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"Für uns ist das ein Riesen-Schock!"

Ein Fernsehteam befragte Anwohner
 

Nach Festnahme eines Terrorverdächtigen in der Flüchtlingsunterkunft in Otter rätseln Helfer über das Doppelleben des Redouane S.

bim. Otter. Er sei immer freundlich, aufgeschlossen und lustig gewesen, habe auch ab und an Alkohol getrunken. Niemand in seinem Umfeld vermutete, dass Redouane S. womöglich ein Terrorist des Islamischen Staates (IS) ist. Umso erschreckender die Nachricht für die Bewohner im 1.700-Seelen-Dorf Otter (Landkreis Harburg): In ihrer Mitte lebte der 24-jährige Marokkaner, der in die Anschläge in Paris mit 130 Toten und 352 teils schwer Verletzten im November 2015 verwickelt sein soll, monatelang unauffällig. Von dessen Festnahme durch Polizeibeamte des Bundeskriminalamtes in der vergangenen Woche erfuhren die meisten Bürger der beschaulichen Gemeinde aus dem Fernsehen oder dem Internet. Die wenigen, die mitbekamen, dass die Asylbewerberunterkunft im ehemaligen Gasthof Gerlach umstellt wurde, glaubten zunächst an eine Abschiebung.
Redouane S. soll Mitglied des Islamischen Staates (IS) sein und der Gruppe um das IS-Führungsmitglied Abdelhamid Abaaoud, einen der mutmaßlichen Planer und Attentäter der Anschläge in Paris, angehören. Redouane S. soll zwischen Oktober 2014 und Frühjahr 2015 in der Türkei und in Griechenland Wohnungen, die zur Anschlagsvorbereitung dienten, gesichert haben. Außerdem soll er in die Planungen und Vorbereitungen des Anschlags am 15. Januar 2015 in Verviers (Belgien) eingeweiht gewesen sein. Auch nach seiner Einreise nach Deutschland im Mai 2015, als er als einer der ersten Flüchtlinge in die Unterkunft im ehemaligen Gasthof Gerlach in Otter zog, stand er laut Bundesanwaltschaft in Kontakt zu der Gruppe um Abaaoud und hielt sich für weitere Anweisungen bereit.
Wie Flüchtlingshelfer berichten, war Redouane S. in einem sogenannten "Willkommenskurs", den Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthaltsstatus besuchen und der vom Land finanziert wird, um Flüchtlingen Deutschkenntnisse zu vermitteln und ihnen die deutsche Kultur näher zu bringen. Der Marokkaner habe an diesem Unterricht allerdings nur drei Mal teilgenommen. Auffallend sei gewesen, dass Redouane bereits ziemlich gut Deutsch sprach.
Tostedts Samtgemeinde-Bürgermeister Dr. Peter Dörsam hatte mit Flüchtlingshelfern aus Otter gesprochen. Es habe keine Anzeichen gegeben, dass der technisch interessierte Marokkaner womöglich ein IS-Terrorist ist. "Die Flüchtlinge in der Unterkunft sind verstört. Sie sind froh, dass so jemand geschnappt wurde, aber besorgt, dass sie mit ihm in einen Topf geworfen werden. Ich bin erschüttert über den Vorfall und dass sich ein möglicher Terrorist unter die Flüchtlinge gemischt und offenbar so gut getarnt hat, dass weder die Unterstützer noch die anderen Flüchtlinge etwas bemerkt haben. Aber ich bin auch heilfroh, dass jemand, der womöglich etwas mit den bestialischen Anschlägen in Paris zu tun hatte, verhaftet wurde. Das BKA hat gute Arbeit geleistet." Dörsam hofft, dass die gute Stimmung gegenüber den Flüchtlingen nicht kippt und sie nun alle unter Generalverdacht gestellt werden.
"Dass ein mutmaßlicher Terrorist in Otter lebte, ist ein Schock. Alle, die ich gesprochen habe, sind entsetzt", sagt Otters Bürgermeisterin Birgit Horstmann. "Man denkt, so etwas passiert in einer Großstadt, nicht auf dem Dorf. Man vermutet sowas einfach nicht bei uns. Aber im Zeitalter von Internet und Handy muss man wohl damit rechnen." Auch Birgit Horstmann hofft, dass durch diesen Vorfall nicht diejenigen Auftrieb bekommen, die gegen die Flüchtlingsunterbringung in Otter waren und den Flüchtlingen und ihren Unterstützern in der Vergangenheit Fahrräder und Autos beschädigt haben. "Es gibt viele Flüchtlinge, die zu Recht hier sind und unsere Hilfe brauchen", betont Birgit Horstmann.
Eine Flüchtlingshelferin kann immer noch nicht glauben, dass der fröhliche 24-Jährige mit der schnellen Auffassungsgabe, der kochte, wenn Partys waren, und auch gerne sang, unter Terrorverdacht steht. "Es ist ein komisches Gefühl. Man weiß nicht, wie man damit umgehen soll", sagt sie. Ebenso ergehe es sicher den anderen Asylsuchenden in der Unterkunft. "Die Jungs sind genauso vor den Kopf gestoßen. Vielleicht sind sie selbst vor den IS-Terroristen geflohen. Und dann sitzt da einer am Tisch, der mit ihnen Uno spielt und sich mit ihnen unterhält, und womöglich selbst ein Terrorist ist."
Das sogenannte "Café Trump", das internationale Café in Otter, soll wie gewohnt am Samstag stattfinden. "Sonst würde man ja die bestrafen, die hier wirklich Schutz suchen. Die haben sicher auch Gesprächsbedarf", meint die Unterstützerin.
Reiner Kaminski, Abteilungsleiter Soziales beim Landkreis, erfuhr Am Tag der Verhaftung vom Heimleiter in Otter von dem Einsatz des Bundeskriminalamtes und der Generalbundesanwaltschaft. Im Internet habe er dann gelesen, um wen es sich bei dem Verhafteten handelt. Ob weitere polizeiliche Maßnahmen erforderlich sind, prüfe die Polizei derzeit intern.

Redouane S., der in Untersuchungshaft sitzt, wird die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Im Falle seiner Verurteilung drohen ihm ein bis zehn Jahre Haft, teilte die Pressestelle des Generalbundesanwalts auf WOCHENBLATT-Nachfrage mit. Darüber, ob ein Auslieferungsantrag aus Paris vorliegt und ob es Verbindungen von Redouane S. zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin gibt, wollte die Pressestelle zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben machen.
Der Verfassungsschutz geht derzeit von einer „kleinen zweistelligen Zahl“ an potentiellen Gefährdern aus, die mit den Flüchtlingsströmen nach Deutschland gekommen sind. Einen von ihnen hatte es in die Nordheide geführt.