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"Freie Schule Nordheide": Lernen soll begeistern

Gründungsmitglieder der Initiative um Jan Lürtzing-Brodersen (re.) und Unterstützer mit ihren Kindern
 
Abklatschen: Jan Lürtzing-Brodersen kann seinem Sohn Lukas den Wunsch auf eine Schule, wie er sie braucht, erfüllen (Foto: privat)
bim. Dohren. Jan Lürtzing-Brodersen hat Grund zur Freude. Vor rund einem Jahr versprach er seinem damals neunjährigen Sohn Lukas: „Du bekommst eine Schule wie du sie brauchst“ (das WOCHENBLATT berichtete). Jetzt ist der 32-jährige Vater seinem Versprechen, mit rund 14 weiteren Mitstreitern eine demokratische Schule zu gründen, ein großes Stück näher. Das Konzept für die "Freie Schule Nordheide" und der Antrag auf Genehmigung der Schule sind bei der Landesschulbehörde eingereicht. Lürtzing hofft, dass der Unterricht an der alternativen Schule ab Ende des Jahres starten kann. Das einzige, was noch fehlt, sind die notwendigen Räumlichkeiten.
Jan Lürtzing-Brodersen ist qualifizierter Kindertagespfleger und leitet seit zweieinhalb Jahren in Dohren (Samtgemeinde Tostedt) mit seiner Kollegin Janina Harder den ersten Natur-Hort der Region, "Die Naturkinder". Für die "Freie Schule Nordheide" nach Vorbild der demokratischen Schulen gibt es den Trägerverein „Lebensnahes Lernen“, dessen Vorsitzender Jan Lürtzing ist.
Die "Freie Schule Nordheide" wird eine halbtägige Grund- und Oberschule. Das Besondere: Die Schüler der Klassenstufen 1 bis 4 sowie 5 bis 10 entscheiden selbst, wie der Unterricht gestaltet wird. Sie lernen in kleinen altersübergreifenden Gruppen und lernen, was sie begeistert. "Die Kinder finden sich, weil sie das Gleiche lernen wollen und nicht, weil sie gleich alt sind", so Jan Lürtzing. „Kinder kommen neugierig und mit viel Wissensdurst auf die Welt. In der Schule wird das in vorgegebene Bahnen gelenkt, der Spaß am Lernen geht verloren“, so Lürtzings Überzeugung. An der demokratischen Schule sollen die Kinder die Möglichkeit zum selbstbestimmten Lernen erhalten und so zu selbstständig denkenden, verantwortungsvollen und sozial kompetenten Mitgliedern der Gesellschaft heranwachsen. Trotz des alternativen Konzepts erlangen die Schüler den regulären Haupt- oder Realschulabschluss.
Die Schule ist zwar demokratisch, aber mit soziokratischen Entscheidungsprozessen. Das heißt, Kinder und Jugendliche mit anderer Meinung werden nicht überstimmt, sondern jede Stimme wird gehört. Dieses Gefühl, ernstgenommen zu werden, sei wichtig, erläutert Jan Lürtzing, "weil Gewalt dort entsteht, wo Menschen nicht gehört werden."
Absolute Wunsch-Räume gebe es für diese alternative Schule in der ehemaligen Jugendherberge in Handeloh-Inzmühlen. Dort steht neben Räumen, in denen einst bis zu 163 Gäste übernachten konnten, ein 60.000 Quadratmeter großes Naturgrundstück zur Verfügung. So könnten Lernen und Naturerleben - wie es sich die Schul-Gründer vorstellen - optimal miteinander verbunden werden. "Die Kinder könnten zum Beispiel Essen selbst anbauen oder mit Holz arbeiten. Daraus erschließt sich viel, etwa Mathematik bei der Errechnung des Saatgutes oder der Berechnung von Statik", erläutert Jürgen Lürtzing. 500 Quadratmeter der Gebäudefläche würde der Trägerverein gerne für die "Freie Schule" mieten.
• Am Samstag, 14. April, von 14 bis 17 Uhr findet im Kulturbahnhof Holm-Seppensen die erste Infoveranstaltung statt. Die Mitglieder der Initiative stellen das Schulkonzept vor und geben Einblick in den aktuellen Stand des Gründungsprozesses. Dann können sich auch interessierte Eltern anschließen und Schüler angemeldet werden. Auch Quereinsteiger sind willkommen. Weitere Infos per E-Mail an: kontakt@freieschule-nordheide.de.

Werden Steuergelder verbrannt?

Sowohl der Förderverein der Jugendherberge als auch die Gemeinde würden nach wie vor nach Interessenten für das Objekt suchen, erklärt Fördervereinsvorsitzender André König, vorrangig einen gemeinnützigen Träger oder Vereine, die naturnahe Jugendarbeit unterstützen. Eine Teilnutzung durch die Schule sei von den Nutzungszeiten her sicher eine gute Ergänzung. Auch Bürgermeister Heinrich Richter erklärt, grundsätzlich sei gegen eine derartige Nutzung nichts einzuwenden. Allerdings müsse erst jemand gefunden werden, der eine gemeinnützige GmbH als Träger für die dann dort beheimateten Initiativen und Vereine gründet, oder ein Betreiber, der die Räume vermietet.
Es gebe mehrere potentielle Interessenten, so André König weiter, darunter ein aussichtsreicher "Kandidat", der gerne die gesamte Jugendherberge samt Gelände nutzen würde. Mit ihm werde es in den kommenden Tagen weitere Gespräche geben. Letztlich müssten die Gemeinde und der Rat entscheiden.
Hintergrund: Die Jugendherberge gehört der Gemeinde Handeloh, die Gebäude und Gelände mit finanzieller Unterstützung der Samtgemeinde Tostedt Ende 2015 erworben hat. Die Samtgemeinde hat die Herberge an den Landkreis für die Flüchtlingsunterbringung vermietet. Hintergrund war, dass der Landesverband Nordmark des Deutschen Jugendherbergswerks die Immobilie veräußern wollte und der Landkreis Harburg zu Hochzeiten des Flüchtlingstromes dringend nach Unterbringungsmöglichkeiten suchte. Die Gesamtinvestitionskosten für Ankauf, Brandschutzmaßnahmen und Umbauten wurden damals mit rund 900.000 Euro angegeben, die sich binnen drei Jahren amortisieren sollen.
Gleich zu Beginn gab es ein echtes "Küchenchaos", als der Landkreis wegen Fehlplanungen in die Kritik geriet (das WOCHENBLATT berichtete exklusiv). Weil dort zunächst rund 160 erwachsene Flüchtlinge einziehen sollten, wurde die vorhandene Großküche aus- und zehn Kochplätze, jeweils mit Herd und Ofen, eingebaut. Doch stattdessen wurden dann bis zu 60 der sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in der Jugendherberge einquartiert - und die Großküche wieder eingebaut, wodurch der Landkreis rund 6.000 Euro in den Sand setzte.
In der Jugendherberge wohnten zuletzt noch 20 jugendliche Flüchtlinge, die jetzt in Heimerziehung oder betreuten Wohneinrichtungen in Buchholz, Jesteburg, Undeloh, Scharmbeck, Stelle und Winsen umquartiert wurden.
Bleibt zu hoffen, dass sich bald eine neue Nutzung der Jugendherberge ergibt. Denn der Mietvertrag läuft noch bis 31. Januar 2019. Ohne eine neue Nutzung würden die Räume neun Monate lang leer stehen und der Landkreis Harburg weiter Miete aus Steuergeldern zahlen. Genaue Zahlen, wie hoch die Mietkosten sind, nennt der Landkreis nicht, man darf aber von einem sechsstelligen Euro-Betrag ausgehen.