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Stimmen zum versuchten Putsch in der Türkei: „Regierung an der Urne abwählen“

Nach dem Putsch: Droht in der Türkei eine Diktatur? (Foto: viperagp@fotolia)
 
Necdet Savural (Foto: archiv)
(bim/tk/bc). Es sind Bilder wie aus einem Kriegsfilm: Panzer rollen durch die Straßen, Kampfflugzeuge und Hubschrauber kreisen über Ankara. Der Putsch-Versuch eines Teils des Militärs in der Türkei, bei dem fast 300 Menschen getötet und über 1.000 weitere verletzt werden, schockiert. Ebenso die Reaktion von Präsident Recep Tayyip Erdogan, der daraufhin 6.000 Personen verhaften und fast 3.000 Juristen entlassen lässt. Der misslungene Putsch spielt dem Machtmenschen Erdogan in die Karten. Sogar von der Wiedereinführung der Todesstrafe ist die Rede. Das WOCHENBLATT bat den gebürtigen Türken und CDU-Kreistagsabgeordneten Necdet Savural (62) aus Brackel um eine Einschätzung.
Der größte Teil von Necdet Savurals Familie lebt in Ankara, wenige 100 Meter Luftlinie von der Generalstabszentrale der Armee entfernt. Der 62-Jährige stand mit ihnen die ganze Nacht über in telefonischem Kontakt.
„Egal wie man über Herrn Erdogan denkt, ob man ihn mag oder nicht - er ist vom Volk gewählt und legitimiert, und auch die Regierung wurde mit absoluter Mehrheit gewählt und legitimiert. In einer Demokratie darf es für solche Art von Gewaltexzessen wie diesen Putschversuch keinen Platz geben. Der Weg, um eine Regierung abzulösen, ist und bleibt die Wahlurne“, so Savural.
Er sei froh darüber, dass der Putsch gescheitert ist. „Ich bin aber sehr erschüttert, wie einige Menschen mit den einfachen Soldaten, den Befehlsempfängern, umgegangen sind. Diese Brutalität, diese Unmenschlichkeit, diese Akte der Barbarei waren mir in dieser Form neu. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sich diese Dinge in meinem Geburtsland abspielen.“

Wie kommt es, dass der von vielen Deutschen sehr kritisch beurteilte Präsident Erdogan bei den in Deutschland lebenden Türken so beliebt ist?
Dazu sagt Necdet Savural: „Ich glaube, dass es dafür verschiedene Gründe gibt. Einen der wichtigsten Gründe hierfür sehe ich persönlich darin, dass es uns in Deutschland bis heute, immerhin nach über 50 Jahren, nicht gelungen ist, die hier lebenden türkisch-stämmigen Mitbürger so zu integrieren, dass sie sich zu Deutschland, zur Rechtsstaatlichkeit und zu unserem Grundgesetz bekennen und auch danach leben. Dieses Vakuum füllt wiederum die AKP, die so gut in Deutschland vernetzt ist.“
Und wie wird sich Erdogans Erstarken nach dem Putsch auf die EU und Deutschland auswirken?
„Wir als Europäer sollten Ruhe bewahren, auch was z.B. die EU-Visumfreiheit und die Flüchtlingsaufnahme angeht“, meint Necdet Savural. „Es ist wichtig und richtig, dass dieser Militärputsch gescheitert ist. Recep Tayyip Erdogan und die türkische Regierung müssen jetzt einen neuen Anfang wagen oder sich von der zivilisierten Welt verabschieden. Ich glaube und hoffe sehr, dass Erdogan und Regierungschef Binali Yildirim diesen gescheiterten Putsch zum Anlass nehmen, um die Bevölkerung zu vereinen und zu versöhnen, so wie Herr Ministerpräsident Yildirim vor einigen Tagen bekannt gab: ‚Wir möchten eine neue Politik, außen wie innen, um Freundschaften zu vermehren‘.“
• Der Buxtehuder Frisörmeister Bülent Erdemir gibt angesichts der kritischen Stimmen aus der EU zu den Reaktionen auf den Putsch seitens der türkischen Regierung zu bedenken: „Was wäre gegenwärtig die Alternative zu Erdogan?“ Europa sei nicht damit gedient, wenn die Türkei durch innenpolitische Unruhen destabilisiert werde. „Bei aller berechtigten Kritik muss die EU jetzt der Türkei eine Perspektive bieten“, so Erdemir.
Die Folgen des Putsches werden die Menschen noch einige Wochen oder Monate emotional bewegen. „Ich denke, dass dann allmählich Ruhe einkehrt.“ Der in Deutschland aufgewachsene Buxtehuder sagt: „Die Menschen in der Türkei wollen in Ruhe ihr Leben leben.“
• Osman Can (60), SPD-Ratsherr aus Stade, ist ca. 200 Kilometer von Istanbul entfernt aufgewachsen, lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Er sagt: „Mich haben die Ereignisse insofern überrascht, dass das Militär in einer angeblichen Demokratie in dieser Form eine Rolle spielen kann. Nach intensiver Zeitungsrecherche drängt sich bei mir jedoch der Verdacht auf, dass der Putsch inszeniert sein könnte, um die Rechte des Staatspräsidenten auszuweiten. Das ist aber nur eine Vermutung.“ Fakt sei, dass die Entwicklung, die die Türkei nehme, erschreckend sei und geradewegs auf eine Diktatur zusteuere. „Warum werden jetzt zum Beispiel tausende Richter abgesetzt oder sogar verhaftet? Erdogan ist freiheitlich und demokratisch an die Macht gekommen, genau diese Freiheit will er jetzt beschneiden“, so Osman Can.