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Maritimer Schatz hinter dem Deich - WOCHENBLATT-Serie „Lost Place“, Teil11: Die ehemalige Sietas-Werft in Grünendeich

Vicco Meyer zeigt eine der Sägen aus einer der beiden Schiffszimmermannskisten
 
Das Werftgelände mit der Slip-Anlage und dem alten Werftschuppen
(jd). Beim Namen Sietas denkt jeder gleich an die krisengeschüttelte Traditions-Werft an der Estemündung. Doch auch an der Lühe gab es eine Sietas-Werft. In Grünendeich wurde ein besonderer hölzerner Schiffstyp, die Lühe-Jolle, gebaut. Der letzte dieser Mini-Lastensegler, die zum Obsttransport dienten und auf die schmale Lühe zugeschnitten waren, lief vor rund 100 Jahren vom Stapel. Danach spezialisierte sich die Werft auf die Reparatur und Verlängerung von Schiffen mit Stahlrumpf. Der Werftbetrieb ist längst eingestellt, doch vieles blieb erhalten: Das alte Gelände wirkt wie ein kleines Freilichtmuseum.

Welch maritimer Schatz sich in Grünendeich verbirgt, ist von der Straße nicht zu erkennen. Wer einen Blick auf die Werft werfen will, muss erst den schmalen Pfad zur Deichkrone erklimmen. Zwischen dem Wohnhaus der Familie Sietas und dem alten Werftschuppen neigt sich das Gelände bis zum Ufer der Lühe hinab. In Richtung Fluss führen mehrere Schienen. Sie gehören zur Slipanlage, die noch immer genutzt wird - von der "Sportbootgemeinschaft Sietas".

Die kleine Truppe von Freizeit-Skippern hat hier ihr Winterquartier für die Boote. "Der letzte Werftinhaber Helmut Sietas lagerte zuletzt nur noch Boote ein und verpachtete das Gelände schließlich an uns Sportboot-Fahrer", berichtet Vicco Meyer. Der Hobby-Segler hat sich für ein Buchprojekt mit der Geschichte der Sietas-Werft befasst. Nach seinen Recherchen trug die Werft seit 1800 den Namen Sietas. Der vorherige Besitzer war unerwartet verstorben und ein Angehöriger der Schiffsbauerdynastie von der Este ging an die Lühe, um sich dort eine Existenz aufzubauen: Jacob Hinrich Sietas fand Gefallen an Werft und Witwe, heiratete letztere und wurde Firmenchef.

Meyer öffnet die Tür eines kleinen Holzunterstandes: Darin verbirgt sich die Elektro-Winde, mit der die Boote aus dem Wasser gezogen werden. "Die Winde halten wir gut in Schuss, denn ohne sie wären wir aufgeschmissen", sagt der Freizeitkapitän. Früher ging das nur mit viel Muskelkraft: Mittels einer großen Gangspill wurden die Schiffe aufs Trockene befördert. "Dann holte Herr Sietas die Gesellen vom benachbarten Schlachter, damit diese mit anpacken."

Im Werftschuppen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: An den Wänden hängen Tampen und die alten Arbeitsgeräte. Meyer weist auf zwei besondere "Schatzkästchen": die Werkzeugkisten des Vaters und Großvaters von Helmut Sietas. Akkurat sind darin Hobel, Sägen und Stecheisen verwahrt: Mit solchen Gerätschaften wurden im Laufe der Jahrzehnte rund 60 Lühe-Jollen gebaut. Während die Männer an den Schiffen werkelten, verdienten die Frauen ein kleines Zubrot: Sie betrieben einen Ausschank, in denen sich Lüheschiffer und Obstbauern zum Bierchen trafen. "Werft und Wirtschaft - das gehörte oftmals zusammen, berichtet Meyer. Bis vor ein paar Jahren erinnerte das Schild "Bierlokal Jacob Sietas" an diese Tradition.


Die letzte Lühe-Jolle

Auf der Sietas-Werft wurde die letzte noch existierende Lühe-Jolle gebaut: die „Nixe“. Das Boot lief 1884 vom Stapel und war später als Krabbenkutter in Büsum im Einsatz. Am Ende war es nur noch ein Wrack. Auf Initiative des Fördervereins Lühe-Aue kam die „Nixe“ zurück in ihre alte Heimat. Es ist geplant, sie neben dem Handwerksmuseum in Horneburg auszustellen.