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Kein Gedenken zweiter Klasse in Stade

Gedenkstele bei der Kirche St. Wilhadi. Im Hintergrund: das Pastor-Behrens-Haus
 
Dr. Christina Deggim, Beirat Nationalsozialismus

123 weitere Nazi-Opfer: Wohin mit den vielen Namen? Beratungsbedarf im Kulturausschuss

tp. Stade. Ein Monument aus Stein, eine Messingtafel oder ein Buch aus Papier? Über die richtige äußere Form, das Gedenken an die Opfer der Nazi-Herrschaft fortzusetzen, herrscht Klärungsbedarf in der Politik der Stadt Stade. Auf Antrag der Grünen und Linken im Rat befasste sich der Kulturausschuss auf seiner jüngsten Sitzung mit der Erweiterung des 152 Namen von Toten umfassenden Gedenksteins vor der Altstadtkirche St. Wilhadi um eine mit 123 Namen beinahe ebenso lange Liste.

Anlass gab eine akribische private Recherche des in der Politik und Geschichtsforschung vielfach engagierten Michael Quelle (64) aus Stade, der bei Sichtungen von Archiven und Datenbanken neue Opfer von Nazi-Willkür aus dem Landkreis Stade aufspürte, unter ihnen ausländische Zwangsarbeiter und deren Kinder sowie Euthanasie-Opfer aus dem Landkreis Stade. Einige von ihnen wurden im Zuge der von Berlin aus gesteuerten Mord-Aktion T4 in sogenannte Landesheilanstalten verschleppt. T4 kostete zwischen 1940 und 1945 in Deutschland mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen das Leben.

Nach Quelles Vorschlag könnten etwa gravierte Messingtafeln als Ergänzung der im Jahr 2005 errichteten Stele mit Namenstafeln von getöteten Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitern, politisch Verfolgten und Euthanasie-Opfern zwischen St. Wilhadi und dem Landgericht der passende Gedenkplatz sein. Stadtarchivarin Dr. Christina Deggim, Vorsitzende des von der Stadt eingesetzten Beirats Nationalsozialismus, riet wegen des „Charakters einer provisorischen Anzeigentafel“ davon ab. Deggim, die damit rechnet, dass nach und nach weitere Namen von Opfern auftauchen, gibt technische Schwierigkeiten bei der wiederholten Gravur zu bedenken.

Der aus vier Historikern bestehende Beirat, der laut Dr. Deggim Michael Quelles saubere Arbeit wertschätzt, empfiehlt den Druck eines erweiterbaren Gedenkbuches. Möglich sei die Beschriftung mit dem Namen je eines Opfers pro Seite. Alternativ schlägt das Experten-Komitee vor, die Namen der Opfer nach Sterbedatum als Gedenktage zu ordnen.
Als geeigneten Ausstellungsort nennt der Beirat einen geschützten Raum im Rathaus oder - als Favorit - das evangelische Pastor-Behrens-Haus bei St. Wilhadi.

Ungehalten auf die Ausführungen reagierte Sitzungsgast Dr. Peter Meves (84). Der gebürtige Stader und Augenarzt im Ruhestand ist mit Juden und Israelis befreundet und hat sich im Jahr 2001 mit der Errichtung von Stelen auf dem Platz „Am Sande“ in Gedenken an die Opfer des Holocaust sowie für die Einzäunung des jüdischen Friedhofes in Stade einen Namen gemacht und kritisiert seit Jahren die von ihm beobachteten Verdrängungsmechanismen der Stader Bürger im Umgang mit dem Nazi-Erbe: Er lehnt ein Gedenkbuch, dessen Seiten „schnell zerfleddern“ und eine Verwahrung in einer „verschlossenen Kammer“ ab. „Es müssen steinerne Stelen sein und die gehören in die Öffentlichkeit und damit ins Freie zwischen Kirche und Gericht.“

Dr. Deggim betont, dass Bücher durchaus mehrere Hundert Jahre haltbar sein können und kein Gedenken zweiter Klasse symbolisierten.

Der Kulturausschuss vertagte die Entscheidung wegen weiteren Beratungsbedarfs. Spätestens bis zum 8. Mai 2020, dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, soll eine Lösung gefunden werden.

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Kommentar: Künstler als neue Ideen-Geber befragen

Weiterer Rat ist gefragt. Ich schlage vor, Künstler zu fragen, die sicherlich das richtige Gespür für die Darstellung einer solchen „offenen Liste“ haben und vielleicht ein Denkmal schaffen, das über die pure Datenpräsentation hinausgeht, und die Seele der Angelegenheit betont: Alle Opfer sind ebenbürtig und Mord verjährt niemals.
Moment mal
Den Kreis der Ideen-Geber könnte man durch eine Ausschreibung für Künstler erweitern. Vielleicht finden auch Kreative eine Möglichkeit, das Gedenken modern zu inszenieren, um so auch die junge Generation zu erreichen.
Thorsten Penz