formaldehyd sowie die sogenannten leichtflüchtigen organischen Stoffe, die man etwa aus Lösemitteln in Teppichklebern kennt und die im Fachjargon als VOC (engl. Volatile Organic Compounds) bezeichnet werden.

Genauso schädlich oder zum Teil sogar noch gesundheitsgefährdender sind aber auch Stoffe wie Weichmacher, Flammhemmer oder Holzschutzmittel. Auch sie können die Raumluft erheblich belasten und zu Symptomen führen, über die Mitarbeiter des Johannis-Kindergartens laut einem dem WOCHENBLATT vorliegenden Schreiben klagen. Dazu zählen Kopfschmerzen, Müdigkeit, Mattigkeit, Schmerzen in der Brust beim Atmen, geschwollene Nasenschleimhäute, Kreislaufprobleme und Schwindel.

Hinsichtlich der flüchtigen Stoffe, der sogenannten VOCs, heißt es seitens der Stadt, dass diese "per se keine Schadstoffe" seien. Eine interessante Aussage, denn andere Behörden sehen das Thema VOC durchaus kritischer. So werden die VOCs im "Fachportal Innenraumluft" des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums ausdrücklich unter den Schadstoffen gelistet.

Auch wenn bei den VOCs keine Grenzwerte überschritten wurden: Die Stadt räumt ein, dass vom Gutachter bei dieser Stoffgruppe "hervorstechende Werte" ermittelt wurden. "Ein Teil der auffälligen und sehr stark erhöhten Konzentrationen" seien in den Aufenthaltsräumen für das Personal im Bodenbelag und im Kleber gefunden worden. Der DEKRA-Sachverständige empfiehlt, in diesem Bereich den Bodenbelag auszutauschen.
Weiteren Handlungsbedarf, verbaute Materialien noch intensiver unter die Lupe zu nehmen, sieht die Stadt offenbar nicht. Es soll lediglich intensiver gelüftet werden: Ein "vernünftiges Lüftungsmanagement" solle dazu beitragen, die "VOC-Raumluftkonzentrationen" dauerhaft zu senken.

Doch gerade diese Vorgehensweise, erhöhten Schadstoffkonzentrationen mit verstärktem Lüften zu begegnen, wird von manchen Experten kritisiert. Aus Kostengründen werde eine Sanierung möglichst vermieden und stattdessen Lüften als Mittel der Wahl angepriesen, so die Kritiker.

Lüften, um Schadstoffe in der Raumluft zu reduzieren: Diese Methode erinnert an einen Arzt, der, statt eine Krankheit zu therapieren, nur die Symptome behandelt.