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Gegensteuern bei der Essensvernichtung: Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Valentin Thurn informierte unter dem Titel „Global denken - lokal essen“ am Kiekeberg

Valenin Thurn und Heike Duisberg-Schleier, Leiterin des Agragriums im Freilichtmuseum am Kiekeberg, im Lüneburger Landgarten des Museums
bim. Ehestorf. Warum landen so viele Lebensmittel im Müll, und was muss geschehen, damit Verbraucher Lebensmittel wieder mehr wertschätzen? - Darüber informierte der vielfach preisgekrönte Dokumentarfilmer und Autor Valentin Thurn (53) aus Köln jetzt rund 30 Interessierte unter dem Titel „Global denken - lokal essen“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg in Rosengarten-Ehestorf.
Die Verschwendung von Lebensmitteln sei lange Zeit verdrängt worden. Vor dem Jahr 2011 habe es dazu in Deutschland keine Studien gegeben, so Thurn. Inzwischen gehen Experten davon aus, dass allein in Deutschland jährlich 15 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Den Verbrauchern würden dabei 40 Prozent der Müllmenge angelastet.
„Es ist aber ein Problem der ganzen Kette“, machte Thurn deutlich. Man könne als einzelner nichts ändern, wenn es im Supermarkt keine entsprechend kleineren Packungsgrößen gebe. Andererseits könne der Supermarkt keine Angebote machen, wenn die Kunden es nicht abnehmen.
Insgesamt sei es aber so: „Sobald das Modell Supermarkt in einer Gesellschaft ankommt, werden Lebensmittel entwertet“, so Thurn. Denn der Griff in die immer gut gefüllten Regal entfremde uns von der Produktion. Und: „Unternehmen schmeißen nicht absichtlich weg, aber sie wollen auch nicht im Wettbewerb verlieren, wenn der Lieblingsjoghurt oder das Lieblingsbrot nicht mehr da ist“, erläuterte Thurn.
Die Distanz der Verbraucher zu den Produzenten führe dazu, dass das Wegwerfen leichter falle. Zudem verliere die Stadtbevölkerung die Fähigkeit, zwischen noch verwertbaren und nicht mehr genießbaren Lebensmitteln zu unterscheiden.
Ein Beispiel: Valentin Thurn sprach auf dem Markt mit einem Obsthändler, der gerade ein paar gelbe Trauben wegräumte. Er fragte: „Sind die schlecht?“ Der Händler: „Nein, so sind sie eigentlich am leckersten. Aber die Leute wollen lieber die grünen Trauben.“
Gemäß des Thurn-Films
„Taste the waste“ (koste den Abfall) sollten Verbraucher dazu kommen, nicht auf die perfekte Form von Obst und Gemüse zu achten, sondern auf den Geschmack. Inzwischen gibt es einige wenige Geschäfte, die sich der sonst weggeworfenen Produkte annehmen. So wie ein Berliner Startup-Unternehmen, das sogenannte „Misfits“ wie knollige Kartoffeln oder „dreiarmige“ Karotten verkauft.
Eine andere Lösung sei es, Rabatt auf Produkte nach Ablauf des Verfallsdatums zu gewähren. Diesbezüglich fordert Thurn von der Gesetzgebung, den Unterschied von Haltbarkeitsatum, nach dessen Ablauf die Produkte häufig noch genießbar sind, und von Verbrauchsdatum, nach dessen Ablauf gesundheitliche Gefahren drohen, auf den Verpackungen optisch besser darzustellen.
Ein Projekt, das eine bessere Verwertung von Lebensmitteln zum Ziel hat, ist z.B. das Food-
sharing. Die entsprechende Online-Plattform hat Valentin Thurn mitgegründet. Foodsharing gibt Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen, damit sie nicht in der Tonne landen.
Das Thema Verschwendung spiele auch bei der Diskussion um den Klimawandel eine Rolle. Global gesehen trage die Landwirtschaft zu 40 Prozent einen Anteil an der Erderwärmung, weil die moderne Landwirtschaft enorm viel Ernergie verbrauche und u.a. bei Verwendung von Stickstoffdünger Lachgas entweiche, das die Umwelt belaste.
Auch zum gefürchteten Freihandelsabkommen mit den USA, TTIP, hatte Thurn Interessantes zu berichten. Denn während hierzulande vile Menschen gegen TTIP protestieren, habe die EU afrikanische Länder vor einigen Jahren zu einem Freihandelsabkommen gezwungen. „Wir unterminieren damit die Fähigkeit der Bevölkerung dort, sich selbst zu versorgen“, so Thurn.
• Der Vortrag fand im Rahmen der EU-Open Project Days 2016 statt. Unter dem Motto „Europa in meiner Region“ wird die Öffentlichkeit darüber informiert, was Europa durch Förderprojekte in den Regionen bewirkt. Eines der Erfolgsprojekte der EU-Förderung ist das Agrarium im Freilichtmuseum, dessen Bau vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung mit 3,5 Millionen Euro gefördert wurde. Das Agrarium ist Deutschlands erste Ausstellungswelt zur Lebensmittelproduktion, Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft gestern, heute und morgen.