Heidewasser-Förderung
"Jeder Kubikmeter fehlt unseren Flüssen"

Der IGN-Vorstand Gerhard Schierhorn (v.li.): Ulrich Bernstorff und Karl-Hermann Ott am Nordbach, einem fast versiegten Zufluss der Schmalen Aue
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  • Der IGN-Vorstand Gerhard Schierhorn (v.li.): Ulrich Bernstorff und Karl-Hermann Ott am Nordbach, einem fast versiegten Zufluss der Schmalen Aue
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bim. Hanstedt. Wenn die Hansestadt Hamburg etwas will, hat das Umland zu parieren - auch wenn es davon selbst nichts außer darunter zu leiden hat. So zeigt es sich nun wieder bei der Grundwasserförderung aus der Nordheide. Obwohl der Landkreis Harburg die Höhe der Fördermenge wie beantragt genehmigt hat, klagt Hamburg Wasser gegen den Bewilligungsbescheid. Doch auch in der Nordheide sind viele Bürger und Umweltschützer nicht zufrieden: Weil die genehmigte Wasserfördermenge - durchschnittlich 16,1 und bis zu 18,4 Millionen Kubikmeter pro Jahr - zu hoch ist und manche Dinge nicht berücksichtigt wurden, will die Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide (IGN) ebenfalls klagen.
Der IGN geht es im Wesentlichen um diese Punkte:
• Alle Kommunen sind gemäß der Wasserrahmenrichtlinie dazu aufgefordert, den Zustand der Gewässer zu verbessern - das gilt gleichermaßen für die Gewässer in Hamburg wie in der Nordheide. "Es ist unumstritten: Jeder Kubikmeter Wasser, der hier gefördert wird, fehlt unseren Bächen und Flüssen."
• Nicht untersucht worden seien z.B., ob aus einer alten Mülldeponie in unmittelbarer Nähe eines Brunnens am Nordbach in Hanstedt-Nindorf Schadstoffe ins Grundwasser gespült werden und wie sich die flächendeckend hohe Nitratbelastung auswirke.
• Das Ziel der IGN: "Nochmal in die Verhandlungen einsteigen und die Fördermenge im Sinne eines fairen Interessenausgleichs reduzieren - auf zwölf Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr oder weniger", erläutert IGN-Pressesprecher Gerhard Schierhorn. Schließlich gelte es, die Grundwasservorräte im Landkreis Harburg nachhaltig und langfristig für die eigenen Bedarfe - für die Bevölkerung, die Land- und Forstwirtschaft - zu sichern. Zumal bei den derzeitigen Klimaveränderungen niemand weiß, was passieren wird.
Der Landkreis wollte dem zumindest insofern Rechnung tragen, als er die Grundwasserförderung auf Basis einer gehobenen Erlaubnis ermöglicht, die jederzeit widerrufen werden kann. Doch diese Eigensicherung schmeckt Hamburg Wasser offenbar nicht. Das Unternehmen hatte eine Bewilligung und damit eine für 30 Jahre garantierte Fördergenehmigung beantragt. "Eine Bewilligung ist gleichzusetzen mit Eigentumsrecht", so Schierhorn.

"Probleme gibt es bereits jetzt an der Toppenstedter Aue und am Wehlener Moorbach, die immer häufiger trockenfallen", sagt Gerhard Schierhorn zu den spürbaren Folgen der Grundwasserförderung durch Hamburg Wasser. Würde das Unternehmen moralisch verantwortlich handeln, müsse es wegen der angeführten größeren Rechts- und damit auch Versorgungs- und Investitionssicherheit nicht auf Erteilung einer jahrzehntelangen Bewilligung klagen. "Wenn sie hier keinen Unsinn machen, ist das der beste Investitionsschutz", so Schierhorn.
Rückblick: Fünf Jahre hat Hamburg Wasser nach Auslaufen der alten Bewilligung von 1974 gebraucht, um im Jahr 2009 eine neue Bewilligung für die Grundwasserförderung aus der Nordheide zu beantragen. Zehn Jahre dauerte das "Tauziehen" zwischen dem Wasserkonzern und den berechtigten Interessen der Bürger und Umweltverbände bis zur Genehmigung durch den Landkreis Harburg im April.
Zwar ist die durchschnittliche Fördermenge mit 16,1 Millionen Kubikmeter Wasser jährlich unwesentlich höher als die zuvor seit 2005 geförderten 15,7 Millionen Kubikmeter Wasser, aber die Verteilung auf die Brunnen werde zum Problem, so die IGN.
"Die fünf Brunnen der Galerie Schierhorn, die als Entlastung dienen sollen, wurden 2004 stillgelegt. Solange die nicht wieder in Betrieb und angeschlossen sind, was ca. drei Jahre dauert, schlägt die Förderung auf andere Brunnen durch", erläutert Schierhorn.
An zwei weiteren Stellen würde weniger gefördert. Deshalb würden in den Bereichen Handeloh, Hanstedt und Schierhorn jeweils 500.000 bis eine Million Kubikmeter mehr Wasser pro Jahr gefördert. Insofern sei es fahrlässig vom Landkreis, auf eine Beweissicherung - um bei Gebäuden und Gewässern mögliche Schäden durch die Wasserförderung zu belegen - zu verzichten.
Beim Antrag war Hamburg Wasser verpflichtet, den Wasserbedarf nachzuweisen. "Dabei wurden eigene Angebote kleingerechnet und alternative Wasserlieferungen aus Schleswig-Holstein nicht ausreichend berücksichtigt", so Gerhard Schierhorn.
"Unser Rechtsanwalt prüft den 288 Seiten umfassenden wasserrechtlichen Genehmigungsbescheid. Wir werden sicher klagen", so Schierhorn.
Ein weiterer Kritikpunkt, der die IGN fassungslos macht: "Es ist ein Unding, dass Hamburgs Grüner Umweltsenator Jens Kerstan zulässt, dass in Naturschutzgebieten Wasser gefördert wird."

Auf ein Wort: ÜberflüssigesRumgeeiere

Seit 40 Jahren engagiert sich die IGN für das Heidewasser, allen voran Vorsitzender Karl-Hermann Ott und Pressesprecher Gerhard Schierhorn. Dass der Landkreis nach zehn Jahren und trotz vieler nicht ausgeräumter Bedenken Hamburg Wasser jetzt dennoch mit durchschnittlich 16,1 und bis zu 18,4 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr die beantragte Fördermenge in voller Höhe genehmigt, muss für sie wie ein Schlag in die Magengrube sein.
Nichts mehr war zuletzt zu hören von den Kommunen, die 2010 gegen den Hamburg-Wasser-Antrag interveniert hatten. Auch viele Einwände der Umweltverbände blieben unberücksichtigt. Insofern hätten sich die Verantwortlichen in Kreishaus und Politik das jahrelange Rumgeeiere, Gutachter- und Rechtsanwaltskosten sowie die scheinbare Berücksichtigung der Interessen ihrer eigenen Bürger sparen können. Bleibt zu hoffen, dass die Horrorvision der IGN nicht irgendwann Realität wird: eine Lüneburger Wüste. Bianca Marquardt


Bescheid liegt öffentlich aus

Der wasserrechtliche Genehmigungsbescheid liegt zur Stellungnahme noch bis zum 20. Mai öffentlich aus. Ab dann haben Einwender vier Wochen Zeit, zu klagen. Die Unterlagen liegen in folgenden Rathäusern aus: Buchholz (Rathausplatz 1), Hanstedt (Rathausstraße 1), Hollenstedt (Hauptstraße 15), Jesteburg (Niedersachsenplatz 5), Neu Wulmstorf (Bahnhofstraße 39), Gemeinde Rosengarten (Bremer Straße 42), Salzhausen (Rathausplatz 1), Seevetal (Kirchstraße 11), Stelle (Unter den Linden 18), Tostedt (Schützenstraße 24), Winsen (Schloßplatz 1), Landkreis Harburg, Abteilung Boden /Luft /Wasser (Schloßplatz 6 in Winsen).
Zusätzlich können der Erlaubnisbescheid und die Unterlagen, die der Entscheidung zugrunde liegen, über die Internetseite www.landkreis-harburg.de/hww eingesehen werden.

Das sagen die Leser

Folgende Reaktionen (teilweise gekürzt wiedergegeben) gab es auf das Vorgehen von Hamburg Wasser:
Inge Nikolaus aus Rosengarten: "Ich bin empört, dass selbst für ein stadteigenes Unternehmen wie Hamburg Wasser Naturschutz und sparsamer Umgang mit Resourcen immer noch keine Rolle spielen, sondern nur 'eigene' Interessen vertreten werden."
Holger Ehlers aus Jesteburg: "Es ist unverständlich und unverantwortlich, wie hier aus wirtschaftlichen Interessen mit der gesamten Region umgegangen wird. Unser Klima hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert und viele Landwirte, aber auch Privathaushalte benötigen heute Grundwasser zur Beregnung, was sich sehr wahrscheinlich noch steigern wird. Mit welcher Frechheit wird hier, aus unternehmerischer Sicht, geklagt? Wo bitte bleibt die Politik, die Bürger und Umwelt schützen soll?"
Götz Sperling: "Hinsichtlich des Trinkwassers benimmt Hamburg sich schon lange sehr rücksichtslos. Die eigenen Brunnen müssen stillgelegt werden, weil das entnommene Wasser nicht mehr als Trinkwasser verwendet werden kann.
Welch ein Anteil des Wassers wird aber als Trinkwasser genutzt? Diese Zahl erfahren wir leider nicht, wahrscheinlich ist sie auch nicht bekannt, denn es gibt je Verbraucher nur einen Zähler.
Soweit mir bekannt ist, hat Hamburg nur ein Wasserversorgungsnetz für alle Bedürfnisse. So werden die Toiletten mit Trinkwasser gespült, die Wäsche mit Trinkwasser gewaschen und andere Reinigungsarbeiten mit Trinkwasser ausgeführt. Das ist natürlich nicht notwendig und nur deshalb so, weil es nur ein Wassernetz in Hamburg gibt. Wenn das Wassernetz geteilt würde in zwei Netze, nämlich ein Trinkwasser- und ein Brauchwassernetz, würde nicht mehr so viel Heidewasser benötigt. Außerdem ist das Verkaufen von Heidewasser an Lübeck bei eigener Wasserknappheit fragwürdig. Wenn ich nicht meinen eigenen Bedarf decken kann, geht das eben nicht."
Familie Fink und Kuhlmann aus Buchholz: "Gerade nach dem Dürrejahr 2018 hatten wir gehofft, dass die zu genehmigende Fördermenge deutlich reduziert würde. Aber unverständlicherweise hat der Landkreis Harburg die von der Stadt Hamburg gewünschte Fördermenge abgesegnet, in Teilen sogar einer beträchtlichen Mehrentnahme zugestimmt.
Der letzte Sommer hat gezeigt wie sensibel das Ökosystem Lüneburger Heide auf Wetterveränderungen (z.B. länger andauernde Trockenheit) reagiert. Die Land- und Forstwirte stöhnten, wie auch zahlreiche Gartenliebhaber unter dem natürlichen Wassermangel. Die Folge war nicht zuletzt eine rasante Ausbreitung der Borkenkäferplage einhergehend mit Abholzungen bisher ungekannten Ausmaßes.
Das Grundwasser, welches Hamburg Wasser fördern möchte, kommt ja nicht vom Erdmittelpunkt, sondern von oben, sickert in den Boden ein und verteilt sich dort. Wird das Wasser abgepumpt, sinkt der Grundwasserspiegel und zuerst verlieren niedere Pflanzen und im Anschluss daran zahlreiche Bäume den Kontakt zu diesem für sie lebenswichtigen Elixier.
Richtig ist, die erteilte Genehmigung, völlig unabhängig von Investitionen, auf Grundlage von aktuellen Messungen und Sachstandsberichten, jederzeit widerrufen zu können.
Angemerkt werden muss an dieser Stelle: Die Stadt Hamburg bekommt das geförderte Wasser für den obligatorischen 'Wasserpfennig' vom Landkreis, verkauft aber (mit enormem Gewinn) einen nicht unerheblichen Teil dieses Wassers nach Schleswig-Holstein. Zumindest war dies in vergangenen Jahren der Fall.
Das Wasser der Elbe könnte noch viel effektiver genutzt werden, allerdings kostet diese Nutzung viel Investitionsgeld, während es das Wasser aus der Lüneburger Heide fast für lau gibt!"

Diese Kommentare hinterließen Leser auf der WOCHENBLATT-Facebookseite:
Dr. Ulrich Doht: "Hamburg Wasser hat 2009 eine Versorgungsleitung nach Lübeck fertiggestellt und ist seitdem Monopolversorger dort. Es wurden die Kapazitäten eigener Brunnen runtergefahren, denn aus der Nordheide gibt es immer frischen Nachschub."
Jan Filter: "Naturschutz auf großstädtisch: Pro-Wolf-Demos einerseits, rücksichtslose Ausbeutung des Umlandes andererseits. Die halten uns hier für menschenleeres Niemandsland."
Volker Giese: "Fördergenehmigung sofort komplett entziehen! Dann soll diese ohnehin dreckige Großstadt doch zusehen, woher sie ihr Wasser bezieht! Hamburg könnte sich ja mit dem 'sauberen' Elbwasser viel einfacher selbst versorgen."

Der IGN-Vorstand Gerhard Schierhorn (v.li.): Ulrich Bernstorff und Karl-Hermann Ott am Nordbach, einem fast versiegten Zufluss der Schmalen Aue
Der IGN-Vorstand am Brunnen O5 in Hanstedt Nindorf (v.li.): Vorsitzender Karl-Hermann Ott, Pressesprecher Gerhard Schierhorn und der zweite Vorsitzende Ulrich Bernstorff
Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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