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"Geburtshilfe" für kleine Meerforellen

Sportangler Ulf Martens mit einer Meerforelle. Der Fisch wird nach dem Ablaichen wieder ausgesetzt.
 
Da zappelt es im Netz: Jens Brauer (Mitte) hat mit dem Kescher eine Meerforelle erwischt. Frank Jablonski (li.) und Rüdiger Peters helfen ihm, den Fisch ins Boot zu holen.

Auf Fischfang in der Aue: Mitglieder des Harsefelder Sportangel-Vereins betreiben Naturschutz auf ganz besondere Weise.

(jd). Für viele gehört Fisch zu einer Silvesterfeier einfach mit dazu: Kein Party-Buffet ohne Räucherlachs oder Forellenfilets, kein Fest-Dinner ohne den traditionellen Silvesterkarpfen. Dabei interessiert es kaum jemanden, dass der Lachs aus dem Supermarkt nicht artgerecht in Unterwasser-Farmen gehalten wurde. Und wer weiß schon, dass dieser Fisch einst die Gewässer entlang der Elbe bevölkerte. Ebenso wie dessen Verwandte, die Meerforelle. Dass diese inzwischen vermehrt in Oste, Este und Co. zurückkehrt, ist oft den Anglervereinen zu verdanken. Im Dezember waren wieder zahlreiche Petri-Jünger unterwegs, um der Meerforellen-Population auf die Sprünge zu helfen. Das WOCHENBLATT begleitete die Mitglieder des Harsefelder Sportangel-Vereins auf ihrem "Fischzug" an der oberen Aue.
Ausgerüstet mit einem Boot, warmer Kleidung und wasserdichten Wathosen geht es frühmorgens los: Der Vorsitzende Ulf Martens weist die Handvoll Vereinskameraden ein, die sich am Startpunkt, der Auebrücke bei Kakerbeck, eingefunden haben. Die einen fahren per Boot bachabwärts Richtung Harsefeld, während sich die anderen bereithalten, um die gefangenen Fische zum Ablaichen zu transportieren. Doch dazu später mehr.
"Was wir hier machen, ist aktiver Artenschutz", erklärt Martens. Der Verein sorge dafür, dass die Meerforelle wieder in der Aue heimisch werde. Dieser stattliche Fisch, der rund einen Meter groß und bis zu 20 kg schwer werden kann, sei früher wie der Lachs scharenweise zum Laichen in die kleinen Bäche aufgestiegen, so Martens. Die Begradigung der Fluss- und Bachläufe und die zunehmende Wasser-Verschmutzung hätten dann beiden Arten weitgehend die Lebensgrundlage entzogen.

Entwässerung der Felder führt zur Versandung der Bäche

Damit es in der Region wieder mehr Meerforellen gibt, betätigen sich die Harsefelder Angler sozusagen als Hebammen: Sie fangen die geschlechtsreifen Fische, die alljährlich im zeitigen Winter von der Nordsee zum Ablaichen dorthin zurückkehren, wo sie einst geschlüpft sind. Ohne die "Geburtshilfe" der Sportfischer hätte der Forellen-Nachwuchs nur eine geringe Überlebenschance: Die Aue sei völlig verschlickt, so Martens. Durch die von den Landwirten angelegten Gräben und Drainagen würden Unmengen von Sand in den Bach transportiert. Für die Eiablage muss das Bachbett aus Kies bestehen. An zwei Stellen hat der Verein bereits künstliche Kiesbänke angelegt, doch das reicht längst nicht aus.
So wird der Natur eben ein wenig nachgeholfen. Um die Meerforellen lebend aus der Aue zu holen, bedienen sich die Angler einer ganz besonderen Technik: "Das nennt sich Elektrofischen", erläutert Martens. In das Wasser wird über ein Kupferdraht schwacher Gleichstrom geleitet. Das ist der Minus-Pol. Die Angler im Boot halten zwei Käscher ins Wasser, die als Plus-Pol fungieren. Diese erzeugen ein Spannungsfeld. "Die Fische werden nun magisch vom Kescher angezogen", beschreibt Martens die Prozedur.

Fische werden nach dem Ablaichen wieder ausgesetzt

Zwischendurch wird die zappelnde Fracht dem Transport-Team übergeben. In speziellen Bassins geht es per Pkw zu Detlef Hagedorn, der in Ohrensen eine Fischzucht betreibt. Der Bio-Ingenieur hat sich zwar auf Zierfische wie Kois spezialisiert, doch bei ihm sitzt jeder Handgriff so perfekt, als hätte er es täglich mit Meerforellen zu tun. Bevor Hagedorn den Rogen (Eier) aus den Weibchen und die Milch (Samen) aus den Männchen herausstreicht, wandern die Fische in eine Wanne mit einem Betäubungsmittel. "Das nimmt den Tieren den Stress", erläutert der Fischzucht-Experte. Sobald die künstliche Befruchtung abgeschlossen ist, geht es ins "Aufwach"-Becken. Dort drehen die Fische noch ein paar Runden, bis sie wieder in der Aue ausgesetzt werden.
Die frisch befruchteten Eiern wandern unterdessen in die Brutkammer. In etwa zwei Monaten wird der Nachwuchs schlüpfen. Vier Wochen bleiben die Jungfische dann gut geschützt vor Fressfeinden in Hagedorns Obhut. Danach werden sie in den Nebenbächen der Aue ausgesetzt. Dort halten sich die Meerforellen etwa zwei bis drei Jahre auf, bis es auf die große Reise elbabwärts geht. Im Durchschnitt laicht ein Weibchen pro Jahr etwa 10.000 Eier ab. "Unsere Aktion ist erfolgreich, wenn davon am Ende zwei Tiere überleben und in die Aue zurückkehren", sagt Martens.