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"Hünnemeyer reloaded wird es nicht geben": 20 Jahre Rat in 20 Fragen

"Ich wäre mit Michael Lemke nach jeder Sitzung ein Bier trinken gegangen", sagt Lorenz Hünnemeyer über einen seiner politischen Lieblingsgegner
tk. Buxtehude. Lorenz Hünnemeyer (CDU) gibt seinen Ratssitz ab. In 20 Jahren hat er nicht nur mit seinen karierten Golfhosen Profil als politischer Dressmann der Christdemokraten gewonnen. Scharfzüngig, pointiert und vor allem kurz und knapp hat er Debatten bereichert. Im WOCHENBLATT gibt es keinen Abgesang auf den streitbaren Geist, sondern das Interview „20 Jahre Rat in 20 Fragen“

WOCHENBLATT: Wieso sind Sie Ratsherr geworden?

Lorenz Hünnemeyer: Damals dachte ich, ich täte der CDU gut. Liberal-konservative Einstellung, und ich bekam auch im Stadtverband die notwendige Unterstützung. Schwups - war ich Ratsherr.

WOCHENBLATT: Kann der Rat überhaupt ohne Sie?

Hünnemeyer: Aber sicher, und zwar sehr gut. Alles hat seine Zeit, ich habe meine gehabt und mein Nachfolger wird sich auf seine Art einbringen, neue Ideen haben und anders auf die Menschen zu gehen. Es wird spannend bleiben.

WOCHENBLATT: Was war die schrecklichste Sitzung Ihres Lebens?

Hünnemeyer: Die erste Bau-Ausschusssitzung. Hans Albert Kusserow hatte mich gebeten nachzuhaken, wann mit dem Ausbau des Grasweges in Ottensen zu rechnen sei. Das tat ich auch ganz unbedarft und ein wilder Sturm brach über mich herein, quer durch die Verwaltung plus sämtliche Fraktionen hackten alle auf mir herum. Ein Kuckucksei im Nest. Danach war mir klar: Stelle möglichst keine Fragen deren Antworten du nicht kennst. Übrigens; der Weg ist bis heute noch nicht ausgebaut.

WOCHENBLATT: Ihr politisches Lieblingsthema?

Hünnemeyer: Die Festigung des Standortes Buxtehude als Mittelzentrum durch intensive Wirtschaftsansiedlung, Wohnungsbauförderung und eine kulturell interessante Infrastruktur. Das Verhindern eines Verkommens der Stadt zur reinen Schlafstadt für Hamburg.

WOCHENBLATT: Ihr politischer Lieblingsgegner?
Hünnemeyer: Eigentlich Rudi Fischer, weil er so unendlich ignorant und blasiert sein konnte – halt ein Anwalt – und schamlos, wider besseres Wissen, seine alten Entscheidungen aus gemeinsamen Tagen kontakarierte. Aus sportlicher Sicht Michael Lemke, nicht im Thema, aber immer dabei. Mit ihm sind die Grünen auch in Buxtehude im System angekommen.
WOCHENBLATT: Was ist Ihnen in der Politik am meisten „auf den Keks“ gegangen?

Hünnemeyer: Das ewige Reden und das Hinauszögern der offensichtlich notwendigen Entscheidungen nur aus der Angst vor dem Gesichtsverlust. Dafür sind wir nicht gewählt. Aber auch, dass man selbst so gehandelt hat.

WOCHENBLATT: Ist ein Leben ohne Politik lebenswert?

Hünnemeyer: Aber klar, und ich könnte mit ja einen Mops kaufen, okay, bei mir wäre es wieder eine Englische Bulldogge.

WOCHENBLATT: Wird man Lorenz Hünnemeyer als Bundestagsabgeordneten sehen?

Hünnemeyer: Dazu bräuchte es ja zunächst eine Partei die mich ertragen würde, also nur die CDU. Die ist gut in Berlin vertreten und bei mir hat sie ja noch nicht einmal den Mut für den Kreisvorstand gehabt. Ergo: ein klares Nein.

WOCHENBLATT: Irgendeine politische Entscheidung, die Sie heute bereuen?

Hünnemeyer: Die Mehrzweckhalle an der Apensener Strasse. Bei dem, was nun in Buxtehude im Werden ist, hätte man da eine stärkere Beteiligung, auch finanziell, vonseiten der Stadt ins Auge fassen müssen. Wir wären heute weiter und besser unterwegs.

WOCHENBLATT: Sie sind ein Querdenker. Wieviel Harmoniebedürfnis hat Lorenz Hünnemeyer?

Hünnemeyer: Ganz viel, ich streite nicht um des Streitens willen. Aber die vorherige Auseinandersetzung und Diskussion ist Voraussetzung für einen tragfähigen Kompromiss. Wer den von Anfang an sucht, vergibt sofort ein mögliches besseres Ergebnis. Danach muss aber auch wieder Ruhe sein. Ich konnte nach jeder Sitzung, fast jeder, mit Michael Lemke ein Bier trinken gehen. Haben wir nicht, aber hätten wir tun können!

WOCHENBLATT: Wer nimmt Ihren Platz als bestgekleidetster Ratsherr ein?

Hünnemeyer: Es muss nicht für alles einen Nachfolger geben.

WOCHENBLATT: Der Rat ist veraltet. Wie kann Politik für Jüngere interessanter werden?

Hünnemeyer: Politik ist für Jugendliche interessant, muss ihnen Platz machen und ihnen auch ihre Möglichkeiten zur Entfaltung geben. In ihrer Kulturform. Es kann nicht angehen, dass es im Rat immer noch keine vernünftige Kommunikationsplattform wie Smartphones, Laptops etc. gibt. Das scheitert tatsächlich mit Rücksicht auf die „Dinos“. Das ist aber auch Ausdruck einer geistigen Bewegungslosigkeit.

WOCHENBLATT: Irgendeinen Tipp für Ihren Nachfolger?

Hünnemeyer: Halt dich gerade und denk nach.

WOCHENBLATT: Der Strafverteidiger als Staatsanwalt: Welche politische Sünde aus Buxtehude gehörte angeklagt?

Hünnemeyer: Das ist nicht meine Rolle - aber es ist sehr, sehr ärgerlich, dass es nicht gelungen ist, die Wirtschaftskraft von expandierenden mittelständischen Unternehmen mit Regionalbezug nach Buxtehude zu holen oder zu halten. Ich denke z.B. an Eisbär Eis oder auch Schwarz Cranz.

WOCHENBLATT: Werden Sie als Polit-Pensionär jetzt auf der Zuschauerbank im Rat sitzen?

Hünnemeyer: Ich tauge weder zu Waldorf noch zu Stadler aus der Muppet Show, aber wenn es was Spannendes gibt oder der Beruf es erfordert, warum nicht? Ich gehe doch nicht im Zorn. Freunden bei der Arbeit zu zusehen kann ja auch spannend sein.

WOCHENBLATT: Privat hat es Sie in den Landkreis Harburg verschlagen. Gibt es dort eine Art „Hünnemeyer reloaded“ in irgendeinem Rat?

Hünnemeyer: Nein, ich möchte nicht mehr durch irgendwelche Gaststätten mit den Ausschüssen tingeln. Außerdem braucht mich dort auch niemand.
WOCHENBLATT: Die drei „geilsten“ Momente in 20 Jahren Rat?
Hünnemeyer: Die erste Bürgermeisterwahl von Jürgen Badur; der Abend im Ratssaal – einfach unbeschreiblich. Meine erste Ratssitzung als Ratsvorsitzender – Hausmeister für einen Abend. Über den dritten Moment schweige ich und geniesse.

WOCHENBLATT: Welchen Satz haben Sie während einer Sitzung nie gesagt, würden ihn aber gerne noch loswerden?

Hünnemeyer: „Ich habe die Schnauze voll. Ich gehe jetzt.“ Lag mir öfter auf der Zunge, aber ich hätte es im Nachhinein bereut und wäre dem Auftrag des Bürgers nicht gerecht geworden.

WOCHENBLATT: Bitte beenden Sie folgenden Satz: Es wurde schon alles gesagt, aber...

Hünnemeyer: … leider nicht alles zu Ende gedacht.

WOCHENBLATT: Welche Frage möchten Sie noch beantworten, die nicht gestellt wurde?

Hünnemeyer: Keine, aber ich möchte mich bei allen Menschen bedanken mit denen ich als Ratsherr zu tun gehabt habe. Bei den Mitarbeitern der Stadt, den Bürgern und auch den politischen Freunden und Gegnern. Ich war sicherlich nicht immer auf den Punkt da, aber habe es gern gemacht. Es hat neue Freundschaften gebracht und alte zerstört. Ich hoffe, dass ich keine bleibenden Verletzungen geschlagen habe und sicherlich war einiges im Gefecht nicht notwendig. Dafür möchte ich Entschuldigung sagen und um Nachsicht bitten.