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Trauma nach einer Vergewaltigung: "Es gibt ein Leben danach"

"Ein Mensch ist niemals ganz zerstört": Colette Schiwietz arbeitet als Psychologin bei "Lichtblick"

tk. Buxtehude. "Es ist möglich damit zu leben und das Erlebte zu überwinden", sagt Colette Schiwietz. Das ist der wichtigste Satz, den die Psychologin Frauen und Mädchen mitgibt, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind und die in der Beratungsstelle "Lichtblick" Hilfe suchen. In wenigen Wochen wird voraussichtlich der Prozess gegen den mutmaßlichen Buxtehuder Schulhofvergewaltiger beginnen. Das WOCHENBLATT wollte von der Expertin wissen, wie Opfer das Trauma einer Vergewaltigung überwinden können.

Wer mit der Psychologin redet, merkt schnell: Es gibt weder Patentrezepte oder einen Königsweg zurück in eine Normalität. "Die Folgen eines längeren Missbrauchs können andere Auswirkungen haben als eine überfallartige Vergewaltigung, die wie eine Naturkatastrophe über die Opfer hereinbricht", so Schiwietz.

Sie vergleicht die seelischen mit körperlichen Verletzungen. "Es kommt auf die Selbstheilungskräfte der Seele an", die Schiwietz mit dem Immunsystem des Körpers vergleicht. Wer hier Stärken habe, könne Erlebtes leichter verarbeiten.

Das Ziel einer Therapie müsse es sein, das Erlebte - etwa eine Vergewaltigung - nicht zu verdrängen, sondern als Ereignis in der Vergangenheit zu lassen und das Jetzt davon zu trennen. "Wachsenden emotionalen Abstand", nennt die Psychologin den Weg. Auch wenn das Beschreiten dieser Straße anstrengend sei, gebe der Weg auch Kraft. Instinktive Gefühle wie Wut, Hass, Scham oder auch Angst brauchen ihren Raum, aber die Vernunft beginne, einen neuen Rahmen zu schaffen. Einen Rahmen, im dem eine Vergewaltigung mit mehr Abstand betrachtet werden könne.

Eine Therapie sei kein Muss, doch ein Trauma ohne Hilfe verarbeiten zu wollen, sei schwierig. "Dabei kommt es auf ein soziales Umfeld an, das den Menschen trägt und auffängt", sagt Schiwietz.

Wer nur verdränge und nicht verarbeite, laufe Gefahr, vom Erlebten eingeholt zu werden: Eine Stimme, ein Geruch könne reichen und die Panik von einst werde wieder wach.
Opfer einer Vergewaltigung hätten oft das Gefühl, dass alles zerstört sei und schlussfolgern: Ich bin selbst zerstört, so Colette Schiwietz. "Jeder Mensch hat aber Ressourcen, um zu überleben." Das Gute und Starke zu finden sei wichtig, denn "niemals ist ein Mensch ganz zerstört".

Am Schwierigsten sei oft der allererste Schritt. Der zu einer Einrichtung, die Opfern hilft. Der Mut, das zu tun, bedeute nämlich auch zu akzeptieren, dass etwas geschehen sei und nicht verdrängt werden könne. Egal, was vorgefallen ist, "ein Opfer trägt keine Schuld". Das ist eine Botschaft, die Colette Schiwietz genauso wichtig ist wie der Satz, dass es möglich ist, das Trauma einer Vergewaltigung zu überwinden.