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Praktikum in der Kita: Redakteur im Bälle-Bad versenkt

Untergegluckert im Bälle-Bad! Drei Stunden dauerte das Praktikum von WOCHENBLATT-Redakteur Björn Carstens (34) im Kindergarten St. Paulus in Buxtehude
 
Fotosession auf dem Klettergerüst: WOCHENBLATT-Redakteur Björn Carstens mit Tobi (li.) und Mika im Arm sowie dem Rest der „Meute“
Was habe ich, Redakteur Björn Carstens (34), nicht schon alles fürs WOCHENBLATT gemacht? Ich überwand tief sitzende Ängste beim Tauchen, gab mich bei einem Idiotentest der Lächerlichkeit preis, vergoss literweise Schweißperlen bei einer Führerscheinprüfung. Alles Firlefanz gegenüber dem, was mich jetzt erwartete. Meine härteste Aufgabe: kichern, kreischen, krächzen - mein Praktikum im Kindergarten.

Die liebreizenden Kollegen in der Redaktion warnten mich bei jeder Gelegenheit. Ich, der Kinderlose, würde nicht fertig werden mit der rücksichtslosen „Meute“. Ich würde irgendwann schreiend aus dem Gebäude rennen oder heulend in der Ecke kauern. „Pah! Ich pack‘ das schon“, entgegnete ich. Drei Stunden Kindergarten können mich nicht brechen.

Und so begebe ich mich ganz entspannt in die Höhle der kleinen Löwen, in diesem Fall der Marienkäfer. So heißt die Kita-Gruppe des Buxtehuder St. Paulus-Kindergartens, in der ich eingesetzt werde.

Meine erste „Prüfung“: die Schaukel! Ich betätige mich als Schwungholer. „Höher, höher“, fordern Jeremy und Colin. Rasante Schaukeleinlagen scheinen gut anzukommen. Alia, Tobi, Mika stehen bereits Schlange. Sie alle wollen auch „höher, höher“.

Doch Mika hat derweil ein anderes „Spielgerät“ entdeckt. Es hat den etwas sperrigen Namen „Nikon D3000“. Der Zweijährige ist augenscheinlich begeistert von der hohen Aufnahmequalität meiner Digitalkamera und knipst gleich eine Serie von 20 unterschiedlichen Motiven: Matsch, halber Baum, Himmel, andere Kinder, sich selbst - alles dabei.

Nach der Fotosession geht es ins Warme. Meine nette „Kollegin“ Petra gibt mir die ersten wertvollen Tipps. Unter anderem solle ich nicht andauernd das böse Wort mit „sch...“ sagen, andernfalls kostet es beim nächsten Mal 5 Euro in die Kaffeekasse.
Drinnen wartet Helmut Grätscher, ein ehrenamtlich sehr engagierter älterer Mann, der rein optisch sofort als Weihnachtsmann durchgeht. Er möchte den Kindern eine lustige Geschichte vorlesen.

Doch bevor es losgehen kann, stehen Alia und Tobi vor mir. Die eine deutet auf die Knöpfe ihrer Jacke, der andere auf seine Schuhe. Hab verstanden: Jacke aus, Schuhe aus. Ich bin so mit dem Kleider-Service beschäftigt, dass ich nicht merke, wie jemand an meiner Tasche nestelt und erneut mit der Kamera abzischt. Aus Mika wird bestimmt mal ein toller Fotograf.

Helmut Grätscher gibt alles. Er entführt seine gebannten Zuhörer gestenreich und mit viel Verve in die Welt des Nikolaus. Doch mit zunehmender Dauer wird sein Publikum unruhig. Alia, mit einem Jahr das Nesthäkchen der Gruppe, mag offenbar gerade lieber turnen. Nach zehn Minuten dürfen die „Marienkäfer“ wieder spielen.
„Wir haben ein offenes Konzept. Es gibt keine festen Räume für jede Gruppe, sondern wir haben Themenräume“, erklärt mir Kita-Leiterin Kerstin Beier.

Ich gehe in den Kreativraum. Mit selbstgemachter Knete basteln, das hat mir früher schon Spaß gemacht. Während wir so vor uns hin kneten, beginnt Emma mit ihrer Fragestunde:

Was machst du hier?

Ich mache ein Praktikum, möchte einen Bericht für die Zeitung schreiben.

Dann machst du Papier?

Nein, ich schreibe nur auf Papier, das Papier kaufen wir ein.

Dann trägst du die Zeitung aus?

Nein, das machen Austräger.

Häh, und was machst du dann den ganzen Tag?

Okay, darf ich das Publikum fragen oder jemanden anrufen? Und wo ist überhaupt meine Kollegin?

Die hat inzwischen unbemerkt den Raum verlassen. Ich realisiere: Bin allein mit der Meute - ganz allein. Versuche, Ruhe zu bewahren, bloß keine Angst zeigen. So wie man es im Wald tun sollte, wenn man einem Bären begegnet. Aber irgendwie mache ich wohl etwas falsch.

Befänden wir uns bei Dreharbeiten, würde die Szenerie in etwa so aussehen: Zunächst sieht man sieben brave Kinder, die stillsitzend kneten. Dann: Schnitt auf sieben Wildgewordene, die nur eine Minute später auf dem Redakteur herumspringen, als gäbe es kein Morgen mehr: „Du bist ‚ne Hüpfburg“, schreien Emma und Victoria im Chor.

Was ist da jetzt schief gelaufen?, frage ich Erzieherin Andrea Gips. Ihre Antwort erscheint so einfach wie logisch: „Das Geheimnis ist konsequent ‚Nein‘ zu sagen.“
Ich versuche mein neu erworbenes Wissen im Bälle-Bad anzuwenden. Ich weiß nicht genau, wie das Spiel heißt, aber ich denke „Versenk‘ den Redakteur“ könnte es sein.

Die Brille verrutscht, die Haare zerzaust, rufe ich laut „nein, aufhören“. Wirkung gleich null. „Bei männlichen Praktikanten sind sie immer besonders wild“, schmunzelt Andrea Gips.

Damit endet mein Kurzzeit-Praktikum in der Kita „St. Paulus“ - also sofern ich Emma und Victoria von meinen Knöcheln loseisen kann. So anstrengend diese drei Stunden waren, so toll waren sie auch. Großer Respekt an alle Erzieher. Liebe Kinder, ich komme gerne wieder, wenn ich darf. Bis bald.

Erwähnenswert ist vielleicht noch der Anruf in der Redaktion: Der kleine Björn hat seinen Pullover vergessen. Björn Carstens