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Michael Quelle: "Helmut Lent wurde verklärt"

Linken-Politiker Michael Quelle hat monatelang zum Thema Helmut Lent recherchiert Fotos: bc/Quelle
 
Auf diesem Gräberfeld in Stade ruhen Helmut Lent (li.) und drei weitere Angehörige der Luftwaffe
bc. Stade. Einer der erfolgreichsten deutschen Nachtjäger-Piloten im Zweiten Weltkrieg ruht auf dem Stader Garnisonsfriedhof: Helmut Lent, ein hochdekorierter Wehrmachtssoldat. 1943 wurde er zum Kommodore des in Stade stationierten Nachtjagdgeschwaders 3 ernannt. Insgesamt 16 Monate lebte er mit seiner Familie in Stade, bis er mit 26 Jahren am 5. Oktober 1944 bei Paderborn bei einem Absturz ums Leben kam.
Nach diesem Helmut Lent, der am deutschen Überfall auf Polen 1939 beteiligt war, ist seit mehr als 50 Jahren eine Bundeswehr-Kaserne in Rotenburg benannt. Ein Stader könnte mit seinen Recherchen dafür sorgen, dass dies bald nicht mehr der Fall ist. „Mein Ziel ist es, dass diese Kaserne umbenannt wird“, sagt Michael Quelle von den Linken.
In Rotenburg herrscht seit Längerem eine intensive Diskussion über die Umbenennung. Erst jüngst hat sich die örtliche Politik im Kreistag mehrheitlich dagegen ausgesprochen, zuvor haben schon der Stadtrat und die Soldaten der Kaserne für eine Beibehaltung des Namens votiert. Die Entscheidung trifft aber letztlich das Bundesverteidigungsministerium.
Quelle wurde von der „Initiative gegen falsche Glorie“ gebeten, zu recherchieren. Das hat er getan und bislang weitgehend unbekanntes Material über Lent zu Tage gefördert. „Lent ist als Held verklärt worden. Man hat nie genau hingeguckt, was er eigentlich gesagt hat“, so Quelle.
Im Niedersächsischen Staatsarchiv in Stade liegt ein seltenes Exemplar eines Lent-Erinnerungsbuches, verfasst von seiner Frau Lena. Lents Aussagen darin lassen wenig Spielraum für Interpretation, findet Quelle. Im August 1944 schrieb Lent z.B. an Wehrmachtskommandeure: „Die wirksamste Belehrung ist selbstverständlich eine Fahrt durch die zerstörten Städte. Die Besatzung, die dann noch nicht weiß, was sie zu tun hat, ist feige und muß ausgerottet werden. Vor allem aber ist es notwendig, den Soldaten klar aufzuzeigen, was geschehen würde, wenn es den Feinden gelänge, tatsächlich über uns herzufallen. Für uns bleibt als logischer Schluß nur die eine Antwort, daß wir in leidenschaftlicher und fanatischer Weise bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.“
Beim Staatsbegräbnis in Stade im Oktober 1944 sagte Generalmajor Ibel über Lent: „Sein Glaube an den Sieg und unsere gerechte Sache war felsenfest und ist gerade in den letzten schweren Monaten nur fester geworden. Dieser Glaube lag begründet in seiner heißen Liebe zur Heimat und seiner unübertrefflichen Treue zum Führer und seiner Sache.“
Quelle hat seine Zusammenstellung über Lent der Rotenburger Politik vorgetragen und auch an das Bundesverteidigungsministerium sowie das „Zentrum für Militärgeschichte Sozialwissenschaften“ geschickt. In einer Antwort des Ministeriums an Quelle heißt es: „Ihre Hinweise nehmen wir dankend zur Kenntnis und diese werden in die Überlegungen und Überprüfungen einbezogen.“
Eine finale Entscheidung auf Bundesebene soll noch in diesem Jahr fallen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat bereits erklärt, sie würde die Kaserne gerne umbenennen. 


Kommentar


Heute noch ein Vorbild für deutsche Soldaten?

Ministerin von der Leyens Worte sind klar und deutlich: So einer wie Lent sei für die heutige Bundeswehr nicht mehr sinnstiftend. Ein Linken-Politiker aus Rotenburg sagte jüngst vor TV-Kameras: Lent vertrete Werte, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. In einem gemeinsamen Europa, in einer gemeinsamen Welt.
Rotenburgs Landrat Hermann Luttmann sieht das ein wenig anders. Lent sei ein erfolgreicher Soldat gewesen, der seine Pflicht erfüllt habe, wenngleich auch in einem Krieg, der nicht tolerierbar gewesen sei.
Die große Frage: Kann einer wie Helmut Lent, der mehrmals von Adolf Hitler persönlich geehrt wurde, heute noch Vorbild für die deutschen Soldaten sein? Auf einer Erinnerungstafel auf dem Stader Garnisonsfriedhof steht zwar geschrieben, dass seine persönliche Einstellung zum Nationalsozialismus unklar gewesen sei, er aber stets eine systemkonforme Haltung an den Tag gelegt habe. So beklagte er bei seinem ersten Einsatz in Polen, „dass es ihm nicht vergönnt war, noch einen Gegner aus der Luft abzuschießen“ und hoffte „noch zur rechten Zeit an den Drücker zu kommen“.
Logisch, einer, der damals nicht dabei war, kann sich schwer in die Lage eines Soldaten unter Führung der Nazis hineinversetzen. Wenn man jetzt allerdings die neuen Erkenntnisse über Lents Haltung objektiv betrachtet, ist es schwer nachzuvollziehen, den Namen der Kaserne beibehalten zu wollen.
Warum sich die Rotenburger so schwer damit tun, den Namen zu ändern, bleibt mir ein Rätsel. Zumal der frühere Stader Stadtarchivar Dr. Jürgen Bohmbach schon 2004 schrieb, dass Lents Erinnerungsbuch „ungebrochen 'Führergläubigkeit' und Verabsolutierung des Militärischen, des Kampfes widerspiegelt“.
Björn Carstens