Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland
Tostedter wird in Indien Zeuge historischer Ereignisse

Auf dem Chadar-Trek: Finn Müller (vorn) ließ sich für eine Broschüre, mit der für ein Ökotourismusprojekt in Wanla geworben wird, fotografieren
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  • Auf dem Chadar-Trek: Finn Müller (vorn) ließ sich für eine Broschüre, mit der für ein Ökotourismusprojekt in Wanla geworben wird, fotografieren
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bim. Tostedt. Das Ende der Schulzeit markiert gleichzeitig einen Lebensabschnitt. Für viele junge Menschen ist es die Gelegenheit, vor Eintritt ins Studium oder Berufsleben noch einmal die Welt aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen. Oder sie nutzen die Zeit, um sich über die eigene Zukunft Gedanken zu machen.
Auch Finn Müller (20) aus Tostedt wollte sich nach dem Abitur im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) im Ausland engagieren. Das verlief allerdings anders, als er es sich vorgestellt hat.

Hilfe zur Selbsthilfe

Obwohl die Konflikte zwischen Indien und Pakistan im Februar vergangenen Jahres mit dem schlimmsten Selbstmordanschlag seit Jahrzehnten eskalierten, entschied sich der 20-Jährige, in Indien Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten mit dem Schwerpunkt ökologische Landwirtschaft und Vertrieb von Bio-Lebensmitteln.
Schon das Bewerbungsgespräch bei der Austauschorganisation für die Auswahl seines Einsatzortes war denkwürdig. "Ich wurde gefragt, ob ich Probleme mit Kälte habe", berichtet Finn Müller, der ahnte, dass sein Einsatzgebiet im Norden des Landes liegen wird, wie weit im Norden, aber nicht. "Ich kam nach Ladakh und dort in den 30.000-Seelen-Ort Leh", erzählt er. Leh gehört zu den höchstgelegenen ständig bewohnten Städten der Erde.

Winterpause bei minus 42 Grad

Von August bis Oktober vermittelte Finn Müller in einer Schule Englisch und Umweltverständnis. Dann folgte eine dreimonatige Winterpause, weil ein Unterricht in den dort unbeheizten Räumen und bis zu minus 42 Grad nicht möglich war. Der Tostedter arbeitete in der Zeit u.a. in einem Schulcamp. "Mit Kindern und Jugendlichen haben wir gemeinsam einen Eishockeyring gebaut", erzählt er und muss immer noch lachen, wenn er an die über das Eis schliddernden Kinder denkt, denen es ein paar Mönche gleichtaten. Auch ein Theaterworkshop und das Isolieren von Gewächshäusern gehörte zu seinen Aufgaben.

Bevor er sich der Biogemüseproduktion widmen konnte, mussten er und seine Mitstreiter - neben Einheimischen ein FSJler aus Köln - den Bewohnern in sechs Dörfern den Umgang mit Milchvieh vermitteln, "weil die Regierung jedem Dorf 20 Milchkühe geschenkt hatte".

Historische Ereignisse und neue Konflikte

Während seines Aufenthaltes in Indien wurde Finn Müller aber auch Zeuge historischer Ereignisse: "Im vergangenen Sommer wurden die umkämpften Gebiete Jammu und Kashmir vom ehemaligen Königreich Ladakh getrennt und sind nun ein eigener Bundesstaat und der Zentralregierung in Delhi unterstellt", berichtet er. Außerdem gebe es bis heute Konflikte wegen dem in der Zeit beschlossenen Staatsbürgerschaftsgesetz, das ein nationales Register und ein vereinfachtes Einwanderungsgesetz vorsieht, allerdings indische oder einwanderungswilige Muslime diskriminieren würde. "Deswegen gab es im November und Dezember Proteste und Hungerstreiks", so der 20-Jährige.

Fluchtartiger Abbruch wegen Corona

Dann kam die Corona-Pandemie. "Bucht den nächsten Flug!", wurde den beiden Deutschen geraten. Nach sieben Monaten musste Finn Müller sein FSJ abbrechen - und erwischte einen der letzten Flieger vor dem Shutdown. "Am 22. März wurden alle internationalen Flüge gecancelled. Seit dem 23. März gilt für alle 1,3 Milliarden Einwohner in Indien Ausgangssperre."

Der Aufenthalt in Indien war für den 20-Jährigen dennoch eine wertvolle Erfahrung. "Ich habe gelernt, geduldiger zu sein, zu improvisieren und sparsamer mit allem umzugehen", sagt Finn Müller. Beeindruckt hat ihn, dass in Leh "jede einzelne Pflanze mit Bedacht gepflanzt wurde", sagt er. Ab dem Wintersemester will er Forstwissenschaften studieren.

Ein Viertel der Abiturienten will ins Ausland

Eine Übersicht darüber, wie viele junge Menschen aus Niedersachsen nach ihrem Schulabschluss ein FSJ im Ausland absolvieren, hat die Landesregierung nicht, teilte das Sozialministerium auf WOCHENBLATT-Anfrage mit. Laut einer Umfrage von Nach-dem-Abitur.de aus dem Jahr 2016 hatten damals 24,67 Prozent der Abiturienten Interesse an sozialen Diensten im Ausland.

Für junge Menschen, die Interesse daran haben, entwicklungspolitische Projekte im Ausland zu unterstützen, hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Jahr 2008 den aus öffentlichen Mitteln geförderten Freiwilligendienst "weltwärts" ins Leben gerufen. Er richtet sich an junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren. Bis 2018 nahmen rund 34.000 junge Erwachsene am "weltwärts"-Programm teil. Infos unter www.weltwaerts.de.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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