Einstellung des ASM ab Dezember dieses Jahres macht vielen Senioren Angst
"Wir befürchten, zukünftig abgeschnitten zu sein"

Jutta (li.) und Ehemann Jürgen Wilhelm mit Liselotte Eckhoff und (2. v. li.) Elli Kröger sind einige der vielen Senioren in und um Winsen, die auf das ASM dringend angewiesen sind
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bs. Winsen. „Wir haben wirklich Angst davor, was da auf uns zukommt. Viele von uns befürchten, zukünftig auf den Dörfern regelrecht ‚abgeschnitten‘ zu sein“, sagt jetzt Jutta Wilhelm. Sie lebt mit ihrem Mann, der stark sehbehindert ist und nur noch über 5% Sehkraft verfügt, im Winsener Ortsteil Lassrönne. Ein Auto hat das Ehepaar, wie viele andere Senioren, nicht, was, ab Dezember dieses Jahres, für unzählige Menschen in und um Winsen zu einem großen Problem werden kann. Grund der großen Besorgnis ist die Einstellung des ASM (Anruf-Sammel-Mobil), das bisher von der KVG im Auftrag der Stadt Winsen Fahrgäste im gesamten Stadtgebiet sowie den Ortsteilen mit zahlreichen Abfahrtstellen und zu vergünstigen Fahrpreisen transportiert hat. 23 Jahre hat Subunternehmer Michael Düffert das ASM im Auftrag der KVG betrieben. Vor allem für ältere, mobil und oder körperlich eingeschränkte Menschen, die außerhalb in den Ortsteilen leben, ist das ASM in der Vergangenheit ein unersetzlicher Bestandteil im täglichen Leben geworden. Denn nicht nur behindertengerechter Transport und die vielen ASM-Abfahrtstellen, die abseits der normalen Bushaltestellen an den Hauptstraßen auch in den kleineren Nebenstraßen lagen und einen einfachen Einstieg erlaubten, machten es ihnen möglich, Einkäufe und alltägliche Erledigungen wie Arztbesuche nahezu selbständig erledigen zu können. Auch der besondere ASM- Service, dass Fahrgäste direkt bis ans Wunschziel sowie auf dem Rückweg bis vor die Haustür gebracht wurden, ermöglichte vielen ein hohes Maß an Selbständigkeit.
„Auch nach Dezember 2019 wird es weiter einen bedarfsbezogenen Anrufverkehr, dann unter dem Namen ALT, Anruf-Linien-Taxi, geben. Aufgrund des bislang geringen Besetzungsgrades von im Durchschnitt nicht mal 13 Fahrgästen pro Tag, war eine Umstellung des ASM angezeigt“, erklärt dazu Theodor Peters, Sprecher der Stadt Winsen. Weiter würde das neue ALT mit zusätzlichen Abfahrtzeiten in den Ortsteilen vorhandene Fahrplanlücken gezielt ausfüllen, womit eine zuverlässige Anbindung von und nach Winsen gewährleistet sei, so Peters, der aber verdeutlicht: „ALT-Fahrten stehen nicht in Konkurrenz mit Taxifahrten und Krankentransporten und eine Vermischung dieser Verkehrsformen ist nicht geplant.“ Heißt: Ein Absetzen direkt an der Haustür oder am Wunschziel, auf einigen ALT-Linien soll laut Fahrplan nur der Winsener Bahnhof als Ausstiegsstation angefahren werden, wird es wohl nicht mehr geben. Auch der Zustieg, der dann ausschließlich über die üblichen Bushaltestellen, die in vielen Ortsteilen nur spärlich verteilt an den Hauptstraßen liegen, wird dann zusehend mühseliger.
Ein Problem, das auch Edelgard Freundlich aus Scharmbeck umtreibt. „Ich bin zu 70% Prozent schwerbehindert. Wegen meiner schlechten Augen darf ich kein Auto fahren und durch drei kaputte Lendenwirbel darf ich nicht mehr schwer heben,“ so die 77-jährige. Daneben machen ihr die langen Wegzeiten Angst. „Bis zur normalen Bushaltestelle an der Hauptstraße brauche ich in meinem Tempo 10 Minuten, dann noch am Bahnhof in Winsen umsteigen und auf dem Rückweg das gleiche mit schweren Taschen? Das schaffe ich einfach nicht“, erzählt sie besorgt. Wöchentlich notwendige Arztbesuche zukünftig mit teuren Taxifahrten zu realisieren, ist für die Witwe finanziell nicht möglich.
Hermann Wiebe, Vorsitzender der Ortsgruppe Winsen im Blindenverein Nordost-Niedersachsen sieht diesen Anspruch hingegen kritisch. „Das ASM ist kein Krankentransport. Ich weiß, was das alles für Kosten aufwirft, das kann die Stadt nicht leisten. Hier müssen andere Wege gefunden werden, wie beispielsweise Angehörige mehr mit in die Pflicht zu nehmen“, findet der Vorsitzende.
Edelgard Freundlich hat einen Sohn, mit dem sie zusammenwohnt. „Der arbeitet aber den ganzen Tag und kommt erst spät abends nach Hause“, sagt sie.
Jutta Wilhelm will abwarten, wie es nun genau ab Dezember weitergeht. „Die Hoffnung ist groß, dass sich die ALT-Fahrpläne vielleicht noch verbessern und mehr Haltestellen, zum Beispiel an der Marienkirche in der Stadt, dazukommen. Es sind eben noch viele Fragen offen. Bis dahin bleibt aber die Angst“, sagt sie.

Jutta (li.) und Ehemann Jürgen Wilhelm mit Liselotte Eckhoff und (2. v. li.) Elli Kröger sind einige der vielen Senioren in und um Winsen, die auf das ASM dringend angewiesen sind
Edelgard Freundlich
Autor:

Sara Buchheister aus Winsen

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