Metronom-Verspätungen und -Ausfälle: "Infrastruktur ist überlastet"

Zahlreiche Pendler nutzen täglich den Metronom nach und von Hamburg   Fotos: bim / as
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(bim). Anfang der Woche strandeten Tausende Bahn-Fahrgäste, weil die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) streikte. Doch es bedarf nicht unbedingt eines Streiks, damit die Nutzer den Schienennahverkehrs buchstäblich auf der Strecke bleiben. Fahrgäste, die täglich mit dem Metronom von und nach Hamburg fahren müssen, klagen über überfüllte Züge, dauernde Verspätungen und zum Teil Komplettausfälle. Pendler sind genervt, kommen womöglich zu spät zur Arbeit oder verpassen Anschlusszüge und wichtige Termine.

Ein Beispiel

"Am Dienstag der Vorwoche brauchte ich fast zweieinhalb Stunden zur Hochschule - der eine Zug fiel aus, der nachfolgende hatte 20 Minuten Verspätung", berichtet Matthias Stötzel, Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, aus Handeloh. "Für meine Studenten bedeutet das den Ausfall des Unterrichts, den ich natürlich nachhole, weil wir kurz vor Präsentationen sind. Zu den Nachholstunden fahre ich extra nach Hamburg, meist am Wochenende, da der Stundenplan der Studierenden so dicht getaktet ist, dass es spontan unter der Woche nicht geht", erläutert er.
Am Freitag der Vorwoche fiel sein Zug erneut aus. "Das wurde erst kurz vorher bekannt gegeben - keinerlei Begründung. Ich habe 25 Minuten lang versucht, jemanden per Hotline zu erreichen - vergeblich. Dann schrieb ich dem Kundenservice, bekam postwendend eine Computer-generierte Antwort. Es ist ein Elend", sagt Stötzel.

Das sagt der Fahrgastbeirat

"Die Verschlechterung der Betriebsqualität ist ein schleichender Prozess der vergangenen Jahre. Zwar gab es immer mal wieder Aufs und Abs, beeinflusst auch durch Bauarbeiten, doch so schlecht wie in diesem Jahr lief es bisher noch in keinem", sagt Stefan Kindermann vom Fahrgastbeirat des Landkreises Harburg.
Bei den Ursachen müsse man aber unterscheiden: "Metronom muss insbesondere seine offenbar knappe Personaldecke in den Griff bekommen und für eine ordentliche Wartung der Fahrzeuge sorgen, um technisch bedingte Zugausfälle zu vermeiden. Auch Gespräche mit der DB Netz AG wären sinnvoll, um in Störungsfällen gegebenenfalls die Disposition zu verbessern", sagt Stefan Kindermann.
Er sieht aber vor allem die Politik in der Pflicht. "Ein Großteil der Verspätungen ist auf die völlig überlastete Bahninfrastruktur zurück zu führen. Man kann nicht 40 Jahre lang immer nur Straßen bauen, die Straße weiterhin mit wesentlich mehr Finanzmitteln ausstatten, um am Ende immer nur noch mehr Staus zu ernten, und auf der anderen Seite die Bahn als leistungsfähigen klimaschonenden Verkehrsträger der Zukunft propagieren. Die Regierung muss sich endlich von ihrer überkommenen veralteten Verkehrspolitik lösen. Die Bahn braucht deutlich mehr Mittel und vor allem deutlich mehr Infrastruktur. Bei diesem Thema ist Metronom leider völlig machtlos."
Die Landesnahverkehrsgesellschaft, die die Verkehrsleistungen bei Metronom bestellt und die Fahrzeuge stellt, müsse überlegen, ob mehr Reserven im Metronom-Fahrzeugpark sinnvoll wären, sagt Kindermann.

Das fordert die Politik

"Steigende Pendlerzahlen, zu kurze Bahnsteige, zu wenige Zugfahrten: Der Nahverkehr im Hamburger Umland ist am Limit", klagt der CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke. „Wir brauchen längere Züge mit einer besseren Taktung und längere Bahnsteige, um das Verkehrsaufkommen besser steuern zu können. Dafür sind umfangreiche Baumaßmaßnahmen am Verkehrsknoten Hamburg-Harburg notwendig", sagt er. Landes-CDU und -SPD haben Mitte November deshalb einen gemeinsamen Antrag in den Landtag eingebracht zum Thema "HVV stärken - Nahverkehr im Hamburger Umland vernetzen und ausbauen" (das WOCHENBLATT berichtete). Der Antrag wurde in den zuständigen Wirtschafts- und Verkehrsausschuss überwiesen. Dort findet Mitte Februar eine Anhörung der betroffenen Gebietskörperschaften, Verbände und sonstigen Organisationen statt. Voraussichtlich vor der Sommerpause soll der Antrag unter Berücksichtigung der Anhörungsergebnisse beschlossen werden, teilt die Pressestelle der CDU-Landtagsfraktion mit.
• Liebe Leserinnen, liebe Leser, Ihre Erfahrungen mit dem Metronom interessieren uns. Welche Folgen haben Verspätungen und Zugausfälle für Sie? Schreiben Sie uns an bianca.marquardt@kreiszeitung.net.

Das sagt Metronom

Störungen der Signalanlagen, Stellwerksstörungen oder außerplanmäßige Zugüberholungen - Gründe für die Verspätungen beim Metronom gibt es einige. "In neun von zehn Verspätungsfällen können wir bei Metronom die Gründe nicht beeinflussen", heißt es auf der Homepage. Mit 91 bis 98 Prozent im Durchschnitt aller Züge falle die Pünktlichkeitsstatistik dennoch sehr gut aus.
"Jede Verspätung und jeder Ausfall ist eine zuviel. Metronom investiert viel Geld und Ressourcen darein, Verspätungen und Zugausfälle zu vermeiden – im Interesse der Fahrgäste, aber auch im eigenen Interesse", erklärt Pressesprecher Björn Pamperin auf WOCHENBLATT-Anfrage. "Als Eisenbahngesellschaft wollen wir nur eins: pünktlich und sicher fahren. Leider sind die Strecken von und nach Hamburg inzwischen so überlastet, dass uns dies nicht immer gelingt. Über 80 Prozent der Verspätungen haben ihre Ursache in einer defekten, nicht verfügbaren oder überlasteten Infrastruktur – sprich besetzten Gleisen, defekten Signalen oder Überholung durch Güter- und Fernverkehr", so Pamperin.
Einen grundsätzlichen Personalmangel habe Metronom nicht. "Durch unsere Ausbildung haben wir jedes Jahr mindestens 30 neue Lokführer. Aber: Wenn sich ein Lokführer kurzfristig krank meldet oder seine Schicht abbrechen muss, ist es leider nicht immer möglich, innerhalb von 30 Minuten einen Ersatzlokführer zum notwendigen Einsatzort zu bringen", sagt Pamperin.

Der neue Fahrplan

"Mehr Fahrten, mehr Personal, mehr Service" verspricht die Metronom-Eisenbahngesellschaft in ihrer Pressemitteilung zum aktuellen Fahrplanwechsel. Einige der beworbenen Verbesserungen:
• Seit einer Woche fährt jeder zweite Zug von Hannover nach Hamburg und zurück ohne Umstieg in Uelzen.
• Am Wochenende gibt es zwischen Bremen und Hamburg sieben neue Fahrten zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens.
• Zwischen Hamburg und Uelzen gibt es 52 neue Fahrten, davon allerdings 47 am Wochenende. Von Uelzen nach Hamburg fahren nun alle Züge bis zum Hamburger Hauptbahnhof, bisher endeten viele Züge bereits in Harburg.
Weitere Verbesserungen laut Metronom:
• Künftig wird jeder Zug mit zwei Fahrgastbetreuern besetzt.
• Das Kundenzentrum ist länger erreichbar - jeweils eine halbe Stunde vor der ersten und eine halbe Stunde nach der letzten Fahrt laut Fahrplan.
• Um die Fahrgäste besser zu informieren wurde jetzt die neue Stelle des Infomanagers geschaffen.

Ausnahme-Paket für "Amazon"

Welchen Einfluss mächtige Konzerne auf die Fahrplangestaltung haben, zeigt dieses Beispiel:
Als Erfolg vermeldet die Eisenbahngesellschaft die Umsetzung des sogenannten „Amazon-Pakets", das das Land Niedersachsen für die Mitarbeiter des neuen Amazon-Logistik-Zentrums in Winsen bestellt hat. Dafür wurden teilweise neue Fahrten auf-genommen, teilweise die Fahrzeiten bereits bestehender Verbindungen angepasst. Seit diesem Monat können Amazon-Mitarbeiter nun passend zu jedem Schichtbeginn- und -ende mit dem Metronom nach Winsen fahren und wieder nach Hause Richtung Lüneburg und Hamburg. Insgesamt umfasst dieses Paket zusätzliche 70.000 Kilometer pro Jahr.
Die Kosten: 600.000 Euro. Davon sollen 300.000 Euro über Fahrkarten erwirtschaftet werden, Amazon zahlt 200.000, die Stadt Winsen und der Landkreis Harburg jeweils 50.000 Euro.

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Stefan Kindermann vom 
Fahrgastbeirat
Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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