Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

Nachrüstungen in der Leitstelle des Landkreises Harburg: "Die Natur wird uns prüfen"

Leitstellenleiter Konstantin Keuneke (li.) und Ronald Oelkers in der Leitstelle im Kreishaus
 
Konstantin Keuneke mit dem autonomen Alarmgeber, der eine zusätzliche Sicherheitsebene darstellt, falls es Probleme mit den digitalen Meldeempfängern gibt
(bim). Als im Oktober vergangenen Jahres der Herbststurm "Xavier" über Norddeutschland wütete, ist der Landkreis Harburg vermutlich nur mit Glück einer Katastrophe entgangen. Grund war eine unausgereifte, neue Technik in der Leitstelle, wegen der u.a. zahlreiche Notrufe dort nicht eingingen und die Ehrenamtlichen in den 107 Freiwilligen Feuerwehren vor enorme Herausforderungen gestellt wurden. Was ist inzwischen geschehen? Das WOCHENBLATT fragte im Gespräch mit Ronald Oelkers, Abteilungsleiter Ordnung und Zivilschutz, und Konstantin Keuneke, seit November 2017 Leiter der Leitstelle im Kreishaus, nach.
Die Landkreise Harburg, Heidekreis und Rotenburg haben im Jahr 2007 einen Leitstellenverbund geschlossen, mit dem die Abarbeitung von Notrufen verbessert werden sollte. Die Umstellung auf die neue Technik inklusive Miete für zehn Jahre wird jeden Landkreis rund 2,2 Millionen Euro kosten. Jeweils 67.390 Euro wurden nun in die notwendige Nachrüstung investiert. Neue Leitungen wurden in Betrieb genommen, weiteres technisches Equipment angeschafft. Und in der Leitstelle wird nun stärker als zuvor auf die Erfahrungen und das KnowHow der Feuerwehrleute vor Ort gesetzt.
Am 1. November 2017 wurde mit der Analyse der Schwachstellen begonnen, berichtet Ronald Oelkers. Inzwischen wurden mehrere sogenannte Rückfallebenen geschaffen, vergleichbar mit einem Sicherheitsnetz. Das wurde laut Kreisverwaltung seitdem gemacht:
Notrufannahme und -bearbeitung: Es gibt nun vier ISDN-Anschlüsse mit je zwei Sprachkanälen für das Absetzen von Notrufen. Damit besteht durch den Leitstellenverbund die Möglichkeit, 24 zeitgleiche Notrufe zu bearbeiten.
Personal: Das Personal in der Leitstelle kann in Ausnahmesituationen, wie zum Beispiel Sturm und Unwetter, verstärkt werden. Die Zuständigkeiten werden je nach Gefahrenlage angepasst, bei Bedarf wird ein Fachberater der Feuerwehr zur Bewertung der Situation und Strategie in die Leitstelle beordert. So gibt es Retter, die nur für die Notrufannahme und deren Bearbeitung zuständig sind und die nötigen Informationen dann an die Disponenten für Rettungsdienst und Feuerwehr vor Ort weitergeben, die ihrerseits die Einsatzkräfte koordinieren.
Funk-Anbindung ans Kreishaus: Durch die Telekom wurde ein Erdkabel vom Kreishaus in Winsen nach Lüneburg verlegt. Die bisher genutzte Richtfunkstrecke dient als Rückfallebene.
Zusätzliche Leitung: Der Energiedienstleister EWE hat im Januar eine Glasfaserstrecke eingerichtet, die ausschließlich von den Leitstellen der drei Landkreise genutzt und somit eine Überlastung durch Dritte ausgeschlossen wird.
Digitale Meldeempfänger: Es gibt Doppelaussendungen, eine Weckfunktion und den Versand des Textes mit Einsatzort und -art. Hier gibt es laut Ronald Oelkers eine 96-prozentige Sicherheit, es könne immer passieren, dass der ein Empfänger nicht auslöse. Deshalb wurde im Dezember 2017 ein Not-Alarmgeber angeschafft, ein Laptop, das per Antenne ein Signal aussendet, selbst bei einem Total-Ausfall der Digitalnetze.
Konzept für Unwetterlagen: Dieses wurde überarbeitet und mit den Gemeinde- und Stadtbrandmeistern abgestimmt. Die Neufassung liegt seit diesem September vor. Damit werden u.a. die Klassifizierung von Sonderlagen, der Betrieb der Leitstelle und die Zusammenarbeit mit den Feuerwehren neu geregelt und den zwölf Einsatzleitungen vor Ort mehr Entscheidungsfreiräume gegeben, was die Reihenfolge der Alarmierung und die erforderliche Einsatzstärke angeht. Das Konzept wird im Kreisordnungsausschuss am 21. November beraten. Allerdings werde alles, was im Konzept steht, bereits jetzt praktiziert, so Oelkers.
Zusätzliche Maßnahmen: Bisher gingen die Einsatzmeldungen per Fax in den Feuerwehrhäusern ein. Diese können nun auch per E-Mail an die örtliche Einsatzleitung versendet werden. Derzeit wird zudem die direkte Anbindung der örtlichen Einsatzleitungen an das Leitsystem angestrebt. Hierzu läuft die Abstimmung mit der Feuerwehr und den Verantwortlichen in den Städten und Gemeinden.
Außerdem wird ein Raum für die Fortbildung der Disponenten der örtlichen Feuerwehren mit zwei Plätzen in der Leitstelle eingerichtet.
Die mit der neuen Leitstellentechnik beauftragte Firma SINUS will die Kreise insofern in die Pflicht nehmen, indem sie einen "Verzögerungsschaden" angemeldet hat, weil die Technik ein Jahr später als vereinbart in Betrieb gegangen sei, so Oelkers.
In diesem Juli sei das nachgebesserte System abgenommen und als mängelfrei eingestuft worden. Zudem hätten diverse Stresstests unter Einbindung der Feuerwehren stattgefunden. Seither laufe das System stabil und zuverlässig, so Oelkers, auch wenn es seither keinen vergleichbaren Orkan wie "Xavier" gegeben hat. "Wir sind jetzt gerüstet. Die Natur wird uns prüfen", resümiert Ronald Oelkers.

Auf ein Wort: Wissen der Praktiker ist unerlässlich

Das, was die Landkreise nun an Nachbesserungen vorgenommen haben, ist löblich. Allerdings: Vieles von dem, was nun funktionieren soll, wäre bereits vor Inbetriebnahme der neuen Technik unerlässlich gewesen, inklusive der nun erfolgten Stresstests. Die Pannen beim Orkan "Xavier", von denen Feuerwehrkräfte damals dem WOCHENBLATT berichteten, waren haarsträubend. Unter diesen Vorzeichen hätte die neue Leitstellentechnik nicht in Betrieb genommen werden dürfen. Und vor allem: Von Anfang an hätten die Praktiker vor Ort, die ehrenamtlichen Feuerwehrleute und Rettungskräfte, stärker ins Boot geholt werden müssen. Entscheidungen von solcher Tragweite dürfen nicht allein vom Büroschreibtisch aus oder von Feierabend-Politikern getroffen werden. Bianca Marquardt