"Die Depressionen nehmen zu"
Wie psychisch Erkrankte unter Auswirkungen der Corona-Pandemie leiden

Für psychisch erkrankte Menschen bedeutet der Corona-Lockdown eine starke zusätzliche Belastung
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ce. Landkreis. Ausgangssperre oder Absperrung von Gebäuden oder öffentlichen Bereichen - dafür steht der englische Begriff "Lockdown", der den Corona-Alltag beherrscht. Ausgesperrt vom gesellschaftlichen Leben fühlen sich in Pandemie-Zeiten auch mehr denn je psychisch Erkrankte. Das WOCHENBLATT fragte Experten, welche Auswirkungen Regeln wie die strengen Kontaktreduzierungen für die Gehandicapten haben.
"Die Corona-Krise hat Wirtschaft, Politik und Finanzmärkte gezeichnet, in besonderer Weise war und ist aber das Gesundheitswesen betroffen. Die Situation psychisch schwer erkrankter Menschen, die schon vor Beginn der Pandemie unter erheblichen Einschränkungen ihrer Lebensführung und Eingliederung in die Gesellschaft gelitten haben, wurde dabei oft weniger in den Blick genommen", betont Dr. Peter Schlegel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter des Sozialpsychia-trischen Dienstes im Landkreis Harburg. "Selbst bei vorher nicht manifest erkrankten Menschen nehmen Depressionen, Ängste und Schlafstörungen zu, man geht von einer erhöhten Suizidrate aus", so Schlegel weiter.
Eine genaue Beurteilung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Folgeschäden der Pandemie sei derzeit nicht verlässlich möglich. "Weitere Belastungen durch Arbeitslosigkeit, Wohnungsverlust, besondere Gefährdung von wohnungslosen Erkrankten und finanzielle Notlagen können erst längerfristig eingeschätzt werden."
Bereits während des ersten Lockdowns habe man insbesondere bei chronisch psychisch Erkrankten die Notwendigkeit angemahnt, eine "Beziehungskontinuität in den Hilfen sicherzustellen". Im Landkreis Harburg sei der Lockdown in 2020 inklusive Schließung von Tages- und Werkstätten und Verlegung auf telefonische Beratungen zunächst von den Betroffenen augenscheinlich gut angenommen worden. Etwa acht Wochen nach Beginn der Kontaktbeschränkungen hätten die Krisensituationen jedoch deutlich zugenommen. Als Folge der Abbrüche persönlicher Kontakte, notwendiger Arztbesuche und Behandlungen sei es zu verstärkten Krankheitsausbrüchen und schweren Depressionen gekommen.
Eine - so Schlegel - "gewisse Stabilisierung" habe man nach dem Ende des ersten Lockdowns durch eine Intensivierung der abgebrochenen Angebote erreicht. Als Konsequenz daraus seien während des derzeitigen Lockdowns die Aufrechterhaltung der ambulanten Hilfen sowie die Öffnung von Werkstätten, Tages- und Begegnungsstätten unter Einbeziehung der Hygienekonzepte sichergestellt worden.
"Auch wenn wir heute noch lange nicht abschätzen können, welche psychosozialen Folgeschäden durch die Pandemie noch entstehen, bleibt festzuhalten, dass gerade in Krisenzeiten mit Gefahr sozialer Isolation die Aufrechterhaltung persönlicher Beziehungsarbeit mit vor allem schwer psychisch erkrankten Menschen ohne Alternative ist, um einen deutlichen Anstieg von Depression, Angststörungen, Suizidalität und Verschlechterung bereits bestehender schwerer psychischer Erkrankungen zu verhindern", stellt Peter Schlegel klar. "Sozialpsychiatrie ist systemrelevant und muss gerade in und wegen der Krise für die Menschen da sein."
"Die Kontakteinschränkungen und die aktuellen Arbeitsschutzbestimmungen wirken sich auf die Arbeit des Sozialpsychiatrischen Dienstes aus", berichtet auch Susanne Brahmst, Dezernentin im Fachbereich Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie des Landkreises Stade. "Für akute Kriseninterventionen stehen die Mitarbeiter nach wie vor zur Verfügung. Ein Teil der aufsuchenden Klientenkontakte musste aufgrund des Eigenschutzes der Mitarbeiter eingeschränkt werden", so Brahmst weiter. Persönliche Kontakte fänden unter Berücksichtigung der Hygieneregeln statt. Die telefonische Beratung sei weiterhin möglich, jedoch sei "die Qualität eines persönlichen Kontaktes größer", so die Dezernentin.
An das Umfeld von Betroffenen appelliert Susanne Brahmst schließlich: "Die Bezugspersonen von psychisch Erkrankten sollten den Betroffenen unterstützend zur Seite stehen, den Kontakt halten und Mut machen, aber unter Umständen auch den Weg zum Arzt anraten."
Bezüglich der Suizidrate erklärt Jan Krüger, Pressesprecher der Polizeiinspektion Harburg, es habe bislang "keinen signifikanten Anstieg durch Corona-Auswirkungen" gegeben. Krügers Kollege aus dem Landkreis Stade, Rainer Bohmbach, schätzt, dass es in 2020 in seinem Zuständigkeitsbereich "eher weniger" Freitode gegeben habe, räumt jedoch ein, dass Suizide bei den registrierten Todesfällen nicht extra erfasst würden.

Hier gibt es Unterstützung

(ce). Persönliche Unterstützung für psychisch erkrankte Menschen und ihre Angehörigen bieten im Landkreis Harburg der Sozialpsychiatrische Dienst (Tel. 04171 - 693517) und der Krisendienst an, der montags bis donnerstags von 16 bis 22 Uhr sowie freitags bis sonntags von 14 bis 22 Uhr unter Tel. 0170 - 4806136 erreichbar ist. Zudem können sich Ratsuchende an die Kontakt- und Begegnungsstätte "Kiek In" im Gemeindepsychi-atrischen Zentrum in Winsen (Schmiedestraße 3, Tel. 04171 - 8483860) wenden. 
Im Landkreis Stade ist der Sozialpsychiatrische Dienst unter Tel. 04141 - 125381 zu folgenden Zeiten erreichbar: montags und dienstags von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 15.30 Uhr, mittwochs und freitags von 8 bis 12 Uhr sowie donnerstags von 8 bis 17 Uhr. Nach vorheriger Vereinbarung sind auch außerhalb dieser Zeiten Beratungen möglich.

Autor:

Christoph Ehlermann aus Salzhausen

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