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Massenrausch in Handeloh: "Ich hielt die Kapseln für harmlos"

Stefan S. wusste angeblich nicht, dass die Psycho-Droge mittlerweile verboten ist Fotos: archiv/dpa
 
Mehr als 160 Rettungskräfte kümmerten sich bei dem Großeinsatz in Handeloh-Inzmühlen um die Seminarteilnehmer
bc. Handeloh/Stade. Bundesweit machte der Massenrausch von Handeloh (Landkreis Harburg) im September 2015 Schlagzeilen. Am Donnerstag begann nun vor dem Landgericht Stade der Prozess gegen den Veranstalter des Seminars, in dem es vor allem um Bewusstseinserweiterung gehen sollte. Weil Stefan S. dafür auch Drogen mitbrachte, lief das Seminar vollends aus dem Ruder. Letztlich mussten alle 27 Teilnehmer und der Angeklagte ins Krankenhaus.

Der Schwurgerichtssaal ist voll besetzt, einige damalige Seminarteilnehmer schauen sich die Verhandlung an. Stefan S. (52), äußerlich Typ Öko mit Stoffhose und Mokassins, muss sich wegen des Besitzes und Überlassens von Betäubungsmitteln zum unmittelbaren Verbrauch verantworten. Mit sanfter, ruhiger Stimme holte der Beschuldigte zu einer langen Erklärung aus. Seine ihm wichtigste Botschaft: „Meine Unachtsamkeit und dass ich das Vertrauen der Teilnehmer enttäuscht habe, ist für mich persönlich das Schlimmste.“

Was war passiert? Der angeklagte Psychotherapeut aus der Nähe von Aachen erklärt das Geschehene aus seiner Sicht. Zum Seminar in dem Tagungszentrum „Tanzheimat Inzmühlen“ habe er 30 Kapseln des Amphetamins 2C-E in „niedriger Dosis“ (zehn Milligramm) mitgenommen. So dachte er nach seinen Angaben zumindest. Wie sich herausstellte, waren die Pillen jedoch mit der Chemikalie „Bromo-DragonFLY“ versetzt, die eine halluzinogene und psychedelische Wirkung hat. „Mein Fehler war es, dass ich mich auf die Angaben des Verkäufers verlassen habe“, sagt Stefan S.

Die Folge: Alle Teilnehmer, darunter Ärzte, Unternehmer, Erzieher, Informatiker und Heilpraktiker, litten unter Krampfanfällen, Atemnot, Paranoia oder Halluzinationen. Den mehr als 160 Rettern bot sich ein dramatisches Bild.

So einen Großeinsatz wie im September 2015 gab es in der Region wohl noch nie. Fast 30 Menschen krümmen sich vor Schmerzen auf dem Rasen des Tagungszentrums „Tanzheimat Inzmühlen“ in Handeloh, halluzinieren, schreien, sind teilweise nackt, bewusstlos oder extrem aggressiv.

Der Hanstedter Arzt Jörn Jepsen, der als erster Notarzt vor Ort war und jetzt auch als Zeuge vor Gericht aussagte, schilderte damals dem WOCHENBLATT die Situation: „Bei unserem Eintreffen lagen mehrere Personen auf dem Rasen, andere im Seminarraum, niemand war mehr ansprechbar.“ Einige der Betroffenen hätten wirres Zeug geredet, andere seien tief bewusstlos gewesen. „Wir hatten den Eindruck, als wenn die Personen massiv unter Drogen gestanden hätten, das war ein dramatisches Bild“, so Jepsen. Bei einigen Personen hätte die Gefahr eines Atemstillstandes bestanden.

Das Tagungszentrum „Tanzheimat Inzmühlen“ glich einem Tollhaus. Schnell war klar: Hier kann es sich nur um einen Drogen-Missbrauch handeln. Seit Donnerstag muss sich nun der Seminarleiter, Psychotherapeut Stefan S., vor dem Stader Landgericht verantworten. Er räumt die Vorwürfe ein, gibt sich reuig - mit kleinen Einschränkungen.

Bereits 2013 habe er die mittlerweile verbotene Substanz 2C-E bei einem Bekannten „legal“ erworben. Wer der Verkäufer war, will Stefan S. nicht verraten. „Ich hielt die Kapseln für harmlos. Zehn Milligramm verursachen keinen Rausch. Ich hätte aber wissen müssen, dass sie inzwischen verboten sind“, so der Angeklagte vor Gericht, bei dem auch ein Fläschchen LSD gefunden wurde, das aber nicht zum Einsatz gekommen sein soll.

Die freiwillige Einnahme der 2C-E-Kapseln - sie sollten der Wahrnehmungs-Erweiterung dienen - hätte er den Teilnehmern zuvor erläutert. Als die Seminar-Teilnehmer die Drogen einwarfen, seien er und seine Frau auf einem einstündigen Spaziergang in der Heide gewesen. Nachdem sie zurückkehrten, trank er nach seinen Angaben Wasser aus einer Karaffe. „Dem Wasser muss auch etwas 2C-E beigemischt gewesen sein“, sagte Stefan S..

Die Einnahme der Substanzen sei nur ein Baustein in dem Seminar gewesen, das ansonsten von vielen gruppendynamischen Elementen geprägt sei. So wurden z.B. Teilnehmer mit verbundenen Augen von einer Begleitperson durch den Wald geführt. „Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters, ob er denn noch einmal ein solches Seminar anbieten würde, antwortete Stefan S.: „Nein, nie wieder.“

Für die Sachschäden an der Tanzheimat sei er aufgekommen. Nach dem Vorfall in Handeloh sei sein Ruf als Psychotherapeut ruiniert. Er arbeite nur noch „minimalst“ in der Therapie. Womöglich werde die Kammer nach einem Urteil seine Zulassung überprüfen. 130.000 Euro Schulden bei Freunden und Banken hätten sich mittlerweile angehäuft. „Ein finanzielles Desaster“, so der nicht vorbestrafte Angeklagte.

Ursprünglich war auch die Frau von Stefan S. mitangeklagt. Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft Stade wurde das Verfahren aber gegen die Zahlung einer Geldbuße eingestellt.

Die Betreiberin der Tanzheimat, Stefka Weiland, sagte am ersten Prozesstag als Zeugin aus. Sie bestätigte, dass sie Stefan S. schon vor dem „Unfall“ drei Jahre gekannt habe. Er und seine Frau hätten bereits öfter Seminare in Handeloh veranstaltet. Noch heute spürt sie bei Buchungen die Nachwirkungen des Dramas. Das Internet vergisst nicht.
Der Prozess wird am 22. November fortgesetzt (9.15 Uhr). Übrigens: Von den Seminar-Teilnehmern wird keiner vor Gericht aussagen.

2C-E alias Aquarust

Stefan S. ist nach eigenen Worten ein Befürworter des umstrittenen Verfahrens der Psycholyse. Dahinter steckt die Einnahme von Rauschgift bei der Heilung von Traumata. Drogen sollen die Seele öffnen und Ängste bezwingen. Dabei kommt auch 2C-E alias Aquarust zum Einsatz. In Deutschland ist die Methode verboten.
In Handeloh habe er keine Psycholyse durchgeführt, betonte Stefan S. vor Gericht. „Ich erkenne jedoch das Bedürfnis des Menschen nach Bewusstseinserforschung an. Bei dem Seminar hätte ich das Mittel aber auch weglassen können“, so der Angeklagte.