Abschied in Winsen
"Ich habe meinen Job immer gerne gemacht"

Michael Zidorn war seit 2006 Chef der Polizei in Winsen    Foto: Polizei
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  • hochgeladen von Thomas Lipinski

Michael Zidorn, Leiter des Streifendienstes der Polizei in Winsen, geht in den Ruhestand

thl. Winsen. Wechsel in der Leitung des Einsatz- und Streifendienstes bei der Polizei in Winsen. Der bisherige Amtsinhaber, Erster Polizeihauptkommissar Michael Zidorn, geht nach dem Erreichen der Altersgrenze von 62 Jahren zum 30. September in den Ruhestand. Nachfolger wird Polizeihauptkommissar Oliver Kues, der mehrere Jahre Leiter des Einsatz- und Streifendienstes bei der hiesigen Autobahnpolizei war und derzeit in dieser Funktion seinen Dienst beim Polizeikommissariat Seevetal versieht.
Im WOCHENBLATT-Interview blickt Michael Zidorn auf seine 46 Dienstjahre zurück, zieht Vergleiche und sagt, was er für seinen Ruhestand plant.
WOCHENBLATT: Herr Zidorn, Sie sind nur noch gut eine Woche im Dienst. Wie fühlen Sie sich?
Michael Zidorn: Mir geht es gut. Ich habe meinen Job immer sehr gerne gemacht, aber ich freue mich auch auf das, was jetzt kommt. Zunächst einmal möchte ich erleben, wie sich Freiheit anfühlt, nicht mehr früh aufstehen zu müssen und keine beruflichen Pflichten mehr zu haben. Im November geht es nach Mallorca, wo wir eine Radrundfahrt machen werden. Später werde ich mich ehrenamtlich betätigen. Da gibt es schon diverse Anfragen.
WOCHENBLATT: Klingt, als würden Sie mit ihrem Beruf komplett abschließen.
Zidorn: Nein, die Polizei wird mir weiter am Herzen liegen. Zumal auch meine Tochter (23) in den Polizeidienst eingetreten ist.
WOCHENBLATT: Fassen Sie kurz ihren Werdegang zusammen.
Zidorn: Ich bin in Lüneburg und Bardowick aufgewachsen und bin nach der Realschule 1973 zur Polizei gegangen. Dort habe ich verschiedene Verwendungen durchlaufen. Von 1977 bis 1984 war ich dabei auch in Winsen stationiert. Es folgten Stationen als Kommissar vom Lagedienst, Dienstabteilungsleiter, Zugführer und stellvertretender Hundertschaftsführer, Sachbearbeiter Verkehr, Personalsachbearbeiter, Koordinator der Autobahnpolizeien im ehemaligen Regierungsbezirk und Leiter der Polizei in Bardowick.
WOCHENBLATT: Ein breites Feld. Was haben Sie davon mitgenommen?
Zidorn: Vor allem die Erkenntnis, dass von der Basis bis zum Innenministerium mit hohem Engagement gearbeitet wird, die Sichtweisen jedoch sehr unterschiedlich sind.
WOCHENBLATT: Was hat sich in den Jahren geändert?
Zidorn: Angriffe auf Polizeibeamte sind mehr geworden. Es hat mich immer sehr betroffen gemacht, wenn Kollegen verletzt wurden. Diese Angriffe passieren oft im Zusammenhang mit Drogen und Alkohol. Deswegen bin ich auch ein entschiedener Gegner von der Freigabe von Cannabis. Die Drogen heute sind mit dem Gras von früher überhaupt nicht mehr zu vergleichen, weil der THC-Gehalt heute viel höher ist. Der Anteil verhaltensauffälliger Jugendlicher, den ich auf rund fünf Prozent schätze, ist in etwa gleich geblieben, nur hat sich die Qualität deutlich verändert.
WOCHENBLATT: Wie äußert sich das?
Zidorn: Die Übergriffe auf Polizeibeamte oder auch Rettungskräfte haben Jahr für Jahr zugenommen, die Respekt- und Distanzlosigkeit dieser Minderheit ist teilweise erschreckend. Ethische Normen spielen bei ihnen keine Rolle, gehandelt wird nach der Maxime: Erlaubt ist alles, wobei ich nicht erwischt werde. Bei vielen Straftaten spielt zudem der Kontrollverlust nach Drogenkonsum eine entscheidende Rolle. Deswegen, und natürlich auch wegen des gesundheitsschädlichen Aspekts, bin ich ein entschiedener Gegner der allgemeinen Freigabe von Drogen.
WOCHENBLATT: Was kann nach Ihrer Meinung dagegen getan werden?
Zidorn: In punkto gesellschaftlicher Entwicklung verfügt die Polizei über eine Art seismologische Wahrnehmungsfähigkeit. Ich würde mir wünschen, dass insbesondere die Politik diesen Erkenntnisschatz mehr nutzt. So hat die Polizei bereits vor über 20 Jahren auf die Entstehung und die Gefährlichkeit der Clankriminalität hingewiesen. Heute wird reagiert, nur leider haben sich die Strukturen schon stark verfestigt. Überhaupt haben wir es mit einer deutlichen Zunahme der Inhomogenität in der Gesellschaft zu tun. Eine gutes Beispiel für die fortschreitende Individualisierung finden wir im Straßenverkehr, wo mittlerweile Verbände für die Rechte einzelner Verkehrsarten eintreten und den Blick aufs Ganze bzw. das Miteinander im Straßenverkehr verlieren. Weiterhin entwickeln sich seit einiger Zeit Parallelgesellschaften mit unterschiedlichem Werteverständnis. Ich befürchte, dass, wenn überhaupt, Integration nicht in der Geschwindigkeit gelingt, wie gewünscht.
WOCHENBLATT: Seit 2006 sind Sie wieder in Winsen. Was waren Ihre persönlichen Highlights?
Zidorn: Im Positiven der Tag der Niedersachsen 2008 in Winsen sowie die Einsatzleitung bei 14 Stadtfesten, bei Faslamsveranstaltungen, bei HSV-Spielen und vielen weiteren Anlässen. Auch die gute Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Landkreis, dem Amtsgericht, den Feuerwehren, der Reso-Fabrik sowie den Gemeinden Elbmarsch und Stelle. Negativ die Übergriffe auf Einsatzkräfte der Feuerwehr in der Silvesternacht 2008, die Angriffe auf Kollegen im Rahmen einer Abi-Party in der Stadthalle und die leider erfolglose Suche nach der Familie Schulze aus Drage.
WOCHENBLATT: Was bleibt für Sie unerledigt, wenn Sie in Pension gehen?
Zidorn: Für mich ist alles abgeschlossen. Ich gehe zufrieden in den Ruhestand und ich weiß, dass ich eine gut aufgestellte Polizeiwache hinterlasse, die über Jahre hinweg gute Zahlen in Sachen Verkehrssicherheit und Aufklärungsquote geschrieben hat.
WOCHENBLATT: Herr Zidorn, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihren Ruhestand.

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