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Flüchtlingskind Farah kommt heute zur Schule - Siebenjährige floh mit ihrer Familie vor dem Terror der IS aus dem Irak

Farah lässt eine Seifenblase aufsteigen. Das Mädchen floh vor der IS aus dem Irak und hat heute ihren ersten Schultag in Buchholz
 
Edeltraud M. hat Hassan Masuod und die Kinder Farah und Ahraam ganz fest in ihr Herz geschlossen

Farah ist schon ganz aufgeregt; ihre großen, brauen Augen leuchten. Am heutigen Samstag wird sie wie viele andere Jungen und Mädchen eingeschult. Dass die Siebenjährige in Deutschland zur Schule gehen darf, ist für sie ein großes Wunder. Farah ist ein Flüchtlingskind. Ihre Eltern gehören der Glaubensgemeinschaft der Jesiden an. Seit Jahren werden sie in ihrer Heimat im Irak verfolgt. Überlebende sprechen von Mord, Vergewaltigung und Versklavung. Im vorigen Jahr berichteten Medien von tausenden Jesiden, die vor dem Islamischen Staat (IS) auf der Flucht waren. „Ich bin so froh, dass es gelungen ist, Farah und ihrer Familie ein neues Leben zu ermöglichen“, sagt Edeltraud M. (68, Name von der Redaktion geändert). Die Unternehmerin aus der Buchholzer Ortschaft Holm-Seppensen hat das Mädchen, ihren Bruder Ahraam (5) und die Eltern Hassan (31) und Waleda (26) Masoud bei sich aufgenommen. Im WOCHENBLATT-Gespräch berichtet sie über das Schicksal der jungen Familie und was sie mit ihnen erlebt hat. Eine Geschichte, die unter die Haut geht.

(mum). Hassan Masuod stammt aus Mossul, einer kleinen Stadt im Nord-Irak. Als Soldat verdiente er überdurchschnittlich gut, konnte sich ein Haus leisten. „Doch aufgrund meines Glaubens lebte ich in ständiger Angst“, sagt Hassan Masuod in gebrochenem Deutsch. 2012 beschloss er sein Land zu verlassen und desertierte. Über die Türkei und Griechenland kam er nach Deutschland, um hier einen Asylantrag zu stellen. Bis Anfang des Jahres wohnte Hassan in einer Flüchtlingsunterkunft in Meckelfeld.
Seit September 2014 ist der 31-Jährige „anerkannt“. Das bedeutet, Masuod hat einen Ausweis, darf in Deutschland bleiben und hier arbeiten. Damit ging für ihn ein großer Traum in Erfüllung, denn er konnte seine Familie zu sich holen. Diese war inzwischen ebenfalls aus dem Irak in die Türkei geflohen. Doch wo sollte die Familie wohnen? „Eines Tages klingelte mein Telefon und jemand vom Landkreis fragte, ob ich helfen könnte“, berichtet Edeltraud M. von dem Anruf im März. Sie war in den 1990er Jahren bereits sehr engagiert in der Flüchtslingshilfe. Daran habe man sich wohl erinnert. Sie ließ die Familie in ihre Souterrainwohnung einziehen. „Das sollte eigentlich nur für den Übergang sein“, erinnert sich M.. Doch sechs Monate später ist die engagierte Frau hin und her gerissen zwischen Euphorie und Enttäuschung.

„Das Pack wollen wir nicht!“


„Ich bin entsetzt, wie sich hier Menschen gegenüber Flüchtlingen verhalten“, sagt Edeltraud M*. Seit Monaten versucht sie eine Wohnung für die Familie Masuod zu finden. Da der Asylantrag von Hassan Masuod (31) inzwischen bestätigt ist, ist das Job-Center für ihn verantwortlich, die Kosten für eine angemessene Wohnung würden übernommen werden. „Ich habe mehr als 60 Telefonate mit Wohnungsgesellschaften und privaten Vermietern geführt“, so M. Niemand wolle die Familie als Mieter haben. „Schlimm ist, dass die Gespräche immer so lange positiv sind, bis ich einräume, dass die Wohnung nicht für mich ist“, berichtet die 68-Jährige. Häufig höre sie dann Sätze wie „So ein Flüchtlings-Pack wollen wir hier nicht!“, „Das können wir unseren Nachbarn nicht antun!“ oder: „Die sollen doch bleiben, wo sie herkommen!“.
Auch die Zusammenarbeit mit dem Job-Center beschreibt Edeltraud M. als nicht immer einfach. Da Hassan Masuod kaum Deutsch spricht, übernimmt M. Telefongespräche oder begleitet ihn zum Job-Center. „Dabei wurde mir mehrfach die Tür vor der Nase zugeschlagen - aus Gründen des Datenschutzes, hieß es.“ Und als ein Mitarbeiter der Behörde merkte, dass sich Hassan Masuod nicht am Telefon verständlich machen konnte, habe er einfach aufgelegt. „Ich mache den Leuten dort gar keinen Vorwurf“, so M. „Ich glaube, dass auch sie einfach mit der Situation überfordert sind.“
Bestürzt ist Edeltraud M. auch über die mangelhaften Deutsch-Kenntnisse von Hassan Masuod. „Ich habe den Eindruck, dass erst seit einem Jahr Sprachkurse für Flüchtlinge in den Fokus rücken. Als Hassan jedoch vor drei Jahren nach Deutschland kam, hat sich niemand darum gekümmert, dass er unsere Sprache lernt“, so M. Er habe sich zwar um Unterricht bemüht, aber nicht ausreichend erhalten. Jetzt bekommt er täglich Unterricht.
Hassan Masuod möchte schnell einen Job finden und Geld verdienen - auf eigenen Beinen stehen. „Ich wünsche ihm, dass er die Chance bekommt, eine Ausbildung zu machen“, sagt Edeltraud M. Er sei ein intelligenter, junger Mann, der sicherlich mehr könne, als Hilfsarbeiten auszuführen.
Aber es gibt auch positive Erlebnisse: Bevor Masuods Tochter Farah zur Schule gehen durfte, mussten viele Formalitäten erledigt werden - unter anderem die Einschulungsuntersuchung. „Ganz gleich, wo ich beim Landkreis um Hilfe bat, ich erhielt Unterstützung“, so M., die sich nun um einen Kindergartenplatz für Ahraam bemüht. „Ich freue mich, dass damit die Integration der Kinder wirklich beginnt.“ Sie hat sich schon an die kleine Familie gewöhnt und alle lieb gewonnen, sodass sie einem baldigen Auszug mit gemischten Gefühlen entgegen sieht. „Wir sind eine Familie geworden - spielen, kochen und essen jeden Tag zusammen. Das wird mir fehlen.“ Sie wünscht sich, dass andere Menschen ihrem Beispiel folgen und Flüchtlingen die Hand reichen.
• Wer Familie Masuod bei der Wohnungssuche helfen kann, meldet sich bitte bei Edeltraud M. unter Tel. 0171-3003381.