"Luther ist eine Gallionsfigur": Interview zur heutigen Bedeutung der Reformation und ihres Wegbereiters im Kirchenkreis Winsen

Freuen sich auf die Feierlichkeiten im Luther-Jahr (v. li.): Öffentlichkeitsbeauftragter Wilfried Staake, Pastorin und Reformationsbeauftragte Ulrike Koehn und Superintendent Christian Berndt
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WOCHENBLATT: Herr Berndt, wie war denn die Resonanz auf die bisherigen Veranstaltungen zum Luther-Jahr?
Christian Berndt: Wir haben ja am Reformationstag des vergangenen Jahres mit den Veranstaltungen begonnen. Ich bin dankbar und ein bisschen stolz, wie das Reformations-Gedenkjahr im Kirchenkreis angelaufen ist. Alle Kirchengemeinden machen mit. Das große Auftakt-Konzert in der Winsener St. Marien-Kirche und die Nachbildung der Luther-Rose durch Hundertschaften von Schülern sind nur zwei Beispiele dafür. Es wird ein fröhliches Festjahr mit geistlichem Tiefgang.
WOCHENBLATT: Was ist noch geplant?
Berndt: Es gibt unter anderem Vorträge, Gottesdienste, Konzerte und Glaubenskurse, aber auch launige Angebote wie "Auf ein Bier mit Luther" in der Kneipe oder Satire. Über 100 Veranstaltungen stehen im ganzen Jahr auf dem Programm. Dafür gibt es vom Kirchenkreis 40.000 Euro an Zuschüssen für die Gemeinden. Haupt-Festmonat in Winsen wird der September sein. Geplant sind dann beispielsweise wieder die "Lange Nacht der Kirchen", ein Frauenmahl, ein Kinderkonzert sowie ein Jugendtag oder eine Jugendnacht. Der Jubiläums-Reformationstag am 31. Oktober 2017 ist diesmal ein gesetzlicher Feiertag.
Pastorin Ulrike Koehn: Das Reformationsgedenken wird diesmal auch ökumenisch gefeiert. Die evangelische Kirche gedenkt nicht nur ihrer eigenen Wurzeln, es ist auch ein Versöhnungsfest der Kirchen. Wir haben eine Spaltung der Konfessionen, die 500 Jahre besteht, wollen aber in die gemeinsame Zukunft gucken. Bei den Planungen der Feierlichkeiten erhalten wir große Unterstützung von der katholischen Kirche.
WOCHENBLATT: Welche Bedeutung hat der Reformationsgedanke heute für die Kirche?
Berndt: Reformation heißt Veränderung, und Kirche verändert sich immer. Die Reformatoren haben einst evangelische Kirchengemeinden gegründet und entschieden, dass man dort regelmäßig Kontrollbesuche machen solle. Das war der Beginn der Visitationen, bei denen der Superintendent heute alle sechs Jahre die Gemeinden besucht. Dort ist die Veränderung greifbar. Es sind immer Menschen da, die überlegen, wie einerseits Gutes weiter bewahrt werden kann und wie andererseits der Glaube der jeweiligen Zeit angemessen vermittelt werden kann.
WOCHENBLATT: Welche Relevanz hat Martin Luther heute?
Berndt: Einige in der Kirche haben Angst, dass wir Luther zu sehr als Heiligen aufs Podest heben und die Inhalte der Reformation darüber vergessen. Ich finde es hilfreich, dass wir ihn als Gallionsfigur haben, weil man an seiner Person vieles deutlich machen kann. Er hat mit dem Glauben und Gott gerungen, ist aber schließlich mit seinem Gott ins Reine gekommen. Das ist die zentrale Botschaft von Luther für mich: Ich kann als Christ einen direkten Zugang zu Gott haben.
Wilfried Staake: Luther ist für mich auch ein Wegbereiter der Demokratie gewesen. Selbst lesen, selbst denken, seine Meinung frei äußern- auch dies macht Luther aus. Er hat den Ablasshandel der Kirche (Vergebung der Sünden gegen Geld, d. Red.) massiv kritisiert. Er hat erkannt, dass Gottes Interesse Liebe und Gnade ist. Wer das für sich annimmt, wird freiwillig Gutes tun und auch etwas spenden. Der Buchdruck kam Luther zu Hilfe, da er so seine Ideen sehr schnell und weitgefächert verbreiten konnte.
Pastorin Ulrike Koehn: Viele Menschen verbinden mit Martin Luther die Bibelübersetzung. Dieses Buch muss in der deutschen Sprache ja immer wieder neu übersetzt und angepasst werden. Auch das Schulwesen in Deutschland hat starke Wurzeln in der Reformation, denn die übersetzte Bibel war ja lange Zeit auch ein Bildungsbuch.
WOCHENBLATT: Muss sich die Kirche in Krisen- und Kriegszeiten wie diesen stärker positionieren?
Berndt: Wir positionieren uns ständig und versuchen hier vor Ort, etwa durch Begleitung und Flüchtlingshilfe zum Gelingen des Gemeinwesens beizutragen. Man darf sich aber auch nicht wegspülen lassen von fundamentalistischen Äußerungen, die häufig zu hören sind.
Pastorin Ulrike Koehn: Man muss dabei zu unterscheiden lernen. Das Gespräch, insbesondere mit moderaten Muslimen, muss weiter gesucht und gepflegt werden.
WOCHENBLATT: Ihnen allen herzlichen Dank für das Gespräch.
• Infos über die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum unter www.kirchenkreis-winsen.de.

Autor:

Christoph Ehlermann aus Salzhausen

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