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Flüchtlingsunterbringung: Ehrenamtliche als nützliche Idioten des Landkreises?

Seit einem Jahr müssen die Flüchtlinge sich zu dritt ein kleines Zimmer teilen (Foto: privat)
 
Mit dem offenen Brief an den Landkreis (v. li.): Pastor Gerald Meier, Anja Pelz von der Freien Evangelischen Gemeinde und Ulrich Graß vom Forum für Zivilcourage
 
(Foto: privat)
bim. Landkreis. Auf zwölf Quadratmetern zu dritt wohnen und schlafen, sich mit neun Personen verschiedener Nationalitäten und kulinarischer Vorlieben eine Küche und auch noch sanitäre Anlagen teilen. Diese Art der Unterbringung ist menschenunwürdig - auch für Flüchtlinge. Konflikte sind programmiert. Daher hatten bereits vor drei Wochen Tostedter Flüchtlingsunterstützer einen offenen Brief an den Landkreis formuliert, um auf die Missstände der Dreifachbelegung der Zimmer in den Unterkünften aufmerksam zu machen. Nach dem entsprechenden WOCHENBLATT-Bericht wandte sich auch ein Winsener Flüchtlingsunterstützer mit deutlichen Worten an Landrat Rainer Rempe. Jetzt hat der Kirchenkreistag Winsen dem Landkreis einen Brief übergeben, in dem noch einmal mit Nachdruck die Rücknahme der Dreifachbelegung gefordert wird.
Die Flüchtlingsunterstützer erkennen die Leistung des Landkreises bei der Unterbringung und Versorgung der Asylsuchenden durchaus an, sehen aber dringenden Handlungsbedarf bei der Aufstockung der Belegung in den Unterkünften.
Wie berichtet, erschwert die Dreifachbelegung, die wegen des vormals großen Flüchtlingszustroms zunächst im Oktober 2015 nur als Notlösung gedacht war, auch die Arbeit der Ehrenamtlichen, die sich um die ohnehin oft seelisch belasteten Flüchtlinge kümmern. "Für alle, die mit der Flüchtlingsarbeit zu tun haben, war dieser Schritt vor fast einem Jahr nachvollziehbar. Den Flüchtlingen die Dreierbelegung zu vermitteln, war nicht einfach und funktionierte nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl der Unterstützer und der Heimleiter. Diese Belegung jetzt beizubehalten, ist nicht fair", sagt Ulrich Graß vom Tostedter Forum für Zivilcourage.
Der Ehrenamtliche aus Winsen formuliert es krasser: Er fühle sich "nachträglich einfach nur als nützlicher Idiot vom Landkreis benutzt".
Nicht zuletzt ist es auch den vielen ehrenamtlichen Unterstützern zu verdanken, dass es sowohl innerhalb der Unterkünfte als auch mit der Bevölkerung wenig bis keine Konflikte gibt, und dass auch die größten Kritiker der Aufnahme von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten mit ihrer Hetze kaum - oder nur in bestimmten Online-Foren - Gehör finden. "Wir wollen, dass die Betreuung weiter so friedlich und erfolgreich läuft wie bisher", betont Graß.
"Bei der Frage der Unterbringung muss man langfristig denken. Wenn die Flüchtlinge nicht jetzt integriert werden, werden die Kosten später höher sein, wenn zum Beispiel länger Sozialleistungen, Unterbringungskosten und eventuell mehr Polizeieinsätze bezahlt werden müssen", so Graß.
Der Kirchkreistag des Kirchenkreises Winsen schreibt nun: "Wir bitten den Landkreis Harburg, die Verdichtung zurückzunehmen und die Flüchtlinge auf die derzeit leerstehenden Unterkünfte im Landkreis zu verteilen. Der Landkreis möge die ursprünglich geplante und zugesagte Unterbringung in den Camps mit maximal sechs Personen pro Wohneinheit als Standard etablieren.
Wir sind uns der zusätzlichen finanziellen Belastung bewusst, sehen aber auch das Einsparpotential durch eine effektivere Integration."
Die offenen Briefe sehen die Unterstützer als Anstoß für eine politische Diskussion. Sie sind in den kommenden zwei Wochen zu zwei Gesprächsterminen ins Kreishaus eingeladen, bei denen es u.a. um die Dreifachbelegung geht.


Das sagt der Landkreis:
"Wir brauchen freie Plätze als Puffer"

(bim). Nachdem die Flüchtlingszahlen seit dem Frühjahr rückläufig sind und die Kritik der Flüchtlingsunterstützer immer harscher wird, gerät der Landkreis zunehmend in Erklärungsnot, warum die Dreierbelegung der Zimmer in den Flüchtlingsunterkünften nicht zurückgenommen wird. Umso unverständlicher ist die Dreifachbelegung, da diverse Unterkünfte im Landkreis leerstehen.
In sieben Unterkünften habe es vom Erstbezug an eine Dreierbelegung gegeben. Mit der Dreierbelegung in 17 Unterkünften im Kreisgebiet hat der Landkreis ab Oktober vergangenen Jahres 730 Plätze geschaffen. 250 weitere zusätzliche Plätze wären durch eine Dreifachbelegung in den Unterkünften Fleestedt, An Boers Soll in Buchholz, Rosengarten-Vahrendorf und Moisburg geschaffen worden - wenn sie denn schon in Betrieb wären. Auf WOCHENBLATT-Nachfrage erklärte Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis:
"Es handelt sich bei der Dreichfachbelegung nicht um eine Überbelegung. Ein direkter Zusammenhang zwischen Integration und der Belegung der Zimmer ist aus Sicht des Landkreises nicht herstellbar.
Mit der Dreifachbelegung wurden insgesamt innerhalb des Landkreises rund 980 Unterkunftsplätze geschaffen. Hierbei benötigen wir einen Puffer an freien Plätzen (derzeit 435 Plätze), um im Einzelfall Familiennachzug zu organisieren, ethnische und religiöse Aspekte zu berücksichtigen und auch Sondersituationen (Antritt einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle) zu lösen. Die Abkehr hiervon bedeutet, dass eine Vielzahl neuer Unterkünfte in Betrieb genommen werden bzw. im letzten Quartal 2016 auch neue Containeranlagen bestellt werden müssten.
Bereits in der jetzigen Situation ist die Pauschale des Landes bei Weitem nicht kostendeckend. Für den Landkreis ergibt sich in diesem Jahr voraussichtlich ein Defizit von 18,6 Millionen Euro im 'Produkt Migration'. Dieses Defizit würde dann noch erheblich steigen. Unter Berücksichtigung der Gesamtverantwortung für den Landkreis ist eine Abkehr von der Dreierbelegung nicht zu vertreten. Im Übrigen kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Flüchtlingszahlen kurzfristig wieder steigen; eine erneute Umstellung von Zweier- in eine Dreier-Belegung wäre nicht mehr umsetzbar.
Wenn Flüchtlinge Praktikums- bzw. Arbeitsplätze erhalten haben und es innerhalb der Unterkunft hierdurch aufgrund der Dreifachbelegung zu Unverträglichkeiten kommt, wird auch die grundsätzliche Möglichkeit eingeräumt, dass in diesen Fällen in Absprache mit der Heimleitung bzw. sozialen Betreuung und unserer Abteilung Migration eine andere Belegung gewählt wird bzw. ein Umzug der Bewohner, die einen Praktikums- bzw. Arbeitsplatz haben, angestrebt wird."