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"Das stinkt zum Himmel"

49-jähriger Autofahrer wegen versuchten Mordes angeklagt / Richter glaubt Polizisten nicht

thl. Lüneburg. "Ihre Geschichte stinkt zum Himmel und dadurch hinkt der Tatvorwurf." Unmissverständlich machte der Vorsitzende Richter der 4. Großen Strafkammer am Lüneburger Landgericht der Zeugin - einer 29-jährigen Polizistin - klar, was er von ihrer Aussage hielt.
Seit Donnerstag muss sich ein 49-Jähriger aus Tespe vor dem Schwurgericht wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit Fahren ohne Fahrerlaubnis, Nötigung, Unfallflucht und Vortäuschens einer Straftat verantworten. Dem arbeitslosen Hausmeister wird vorgeworfen, im Juli 2016 versucht zu haben, sich einer Polizeikontrolle zu entziehen. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd quer durch die Elbmarsch mit angrenzender Feldmark soll er mehrfach Menschen gefährdet und deren Tod dadurch billigend in Kauf genommen haben. Am Ende gelang ihm die Flucht, woraufhin der Tesper am nächsten Tag zur Polizei ging, um dort den Diebstahl seines Pkw anzuzeigen.
Bereits im vergangenen Jahr stand der 49-Jährige in Winsen vor Gericht. Der Richter stellte im Zuge der Beweisaufnahme einen "hinreichenden Tatverdacht hinsichtlich eines versuchten Mordes aus Verdeckungsabsicht" fest und verwies den Fall nach Lüneburg.
Davon waren die Richter am Landgericht überhaupt nicht begeistert, was der Vorsitzende auch mehrmals lautstark zu verstehen gab: "Wir sprechen hier von einer Verkehrsstraftat im weitesten Sinne. Wenn wir alle Autofahrer, die auf einen Menschen zufahren, wegen versuchten Mordes anklagen würden, könnten wir nichts anderes mehr verhandeln. Dieser Prozess findet hier nur statt, weil ein Richter in Winsen es so wollte. Der Beschluss ist ein echter Grenzfall. Wir selber haben großes Bedenken, was den Vorwurf betrifft."
Der Angeklagte bestritt die Tat. Er sei nicht gefahren, sondern habe am Tattag bei einem Arbeitskollegen in Börnsen übernachtet. Seinen Wagen habe er auf seiner Arbeitsstelle in Wentorf stehen gelassen, wo ihn ein anderer Arbeitskollege morgens hingebracht hätte. Am nächsten Tag habe er festgestellt, dass sein Audi geklaut worden war.
Die beiden Polizisten, die den 49-Jährigen am Tattag verfolgten, wollen ihn allerdings eindeutig erkannt haben. "Ich kenne ihn aus zahlreichen anderen Verfahren", so ein 40-jähriger Beamter. Und auch seine 29-jähirge Kollegin behauptete, der Angeklagte sei ihr bekannt. Die Aussage der beiden Polizisten hinterfragte das Gericht bis ins kleinste Detail. Dabei ging es u.a. um eine Schranke, die der Flüchtige mit seinem Auto durchbrochen und die anschließend den Streifenwagen getroffen haben sollte. "Ich glaube nicht, dass die Beschädigungen durch die Schranke zustande gekommen sind", so der Richter. "Kann es nicht vielmehr so gewesen sein, dass Sie den Streifenwagen bei der Verfolgungsjagd selbst beschädigt haben und nicht wussten, wie Sie Ihrem Dienstherr das erklären sollten?"
• Der Prozess wird am kommenden Montag, 20. August, fortgesetzt. Ein Urteil wird voraussichtlich am Freitag, 24. August, fallen.